Musiknews 04/26
Von MissyRedaktion
Newcomer*innen

elimako
Frühe Inspiration:
Die Dixie Chicks!
Aktuelle Hyperfixation:
Wieder Fußball spielen
Wenn nicht Musik?
Dann im Klassenzimmer als Lehrerin
elimako macht Musik für Menschen, die nachts zu lange wach bleiben und dabei versuchen, sich selbst besser zu verstehen. Die 25-Jährige gehört seit einigen Jahren zu den spannendsten deutschsprachigen Indie-Pop-Acts – auch wenn sie noch immer eher unter dem Radar bleibt.
Dabei musiziert sie schon seit ihrer Kindheit: Erst schrieb sie kleine Gedichte, später komponierte sie Songs am Keyboard ihrer Oma. Mit 16 bekam sie ihren ersten Laptop und lud die eigenproduzierten Tracks heimlich auf Soundcloud hoch. Seitdem veröffentlicht sie Musik zwischen elektronischen Skizzen und Schlafzimmer-Sounds.
Was ihre Musik besonders macht, ist eine radikale Ehrlichkeit. In Songs wie „rahmen“ (2026) singt elimako über Druck, Erwartungen und das Gefühl, sich im Drumherum der Branche zu verlieren („Lieder tun gut / Aber Rahmenbedingungen brechen mit Dingen / die das einzig Sichere auf meinem Weg war’n“). Im Interview erzählt sie, dass sie nicht angefangen habe, Musik zu machen, „um auf einer Bühne zu stehen“. Musik sei für sie immer ein „sicherer Hafen“ gewesen. Vielleicht berühren ihre Songs gerade deshalb: Sie versucht nicht, lauter zu sein als alle anderen. Ihre weiche Stimme trifft auf Texte, die sich anfühlen wie Notizen um drei Uhr morgens – und die noch lange nachhallen. Lisa Pham

VAVUNETTHA
Erstes Konzert:
Zella Day in Köln
Lieblingssong:
„Vaseegara“ von Bombay Jayashri (2001)
Verstecktes Talent:
Ein Duolingo-Streak in Türkisch
Von der Rockband mit den Freund*innen in einem kleinen Ort zieht sie nun allein in den großen Pophimmel: Das ist Vavunettha. Sie kommt aus der Pfalz, ist Tamilin und prägt einen neuen Sound. Sie selbst sagt: „Ich mach’ Pop mit ein bisschen Flavour!“ Und der kommt böse. Denn ihr Sound ist eben nicht Mainstream, sondern Pop gepaart mit dem, was sie als Kind schon musikalisch geprägt hat: die tamilische Sprache und Musik. Ihre Songs wirken wie eine Welt aus „Honig und Zimt“, um ihren neuen Song zu zitieren. Ihre Texte sind mal leicht, mal Baddie, oft politisch – und immer: Guuuuurl, you did that! Und ihre Stimme? Sanft, mit einem goldenen Schimmer, quasi der Highlighter für den Gehörgang!
Im Mai erschien ihr zweites Album „Denkmalschutz“ nach dem Debüt „Haus“ (2024), in dem sie sich auf Tracks wie „Asche & Staub“ kritisch mit Deutschlands „Leitkultur“ auseinandersetzt („Fick dein Karneval / wenn ein Tag vorher Hanau war“). „Denkmalschutz“ klingt etwas leichter, ist aber textlich genauso stark wie ihr erstes Werk. Vavunettha sagt selbst: „Der Druck und die Erwartungen, die ich manchmal gespürt habe, waren bei diesem Projekt einfach nicht da!“ Das Erfolgsrezept der Baddies 2026 lautet also: auf den Druck scheißen, auf die innere Stimme hören und das machen, was einer selbst Spaß bereitet. Abena Appiah
Comebacks

