Literatur- und Comictipps 04/26
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Richtig großes Glück
„So empfand ich das damals: dass die physische Welt bloße Äußerlichkeit war, eine Maske, hinter der sich die wichtigen Elemente des Lebens verbargen.“ Die namenlose Ich-Erzählerin in Harriet Armstrongs Debütroman führt uns durch ihre Studienzeit und damit durch die ständige Suche nach Bedeutung. Von den Umständen ihres Campuslebens erfahren die Leser*innen wenig, vielmehr entfaltet sich die Erzählung im Vergleich zwischen Kindheitserfahrungen und neuen, unentdeckten Empfindungen, die ihr den Zugang zu Körperlichkeit, Emotionen und Gefühlen eröffnen. In den feinfühligen Vergleichen liegt auch die Schönheit von Armstrongs Sprache – kleine, doch tiefgreifende Beobachtungen bedeuten für die Protagonistin die Welt. Die Erzählung erforscht ihre intensiven Gefühle: Einsamkeit, Außenseiter*innentum, Lustempfinden, Zuneigung und ihr Wandeln innerhalb des Geschlechterkonstrukts. Unglücklich verliebt beginnt die Protagonistin in selbstzerstörerischen Vorstellungen von Tod und Verschwinden Komfort zu gewinnen. „Richtig großes Glück“ ist keine Wohlfühl-Coming-of-Age-Geschichte. Der Roman schafft es, ohne Romantisierung ein klischeefreies Bild einer jungen Frau zu zeichnen, die durch eine Fülle von Erfahrungen stolpert und dabei geleitet wird von Unangepasstheit, Wut und Überforderung. Anna Katharina Breitling
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Harriet Armstrong „Richtig großes Glück“ (Aus dem Englischen von Cornelia Röser. Luchterhand, 288 S., 22 Euro)

Der Fall Ebby Freeman
Was bedeutet es, zu überleben? Und wie lebt man weiter, wenn die Schuld zur ständigen Begleiterin wird? In ihrem zweiten Roman erzählt Charmaine Wilkerson von Ebby Freeman, die nach einem öffentlichen Beziehungsdrama nach Frankreich flieht. Doch der eigentliche Grund liegt tiefer: Als Kind verlor sie ihren Bruder bei einer Tragödie, die ihr Leben bis heute prägt.
Wilkerson verbindet Gegenwart und historische Fiktion zu einer vielschichtigen Familiengeschichte über Trauer, Identität und Generationentrauma. Im Zentrum steht der Krug „Old Mo“, ein seit sechs Generationen vererbtes Stück, das die Freemans mit der Weisheit ihrer Vorfahren, ihrer afroamerikanischen Geschichte und ihrer Suche nach einem Leben jenseits des geerbten Schmerzes verbindet. Dass der Krug am selben Tag zerstört wird, an dem Ebbys Bruder stirbt, verstärkt seine symbolische Kraft.
Die Autorin verwebt Themen wie Liebe und Herzschmerz, Leben und Tod, Freiheit und Verfolgung. Dabei beleuchtet sie wenig bekannte Aspekte afroamerikanischer Geschichte, wie Töpferhandwerk und Seefahrt im Kontext der Versklavung, und fügt damit eine bislang selten gehörte Stimme in den Chor ein, aus dem Geschichte besteht.
Die zahlreichen Zeitsprünge erzeugen ein literarisches Pingpong, stellenweise etwas zu ausufernd. Dennoch überzeugt „Der Fall Ebby Freeman“ als bewegende Erzählung darüber, wie Familiengeschichte Identität formt und wie Heilung möglich wird, wenn man sich erlaubt, mehr zu sein als das eigene Trauma. Nicole Hoffmann
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Charmaine Wilkerson „Der Fall Ebby Freeman“ (Aus dem Englischen von Britt Somann-Jung. S. Fischer, 416 S., 20 Euro)

