Vor sieben Jahren klickte meine Mutter beim Mittagessen erstaunlich schnell auf „Play“. Normalerweise muss sie immer kurz überlegen, wenn ich sie als Expertin für chinesische Popkultur nach neuen Serientipps frage. Diesmal war sie sich sicher, dass „陈情令“ („Chén Qíng Lìng”), „The Untamed”, unser neues Mahlzeiten-Entertainment werden sollte. Die Serie gehe in China gerade komplett durch die Decke, erzählte sie, vor allem wegen der Beziehung zwischen den beiden Protagonisten Wei Wuxian und Lan Wangji. In einer Xianxia-Welt zwischen Altem China und Fantasy, eleganten Kostümen, Martial Arts und Dämonen, streben beide als sogenannte Kultivierende nach spiritueller Vollkommenheit. Das ungleiche Duo freundet sich an und durchsteht zusammen jahrzehntelange Clan-Kämpfe. 

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In der beliebten Onlineroman-Vorlage „魔道祖师“ („Mó Dào Zǔ Shī”), „Grandmaster of Demonic Cultivation”, erklärte meine Mutter, sind die beiden ein Paar. Es war also explizit eine „Danmei“-Story. 耽美 („dān měi“), wörtlich übersetzt „sich der Schönheit hingeben“, bezeichnet Boys-Love-Geschichten aus China. In Japan als Genre entstanden und in Ostasien schon lange beliebt, inspirierte es zuletzt auch zunehmend westliche Produktionen, Stichwort „Heartstopper“ und „Heated Rivalry“.

Die Drehbuchautor*innen von „The Untamed“ jedoch mussten das Skript umschreiben. Denn zu dem Zeitpunkt war LGBTQ+-Content in China schon explizit verboten. Ende 2015 wurden Darstellungen von Homosexualität aus dem Fernsehen verbannt, 2017 auch aus dem Internet. So wurden aus Wei Wuxian und Lan Wangji statt Liebhaber Seelenverwandte.

Neugierig geworden, schaute ich die erste Folge. Nach nicht einmal der Hälfte brach ich ab. Mir waren die Gesichter zu weiß und makellos, die Ästhetik zu glatt, erklärte ich meiner Mutter. Sie schaute allein weiter, leicht enttäuscht. Rückblickend war das nicht mein einziger Grund. Eine queere Story, in der Queerness zensiert wird: Das konnte ja nicht gutgehen, dachte ich mir. 

Erst Jahre später schaue ich alle 50 Folgen. Und beginne, mich selbst zu hinterfragen. Ob nicht mein kritisches Urteil zu voreingenommen war von einer westlichen Sozialisation; einer dogmatischen Vorstellung von Queerness, für die diktatorische Mittel wie Zensur der Tod bedeuteten. 

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„Behördlicher Zucker“

Ich grabe mich durch Fanforen, um den Erfolg der Serie besser zu verstehen. Schon 2021 knackte die Serie zehn Milliarden Views auf dem chinesischen Streamingdienst „Tencent TV“; auf „Douban“ hält sie ein Rating von 7,7, auf „IMDb“ 8,7, und ist mittlerweile auch auf „Netflix“ ein Hit. An Chi aus Peking erzählt mir auf dem chinesischen sozialen Medium „Rednote“, dass sie noch immer mit Fans aus ganz China an Drehorten wandern gehen und den Titelsong anstimmen, sobald sie sich sehen. Und: Fans weltweit feiern die Liebesgeschichte trotz der Zensur. Oder sogar gerade deswegen. Die Kanadierin Debbiesunfish schwärmt auf „Reddit“: „Wären es einfach nur zwei Männer, die intim miteinander werden, würde mich das nicht so sehr ansprechen wie die sehnsüchtigen Blicke, die stillen Momente, in denen im Hintergrund eine Flöte spielt, während die Kamera langsam wegschwenkt.“ Sie fügt hinzu: „Ich bin queer, und für mich ist es ein Genuss, queere Liebe auf diese für mich neue, ‚zensierte‘ Art zu erleben.“

