Hä, was heißt denn Lesbe?

Lesben sind Frauen, die Frauen lieben, oder? Nicht unbedingt, denn die Frage danach, wer eine Lesbe ist, kann politisch, historisch, philosophisch oder soziologisch beantwortet werden. In jedem Fall besteht ein Spannungsfeld zwischen unterschiedlichen Lagern.
Der Begriff geht auf die antike griechische Dichterin Sappho zurück, die u. a. Frauen liebte und auf der Insel Lesbos lebte, deren Bewohner*innen als „lesbisch“ bezeichnet werden. Erst im Frankreich des 17. Jahrhunderts fing man an, sich damit auf homosexuelle Frauen zu beziehen.
Auch heute noch werden in apolitischeren Definitionen Lesben als „frauenliebende Frauen“ (im Englischen ist die Abkürzung WLW für „women loving women“ geläufig) verstanden. Doch es gibt unterschiedliche Ansätze, nach denen Lesben überhaupt keine Frauen sind. So argumentiert die französische Theoretikerin Monique Wittig 1978, dass die Kategorie Frau durch die soziale, sexuelle und ökonomische Abhängigkeit von Männern geprägt ist. Diese treffe auf Lesben jedoch gar nicht zu, da diese in der Regel bewusst ohne Männer leben.
Lesbe als eigene Geschlechtsidentität bietet auch Raum für all jene, die nicht genderkonform leben, sich aber nicht in Kategorien wie nicht-binär oder transmaskulin wiederfinden. Deshalb gibt es in FLINTA ein L für Lesben, aber kein B für bisexuelle Frauen – Letztere können sich als Frauen oder Lesben identifizieren. Das „L“ in FLINTA haben sich die Lesben erkämpft, die in damaligen Frauenräumen zwar aktiv waren, jedoch von heterosexuellen Frauen häufig unsichtbar gemacht wurden.
Aber Moment mal! Bisexuelle Frauen als Lesben? Auch darüber wird leidenschaftlich diskutiert. Lesbe als politische Kategorie geht über Monosexualität hinaus. Manche Lesben, die auch trans Männer begehren, identifizieren sich trotzdem als Lesben und nicht als bisexuell. Gleichzeitig gibt es transmaskuline Personen und trans Männer, die sich als Lesben verstehen. Und manche bisexuellen Frauen, die auch mit cis Männern schlafen, bevorzugen den Begriff „Lesbe“ für sich, weil es eben nicht zuletzt auch ein politisches Label ist.
„Feminism is a theory; lesbianism is a practice“, so lautet ein berühmter Slogan der US-amerikanischen Lesbenbewegung der 1970er-Jahre. Der Satz ist auf die Radikalfeministin Ti-Grace Atkinson zurückzuführen. Aus diesem Gedanken entspringt auch der politische Lesbianismus, bei dem Feministinnen, die eigentlich auch auf Typen stehen, sich dafür entscheiden, nicht mehr länger „mit dem Feind ins Bett“ zu gehen. Das Stereotyp der Feministin als männerhassende Lesbe ist also nicht zufällig entstanden. Diese Entscheidungsmacht wird von vielen Radikalfeministinnen nicht allen Frauen zugestanden. So gibt es bis heute Bestrebungen, trans Frauen aus lesbischen (und Frauen-) Räumen auszuschließen. Dass manche Lesben sich dafür instrumentalisieren lassen, ist traurig, weil historisch vielen von ihnen selbst – vor allem Butches, Studs und anderen Maskulinitäten – in Razzien und Kontrollen das Frausein abgesprochen wurde.
Im englischen Sprachgebrauch hat sich „Dyke“, eine zurückeroberte Beschimpfung für Lesben, als Selbstbezeichnung etabliert, die auch in Deutschland verwendet wird. Hier hat der Begriff jedoch keine Geschichte des Reclaimings, da „Lesbe“ allein oder „Kampflesbe“ immer noch abwertend verwendet werden.
Dieser Text erschien zuerst in Missy 04/26.