Ich geh jetzt los und bring mich um
He Hanqing kümmert sich Tag für Tag um ihren Mann und die Schwiegerfamilie, mit der sie unter einem Dach lebt. Aufmerksamkeit erfährt sie meist nur, wenn es etwas zu kritisieren gibt – etwa, weil sie zu lange auf der Toilette war. Denn seit Hanqing während der Kulturrevolution als Jugendliche aufs Land geschickt wurde, „um von den armen und mittleren Bauern zu lernen“, leidet sie unter chronischer Verstopfung. Ihr Leben scheint fremdbestimmt: Maos politische Kampagnen verhinderten eine formelle Bildung, die Ansprüche der Schwiegerfamilie und ihr geplagter Darm bestimmen ihren Alltag.
Doch Hanqing beginnt zu grübeln: Was wäre, wenn sie diesem Trott ein Ende setzte? Dieser Frage geht der innere Monolog nach, der Fang Fangs Roman trägt. Trocken, präzise und zugleich einfühlsam erzählt „Ich geh jetzt los und bring mich um“ von Schicksal, Klassenverhältnissen und patriarchalen Strukturen. Wie schon in ihrem Roman „Glänzende Aussicht“ (1987) und ihrem Pandemietagebuch „Wuhan Diary“ (2020) zeichnet Fang Fang dabei ein vielschichtiges Porträt ihrer Heimatstadt. Erlösung oder Emanzipation der Protagonist*innen verspricht sie nicht, stattdessen eine die eigenen Lebensumstände reflektierende Ergebenheit. „Ungebildete haben ihre eigenen Stärken“, denkt Hanqing. „Sie können den Kopf vielleicht nicht hochhalten, aber sie können den Kopf herhalten.“ Merle Groneweg
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Fang Fang „Ich geh jetzt los und bring mich um“ (Aus dem Chinesischen von Karin Betz. Hoffmann und Campe, 160 S., 24 Euro)

Honey
Wenn ein Fingerschnippen den Tod herbeiruft, ist es dann schon Mord? Was wie ein philosophisches Gedankenexperiment klingt, wird für die Protagonistin Realität. Die Linie zwischen Leben und Tod verläuft dünner als gedacht. So sieht sich Ysra, die kluge und abgeklärte Doktorandin in Cambridge, mit den Konsequenzen ihrer Unüberlegtheit konfrontiert. Als sie den Professor trifft, der ihre Freundin sowohl um ihre Gefühle als auch ihre Forschungsergebnisse betrogen hat, rechnet sie mit ihm ab. Der Roman, der nicht nur philosophische Fragen zwischen zuckersüßer Rache und verhärtetem Machtmissbrauch diskutiert, besticht gleichzeitig mit raffinierten Details und britisch-trockenem Humor. Er verhandelt Pessimismus auf eine fesselnde Art. Imani Thompson schreibt auch über Langweile und andere Gefahren in Heterobeziehungen sowie über die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten Schwarzer Befreiung in einer rassistischen Gesellschaft – damit geht ihre Erzählung über die Grenzen einer Mordgeschichte hinaus.
Die Verflechtung von theoretischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen mit dem Spannungsbogen eines fast unspektakulären Todes macht es mit jeder Seite schwerer, Imani Thompsons Debütroman aus der Hand zu legen. L.A. Evans
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Imani Thompson „Honey“ (Aus dem Englischen von Asal Dardan. Rowohlt, 416 S., 25 Euro)

Eine einfache Wahrheit
Die Wahrheit: Janna, Protagonistin in Corinna Krenzers Debüt, muss sie sich hart erkämpfen. Dreißig Jahre nachdem sie als Teenager mit ihren Eltern aus der DDR floh, kehrt sie dafür in ihr Heimatdorf zurück. In Kohltal scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Janna lehnte sich hier schon als Kind auf gegen Zäune, Schwimmverbote und Massenimpfungen, unterstützt und liebevoll aufgefangen durch ihren Vater, der selbst mit dem DDR-System fremdelte, obwohl er es eigentlich aktiv gestalten wollte. Doch irgendwann kommt es zu einem irreparablen Bruch zwischen Vater und Tochter …
Krenzer gelingt es, dass die erdrückende Atmosphäre in Kohltal durch die Buchseiten hindurch spürbar wird. Sie verwebt Rückblenden aus Jannas Kindheit mit den Ereignissen der Jetztzeit des Romans: Jannas verzweifelter, absolut entschlossener Suche nach dem Grund, aus dem sich ihr Vater kurz nach der Flucht das Leben nahm – und warum er ihr dafür die Schuld gab. „Eine einfache Wahrheit“ erzählt eine DDR-Geschichte, die es so noch nicht dutzendfach gibt. Die größten Stärken des Romans sind die authentischen Beschreibungen von Jannas Kindheit und die unbequeme Protagonistin selbst, als rebellisches Kind und als verbissene Erwachsene. Leoni Schmidt-Enke
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Corinna Krenzer „Eine einfache Wahrheit“ (Kjona Verlag, 240 S., 24 Euro, VÖ: 21.07.)