Beim Schauen merke ich, wie ich selbst immer mehr in die Liebesgeschichte hineingesogen werde. Die Spannung zwischen beiden Männern ist von Anfang an angelegt, da sie absolut gegensätzlich scheinen: Wei Wuxian als sorgloser Regelbrecher, Lan Wangji hingegen als eine Art wandelndes Regelwerk, der, wenn er redet, meistens Wei Wuxian ermahnt. Dass Wei Wuxian schließlich den dämonischen statt des rechtschaffenen Pfades der Kultivierung wählt, dem hell gekleideten Lan Wangji fortan in Schwarz begegnet, vergrößert diese Spannung nur noch. Trotzdem wartet Lan Wangji sechzehn Jahre lang auf den gestorbenen Freund, was für viele Fans die Romantik der Serie ausmacht. So schreibt Drama_Llama auf dem Blog „The BL Xpress“: „Anstatt der Beziehung etwas zu nehmen, verleiht ihr die Zensur eine nuancierte Komplexität, die sich intimer anfühlte als tatsächliche körperliche Intimität. Die Drehbuchautor:*innen konzentrierten sich auf die entscheidenden Aspekte jeder Beziehung: Loyalität und Opferbereitschaft.“ 

Zwischendurch gibt es immer wieder kleine Hinweise auf Zärtlichkeiten. Zunächst einmal die etwas zu langen Blicke. Dann die Szenen, in denen sie sich beim Geburtsnamen 名 („míng“) rufen – Wei Ying und Lan Zhan – einer Anredeform, die in der Serie nur engsten Vertrauten vorbehalten ist. Während Lan Wangji zu Beginn der Serie vor allem weiß trägt, die Farbe, die Chines*innen zu Beerdigungen tragen, wird seine Kleidung im Laufe der Serie blaustichiger. Fans sehen das als Zeichen dafür, dass er sich Wei Wuxian immer näher fühlt. Auch spart die Serie nicht mit Szenen voller weißer Hasen: Die Figur des Hasengottes ist in China traditionell für Liebe und Sex zwischen Männern zuständig. In einer Eishöhlen-Szene bindet Lan Wangji sein Stirnband an Wei Wuxians Armgelenk, um ihn mit der Kraft seines Clans zu schützen, mit dem Kommentar, dass es nur die Eltern oder die verheiratete Person berühren dürfen. Die Live-Kommentare auf „Tencent TV“ überschlagen sich. Eine Person kommentiert: „Behördlicher Zucker ist der süßeste.“ 

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Ästhetik der Zurückhaltung 

„Zensur wird oft als Subtraktion verstanden, als das Entfernen von Inhalten. Aber ich denke, das verfehlt, dass Verbote Ausdruck nicht einfach auslöschen, sondern neu organisieren“, sagt Dr. Liang Ge, Assistenzprofessor*in für Soziologie an der University of Manchester. Ge forscht zu digitalen Medien, Queerness und ostasiatischer Popkultur. Bevor die „außergewöhnlich intensive Charakterdynamik“ in „The Untamed“ Ge zur Forschung darüber bewogen habe, hatte Ge schon privat Danmei gelesen und geschrieben. Diese Neuorganisation von Ausdruck beschreibt Ge mit einem Begriff aus der chinesischen Literatur- und Gefühlskultur: 含蓄 („hán xù“), die Ästhetik der Zurückhaltung. „Die Queerness wird in den negativen Raum des Texts verlagert. Es entsteht eine andere Dichte von Implikationen, die aber nicht eine schwächere Version queerer Repräsentation sind, sondern ein anderer Bedeutungsmodus“. Danmei zu konsumieren fordere also oft viel Interpretationsarbeit ab, und schule Fans genau darin.  

Beim ersten Gucken sei ihr die Liebesgeschichte gar nicht bewusst geworden, sagt An Chi auf Rednote. „Vor der Serie wusste ich überhaupt nichts über Homosexualität“, erinnert sie sich. Erst beim zweiten Schauen habe sie verstanden, dass die Serie auf einer queeren Romanreihe basiert.

Ob Danmei tatsächlich queere Repräsentation stärkt und heteronormative Annahmen herausfordert, ist eine Diskussion mit Tradition. Der Vorwurf an das Genre Boys Love lautet oft: es bediene vielmehr heteronormative Fantasien junger Frauen. Tatsächlich besteht die Hauptzielgruppe auch in China aus jungen, als heterosexuell angenommenen Frauen. Auch Ge stellte in Interviews mit vielen chinesischen Danmei-Fans und -Autor*innen fest: Durch die klare Trennung von der Realität können heteronormative Annahmen über Sexualität und Geschlecht für die reale Welt unangetastet bleiben. Es gebe aber auch Fans, die Danmei explizit über einen queeren Identifikationsrahmen genießen. „Das Fandom ist intern sehr ambivalent“, schließt Ge. An Chi etwa fing durch die Serie an, sich mehr über die LGBTQ+-Community zu informieren. Heute sagt sie: „Ich bin der Meinung, dass sowohl gleichgeschlechtliche als auch heterosexuelle Liebe schöne Formen der Zuneigung sind.“ 