Kim Wilde
Bürgerlicher Name:
Kim Smith – den Künstlerinnennamen Wilde
übernahm sie von ihrem Vater, dem Popsänger
Marty Wilde.
Zweite Karriere:
Schrieb als Landschaftsgärtnerin mehrere Gartenbücher und gewann 2005 sogar die Goldmedaille bei der Chelsea Flower Show in London.
Kuriosum:
Trotz fünf Jahrzehnten Karriere hatte sie in
England nie einen Nummer-eins-Hit.
Das diesjährige Wave-Gotik-Treffen in Leipzig bot einen besonderen Stargast: Neben Gothic-Acts wie X-Mal Deutschland und Clan Of Xymox begeisterte Kim Wilde mit einem umjubelten Auftritt. Dass die britische Popsängerin mit der charakteristisch nasalen Stimme auch in der Grufti-Szene Ansehen genießt, liegt vielleicht an ihrem Faible für ungewöhnliche Kollaborationen. So veröffentlichte sie etwa vor einigen Jahren einen Anti-Weihnachtssong mit der Thrash-Metal-Band Lawnmower Deth. Berühmt wurde Kim Wilde 1981 mit dem unsterblichen Hit „Kids In America“, schon damals arbeitete sie eng mit ihrem Vater und ihrem Bruder zusammen – eine kreative Familienverbindung, die bis heute hält. In ihrer fünf Jahrzehnte umspannenden Karriere erlebte Wilde auch Rückschläge, woraufhin sie sich in den Neunzigern aus dem Musikgeschäft zurückzog, Theater spielte, zwei Kinder bekam und sich in England einen Namen als leidenschaftliche Hobbygärtnerin machte. Ein erstes überraschendes Comeback gelang Kim Wilde vor zwanzig Jahren durch ein Duett mit Nena („Anyplace, Anywhere, Anytime“). Seit vergangenem Jahr geht es wieder richtig zur Sache: Mit dem neuen Album „Closer“ (2025) knüpft Wilde mühelos an frühere Erfolge an, im August tritt sie mit Boy George und Holly Johnson bei der „80er live“-Stadiontour in Frankfurt auf. Wildes entspannter Umgang mit Popularität und Erfolg macht sie zum großen Vorbild – sogar für Goths. Christina Mohr

Noisettes
Schneller Start:
Die erste EP entstand 2005 in nur zwei Tagen.
Inspiration:
Björk, Erykah Badu und Nina Simone
Bekannt für:
Wilde Auftritte. Einmal spielte die Sängerin Shingai Shoniwa ihren Bass mit einem Brot.
Was haben Jon Bon Jovi, Bruce Springsteen und Meat Loaf gemeinsam? Richtig: meinen Nachbarn Thorsten. Genauer gesagt, laufen sie auf seiner unoriginellen 80er-Jahre-Playlist im Garten rauf und runter. Damit ihr Gejaule nicht in meine Träume dringt, habe ich in meinem Plattenschrank nach einer passenden Antwort gesucht – und sie bei den Noisettes gefunden. Ihr 2007 erschienenes Debütalbum „What’s The Time Mr. Wolf?“ – mit dem zum Umstand sehr passenden Opener „Don’t Give Up“ – fetzt auch fast zwanzig Jahre später noch und lässt den Subwoofer äußerst befriedigend wummern. Bassistin und Sängerin Shingai Shoniwa und Gitarrist Dan Smith spielten schon zusammen in der Band Sonarfly, bevor sie 2003 die Noisettes gründeten. Mit Drummer Jamie Morrison veröffentlichten sie dann die erste EP „Three Moods Of The Noisettes“ und hüpften von Single zu Single munter durch verschiedene Labels. Ebenso wechselten sie vom klassischen Punkrock zu einer grandiosen Mischung aus Punk, Soul, Funk und Rockabilly. Es folgten 2009 noch das Konzeptalbum „Wild Young Hearts“, dessen Single „Don’t Upset The Rhythm“ sogar Gold holte, und 2012 die poppige LP „Contact“. Dann wurde es plötzlich still. Und auch wenn Shingai mittlerweile spannend solo unterwegs ist, würde ich eine neue Platte der „Noisettes“ sofort kaufen – und Thorsten über die Mauer werfen. Avan Weis
Dieser Text erschien zuerst in Missy 04/26.