Feindliche Feminismen
In „Feindliche Feminismen“ geht Sophie Lewis gewaltvollen Kontinuitäten in feministischen Bewegungen auf den Grund. Anhand von zwölf Archetypen, wie der „Pro-Life-Feministin“ oder der „Girlboss“, setzt sie sich mit dem Kanon feministischer Denker*innen und Aktivist*innen aus dem angloamerikanischen und westeuropäischen Raum auseinander und entlarvt koloniale und rassistische Argumente. Sie zeigt auf, dass der Feminismus in seiner zweihundertjährigen Geschichte rassistische Gewalt relativierte, Imperialismus, Faschismus und eugenische Ideale unterstützte und (Trans-)Misogynie reproduzierte. Spätestens nach der Lektüre ist klar: Nicht alle Bewegungen, die sich gegen das Patriarchat positionierten, waren auch emanzipatorisch. Für Theorie-Nerds sind viele dieser Kritiken nicht neu, aber Lewis sammelt und analysiert die gewaltvollen Kontinuitäten eindrucksvoll.
Lewis schreibt mit Präzision in einem akademischen Ton, der durch Witz, persönliche Anekdoten und popkulturelle Referenzen aufgelockert wird. Die feindlichen Feminismen kritisiert sie scharf, ohne sie zu canceln. Stattdessen ruft sie zum politischen Streit und zur kritischen Auseinandersetzung miteinander auf. Das Buch reiht sich in eine Reihe brillanter Publikationen ein, die gegenüber weißem cis Feminismus Stellung beziehen. Maike Huber
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Sophie Lewis „Feindliche Feminismen“ (Aus dem Englischen von Lisa Jureczko. Unrast Verlag, 354 S., 28 Euro)

Body
Ein verschwunden geglaubter Vater lebt in einem Haarkokon an der Decke eines Lagerraums weiter. Ein kleiner Junge kastriert sich selbst mit einer Bastelschere, damit er nicht erwachsen werden muss. Ein Paar tauscht die Körper, Haare und Zähne inklusive, um einander ganz nah zu sein. Nein, die Schwedin Ellika Lagerlöf hat keinen Body-Horror-Erzählband geschrieben. Sie setzt nicht auf Schockmomente, sondern erzählt in ihrem literarischen Debüt ganz lapidar von Autokannibalismus oder einer unkonventionellen Geburt. Ihre Figuren erleben das Seltsame oftmals weniger irritiert als die alltägliche Welt, dessen Teil sie ohnehin nicht sind. Das ist Weird-Girl-Fiction – Melissa Broder, aber weniger horny, Ottessa Moshfegh, aber weniger nihilistisch, Sayaka Murata, aber weniger apokalyptisch – oder „realistischer Absurdismus“, wie Lagerlöf selbst ihren Stil bezeichnet. Die 16 Kurzgeschichten sind aus der Ich-Perspektive erzählt und wirken auch deshalb wie knappe Einträge in ein Traumtagebuch, weil keine moralische Instanz anwesend ist, die bewerten könnte. Um die psychologische Motivation der Figuren geht es hier nicht. Kurzgeschichten bieten Autor*innen die Möglichkeiten zum literarischen Experiment, was Lagerlöf mit viel Humor und großem Ideenreichtum nutzt. Wir dürfen gespannt sein auf ihren Debütroman! Anni Reith
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Ellika Lagerlöf „Body“ (Aus dem Schwedischen von Karoline Hippe. Hoffmann und Campe, 158 S., 24 Euro)