Eine ähnliche Ambivalenz sieht Ge auch im Umgang chinesischer Fans mit Zensur. Hier koexistierten Widerstand und Anpassung. Im Gegensatz zu internationalen Fans sei für Chines*innen Engagement mit Danmei direkt mit drohenden rechtlichen Konsequenzen und sozialem Stigma verbunden. Teilweise würden Fans aber über Selbstzensur hinaus proaktiv zur Regulation beitragen, wenn sie etwa potenziell grenzüberschreitende Inhalte bei Behörden melden, sagt Ge. Die Macht der Danmei-Communities kann sich aber auch anders zeigen. Geleakte Skriptausschnitte, die eine Liebesgeschichte für Wei Wuxian mit dem Female Lead Wen Qing andeuteten, stießen auf der Plattform Weibo auf extremen Backlash von hunderttausenden Romanfans. Die Serienmacher*innen bestritten die Vorwürfe und versprachen, sich fortan enger an die Romanvorlage zu halten. 

Die Zensur am eigenen Leib spüren

Während viele Fans die Umgehung von Zensur als gelungenen Ausdruck von Queerness feiern, kritisieren andere die Repression dahinter. Ein Fan kommentiert auf „Reddit“ sarkastisch über den Serientitel: „Wohl eher ‚the Tamed‘“. Auch Ge betont: produktive Effekte von Zensur auf den kreativen Prozess zu beobachten, darf sie nicht legitimieren. Sie ist Teil einer zunehmend queerfeindlichen Politik in China, wo gleichgeschlechtliche Liebe zwar legal, aber rechtlich weder anerkannt noch geschützt ist.

Die Zensur bekommen Individuen in Form von Rufmord und Kriminalisierung am eigenen Leib zu spüren. Geldstrafen und Festnahmen sind vor allem über Danmei-Autorinnen bekannt. Über die Autorin der Buchvorlage Mo Xiang Tong Xiu etwa kursierte das Gerücht, sie sei wegen expliziter sexueller Szenen für drei Jahre verhaftet worden. Der Vorwurf, „unangemessene Inhalte” zu verbreiten, machte sie zuvor zur Zielscheibe von Online-Hass und führte 2019 zur Sperrung ihrer Romane auf „Jinjiang Wenxue Cheng“ („JJWXC“), der Onlineplattform, auf der Danmei einst aufblühte. Sie schrieb auf „Weibo“, „alle notwendigen Änderungen” an ihren Werken vorzunehmen, die später zensiert wieder freigegeben wurden. 2024 kündigte sie auf „JJWXC“ an, ein neues Werk vorerst zu pausieren. Ihre Fans sollten sich aber nicht sorgen; sie würde, wenn möglich, immer weiterschreiben. Es war ihr letztes bekanntes öffentliches Statement.

Eines musste die chinesische Regierung aber einsehen: Danmei als Genre ist beliebt. Das heißt auch: profitabel. Das mag ein Grund sein, weshalb sie eine Zeit lang regulierte Formen zuließ. So lobten Staatsmedien „The Untamed“ zumindest für die Zuschaustellung „traditionell chinesischer“ Kultur und Werte wie Mut und „Liebe zu Familie und Vaterland“ abgewinnen. Bis 2021 die Zensur weiter angezogen wurde, diesmal auch gegen sogenannte 娘炮 („Niángpāo”), „Sissy Pants“, eine herabwürdigende Bezeichnung für „zu feminin“ auftretende Männer. Solche Bilder gefährden nach Ansicht von Ge und Kolleg*innen Pekings patriarchales Bild eines erstarkenden Chinas.

Trotzdem fand Danmei als Genre Wege, chinesische Zensur zu überleben. Liang Ge beobachtet verschiedene Trends: In Festlandchina werde Queerness, bei zunehmend strenger Zensur, so subtil kodiert, dass sie selbst aufmerksamsten Fans unter den Radar fliege. Immer mehr Produktionen verlagern sich in Nachbarländer wie Thailand und Singapur und erzielen durch ein wachsendes ausländisches Publikum weiterhin Profite. Letztes Jahr etwa wurde die erfolgreiche Serie „Revenged Love“ zwar in Festlandchina gefilmt, aber in Hongkong veröffentlicht. Trotz offiziellem Verbot gingen auf chinesischen sozialen Medien Ausschnitte der Serie viral. Viele Festlandchines*innen nutzen VPNs, um weiterhin Danmei zu schauen. Oder sie schauen eben wie ich 2026 noch einmal „The Untamed“.