Ungefragter Rat in einer angespannten Gegenwart
Mit sprachlicher Präzision und Humor schreibt Roxane Gay über digitale Hasskultur, Rassismus, Popkultur und Politik, aber auch über Pamela Anderson, Spotify oder die Frage, warum Vatertagsgeschenke meistens eine Zumutung sind.
Obwohl sich viele der Texte auf die US-amerikanische Politik beziehen, lassen sie sich dennoch problemlos auf deutsche Kontexte übertragen. Schreibt Gay bspw. über männliche Politiker: Sie „drücken unpopuläre Gesetze durch, um in einer Welt nach ihren Wünschen leben und so viel Macht und Reichtum wie möglich anhäufen zu können“ (S. 67), dann möchte man an dieser Stelle doch ganz herzlich Friedrich Merz grüßen.
Gays Essays sind klug, ambivalenzaushaltend, mal detailliert, mal aufs große Ganze bezogen. Sie kitzeln das Gehirn auf eine Art, die das an stumpfe Reels und vereinfachte Thesen auf Insta-Kachel-Slides gewöhnte Organ fast vergessen hat.
Die Essays wollen nicht krampfhaft recht haben, vielmehr wirken sie wie eine Einladung zum Gespräch. Gay legt ihre Gedanken offen, sagt: Das ist meine Meinung, jetzt bist du dran! Bilde dir deine eigene. Und das ist doch erstaunlich erfrischend.
Einer Freundin schrieb ich: Das Buch entschleunigt mich. Es denkt Argumente zu Ende und befreit mich zumindest teilweise aus meiner gesellschaftspolitischen Ermüdung. Lucie Andritzki
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Roxane Gay „Ungefragter Rat in einer angespannten Gegenwart“ (Aus dem Englischen von Laura Su Bischoff.
S. Fischer, 400 S., 26 Euro)

Ungesunde Verhältnisse
Für ihr Buch „Klassenreise. Wie die soziale Herkunft unser Leben prägt“ porträtierten die Autorinnen Brigitte Theißl und Betina Aumair vor einigen Jahren Menschen, die als Aufsteiger*innen gelten: wie Arbeiter*innenkinder, die als Erste in ihren Familien studiert haben. Dabei bemühten sie aber nicht die Mär vom Aufstieg durch Leistung, der doch für alle möglich sei, sondern erzählten anhand vielfältiger Erfahrungen, wie die Klasse, in die man hineingeboren wird, das eigene Leben dauerhaft bestimmt – und vor allem, wie ungerecht das Bildungssystem in Österreich immer noch ist.
„Glück ersetzt in unserer Gesellschaft strukturelle Gerechtigkeit“, heißt es nun folgerichtig in ihrem neuen Sachbuch „Ungesunde Verhältnisse“, das einen ganz ähnlichen Untertitel trägt wie das erste gemeinsame Buch. Hier setzen die Autorinnen jedoch nicht auf Personalisierung, sondern blicken aufs große Ganze: Umfassend beleuchten sie, wie Klassenverhältnisse, vor allem bezogen auf Österreich, wirken und Bereiche wie Gesundheit, Bildung, Arbeit und Justiz durchdringen. Dafür haben sie mit zahlreichen Expert*innen, Wissenschaftler*innen, Betroffenen und zivilgesellschaftlichen Akteur*innen gesprochen. Das ist ausgezeichnet recherchiert – und immer wieder eine frustrierende Lektüre, weil so viele Lösungsansätze, etwa für ein gerechteres Schulsystem, auf der Hand liegen, gut erforscht sind und trotzdem so wenig passiert. Warum das so ist, erklären die Autorinnen eindringlich und gut verständlich. Ein Mustread, für alle, die sich in Österreich mit Klasse und Klassismus auseinandersetzen. Anna Mayrhauser
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Brigitte Theißl & Betina Aumair „Ungesunde Verhältnisse“ (Haymon, 312 S., 22,90 Euro)

Verlorene Schäfchen
Eine Familie auf Abwegen: Die Eltern, beschäftigt mit ihren Eheproblemen und der Frage, ob sie ihre Beziehung öffnen sollen, kümmern sich wenig um ihre drei Töchter, die alle drohen, auf die ein oder andere Weise abzudriften: In die Online-Radikalisierung, Verschwörungstheorien oder eine komplizierte Beziehung. Unterdessen hat der Pfarrer in ihrer Kleinstadt mit einer Mückenplage in seiner Kirche zu kämpfen, und in was für üble Machenschaften ist eigentlich der bedrohliche Tech-Milliardär verwickelt?
Seit Anfang des Jahres ihr Debütroman „Verlorene Schäfchen“ veröffentlicht wurde, gilt die 30-jährige Madeline Cash im anglophonen Raum als eine Art Literatur-It-Girl. Sie wurde vor allem für ihre präzise Beobachtung des (dezidiert US-amerikanischen) Vorortlebens und für ihren überdrehten Witz gefeiert.
Und ja, es ist erstaunlich erfrischend, von einer jungen Autorin einen multiperspektivisch angelegten Roman mit humoristischen Elementen zu lesen. So ganz gelungen ist „Verlorene Schäfchen“ aber leider nicht, fehlt es Cash ein wenig an Mut, ihre überspitzten Handlungsstränge wirklich durchzuziehen. Gerade das letzte Drittel verkommt in seiner Abenteuerqueste im Anwesen des Milliardärs doch sehr zu einem Jugendroman. Aber immerhin: Wo Romane meist gerne kürzer sein dürften, als sie sind, haben Cashs Figuren so viel Potential, man hätte sich 200 Seiten mehr gewünscht. Isabella Caldart
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Madeline Cash „Verlorene Schäfchen“ ( Aus dem amerikanischen Englisch von Sophie Zeitz, Penguin, 320 S., 24 Euro )

Ich will nicht arbeiten
Wer kennt das Gefühl nicht, einfach nicht mehr arbeiten zu wollen? Edith Feder, Hauptfigur in der vierten Graphic Novel der Comickünstlerin Nele Jongeling, würde eigentlich auch lieber nicht. Aber weil sie denkt, dass das nicht sein kann bzw. darf, dass irgendetwas an ihr falsch sein muss, nimmt sie an der großen Casting-Challenge „Projekt Traumjob“ des Bundesbüros für Beruf teil. Gemeinsam mit vier anderen Kandidat*innen wird sie in einem sterilen Gebäudekomplex kaserniert, soll sich nach Selbstverbesserungsratschlägen ausrichten und an ihrer „Motivation“ und Selbstdarstellung arbeiten. Vor kühlem Blau mit ockerbeigen Farbtupfern zeigt Jongeling, wie das hohle neoliberale Glücksversprechen die als Tiere gezeichneten Figuren zu Gratis-Hamstern im Entertainment-Rad macht. „Was, wenn ich meinen Traumjob gewinne und trotzdem nicht zufrieden bin?“, fragt Edith ihre Coachin – und zieht eigene Konsequenzen. Jongeling entkoppelt mit ihrem knallig cartoonigen Stil, der zwischen Witz und Melancholie changiert, die Gleichung Erfolg = Zufriedenheit und lässt Raum für leisen Widerstand. Sonja Eismann
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Nele Jongeling „Ich will nicht arbeiten“ (Reprodukt, 304 S., 29 Euro)

Schattenleben
Die Comiczeichnerin Lisa Frühbeis und der Journalist Jonas Seufert zeigen in „Schattenleben“ vier Menschen ohne Papiere: Brienne aus Thailand, Charlotte aus Kamerun, Dâu aus Vietnam und Nasir aus Somalia. Aus unterschiedlichen Gründen sind sie in Deutschland, wo sie ohne gültige Papiere ein Leben in größtmöglicher Anspannung und Unsicherheit führen. Sie haben Schicksalsschläge erlebt – von Obdachlosigkeit bis zu Zwangsprostitution. Ihr Alltag besteht aus ständig wechselnden Gelegenheitsjobs und Unterkünften und der Angst, entdeckt zu werden, weil Haft und Abschiebung drohen. Die in schwarz-weißen Tuschezeichnungen Porträtierten wünschen sich nichts mehr als eine feste Arbeitsstelle mit regelmäßigem Einkommen. Das würde endlich ermöglichen, was für andere selbstverständlich ist: Anmieten einer Wohnung, Zugang zu medizinischer Versorgung oder einem Kitaplatz. Im Buch sind es vier Geschichten – in der Realität Hunderttausende, die in Deutschland unter solchen Bedingungen „illegal“ leben müssen. Amelie Persson
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Lisa Frühbeis & Jonas Seufert „Schattenleben“ (Reprodukt, 160 S., 24 Euro)
Dieser Text erschien zuerst in Missy 04/26.