Filmtipps 05/26
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Gentle Monster
CW: Sexualisierte Gewalt an Kindern
„Would I lie to you, baby?“, fragt das Duo Charles & Eddie in seinem Kultsong, der am Anfang des Filmes in einer Pianoversion erklingt. Wer zuletzt Frauen wie Gisèle Pelicot oder Collien Fernandes zugehört hat, ahnt, wie schlimm die Wahrheit sich anfühlen kann, wenn ein Gerüst aus Lügen, gebaut und aufrechterhalten vom eigenen Partner, zusammenbricht. Im Spielfilm der österreichischen Drehbuchautorin und Regisseurin Marie Kreutzer erfährt Musikerin Lucy (Léa Seydoux), dass ihr Mann und Vater ihres Sohnes Missbrauchsdarstellungen von Kindern besitzen und verbreitet haben soll. Als Musikerin befasst sich Lucy mit Liebesliedern aus Männerfeder, gestaltet sie um und deutet sie neu. Als Frau muss sie die „Liebe“ und die Worte ihres Mannes von Grund auf neu verstehen lernen, so lange, bis sie selbst die Wahrheit begreifen kann. Schonungslos zeigt der Film ihren Kampf ums Überleben und das Wohlergehen ihres Kindes. Immer wieder kreist sie um diese Frage: Würde er denn wirklich weiter lügen? Das mit anzusehen, ist auch für Polizistin Elsa (Jella Haase), die den Fall bearbeitet, nicht leicht. „Gentle Monster“ ist ein wütender Film, der spürbar keinen Bock mehr hat auf die Liebeslieder und die Lügen der Männer und stattdessen von den Frauen erzählt, die mit ihnen leben und gegen sie kämpfen müssen. Eva Szulkowski
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„Gentle Monster“ AT/DE/FR 2026 ( Regie: Marie Kreutzer. Mit Léa Seydoux, Jella Haase, Laurence Rupp, Catherine Deneuve u. a., 114 Min., Start: 17.09. )

Jeder Acker, jede Fabrik
Ist es möglich, die Weltgemeinschaft auf nachhaltigem Weg mit allem Nötigen zu versorgen? Und wenn ja, wie ginge das? Regisseurin und Aktivistin Johanna Schellhagen fordert: „Richtet den Blick weg von den Parlamenten, hin zur Sphäre der Produktion. Dort beginnt der Umbruch.“ Die Menschen, aus deren Statements sie mit dem Team von Labournet TV diese Dokumentation komponiert hat, Arbeiter*innen, Aktivist*innen und Theoretiker*innen in Deutschland, Portugal, Italien, Spanien, den USA und England, sagen: Revolution ist keine verrückte Idee. Sie kann gelingen, wenn Arbeiter*innen ihre Fabriken übernehmen. Wenn sie kollektiv und solidarisch handeln. Demokratische Arbeitszeitrechnung statt Geld. Planwirtschaft von unten statt Ausbeutung durch menschenfeindliche Technokraten. Es ist alles da: Die globalen Distributionswege könnten zum Wohl der Gesellschaft genutzt werden.
Der Film ist wie eine wohltuend frische Brise im Kopf. Denn in der krisengeplagten Gegenwart lassen wir unseren Geist zu oft von Horrorszenarien und Ohnmacht zermürben. Das Kollektiv Labournet TV behauptet: Revolution ist notwendig, um zu vernünftigem Wirtschaften zu gelangen. Du kannst dabei sein. Sie beginnt dort, wo du die Augen aufmachst und Verantwortung übernimmst. Anna Opel
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„Jeder Acker, jede Fabrik“ DE 2026 ( Regie: Johanna Schellhagen. 62 Min., Start: 15.10. )

Billie
Die besten Freundinnen Nina (Ruby Commey) und Angie (Thelma Buabeng) schlagen sich als Schwarze Frauen solidarisch durchs Leben – bis sie plötzlich für Bankräuberinnen gehalten werden. Angie will bei Ninas Ehemann Marc einen Kredit über dreihundert Euro für die Klassenfahrt ihrer Tochter erfragen. Als Marc ablehnt, eskaliert die Situation: Aus dem Kreditantrag wird eine Geiselnahme. Das tragikomische Kammerspiel verhandelt häusliche Gewalt, Rassismus, Klassismus, finanzielle Not, Freundinnenschaft und Solidarität. Die thematische Fülle zeigt den Anspruch, vielen gesellschaftlichen Erfahrungen und Stimmen Raum zu geben. Leider wird dadurch vieles nur angerissen statt ausgeleuchtet. Irritierend ist auch das Verhalten Angies, das der Situation nicht angemessen erscheint: Sie ist überdreht, unberechenbar und verhält sich riskant. Besonders ambivalent ist die Komik, die dem Film zwar seinen Ton gibt, den Konflikten aber auch ihre politische Schärfe nimmt. Die Polizei wirkt bspw. eher karikaturistisch als bedrohlich. Im Verlauf verliert der Film zunehmend an Klarheit. Nina schafft es zwar, das Schweigen über die Gewalt ihres Mannes zu brechen, doch ihre finale Konfrontation mit ihm kippt in eine Darstellung, die weibliche Wut und psychische Erkrankung übersexualisiert und mythisiert. Anna Katharina Breitling
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„Billie“ DE 2025 ( Regie: Sheri Hagen. Mit Ruby Commey, Thelma Buabeng, Timo Jacobs u. a., 108 Min., Start: 17.09. )

Call Me Queen
Nairobi in den späten 1990er-Jahren: Es ist die Zeit der schlimmsten Aids-Epidemie. Queen (Eliane Umuhire), eine dreißigjährige ruandische alleinerziehende Mutter aus den Slums, und Anna (Denise Gough), eine irische Journalistin, die als Auslandskorrespondentin in Kenia arbeitet, sind Freundinnen. Als Queen an Aids erkrankt, verschafft Anna ihr den Zugang zu einer Behandlung, und sie entgeht nur knapp dem Tod. Willensstark, furchtlos und entschlossen spricht sie als erste Frau öffentlich über ihre Krankheit und will anderen damit helfen. Es wird deutlich, dass Anna zum Teil denkt, sie wisse, was am besten für Queen sei, und dass es ihre weißen Privilegien sind, die ihr ermöglichen, zu helfen. Doch am Ende kämpfen beide Frauen gemeinsam gegen Ungerechtigkeit und für Selbstbestimmung.
Der auf dem Roman „Mercy“ von Lara Santoro basierende und von wahren Begebenheiten inspirierte Film zeigt, welche Rolle westliche Pharmakonzerne in der Epidemie spielen. Denn die lebensrettenden Medikamente sind für den Großteil der Betroffenen nicht bezahlbar. Das hat tragische Auswirkungen, die meisten ereilt ein anderes Schicksal als Queen: Millionen Menschen, insbesondere in Ost- und Südafrika, sterben an den Folgen von Aids.
„Call Me Queen“ ist ein wichtiger Film – bewegend, emotional, empowernd. Er zeigt den Mut und die Stärke von Queen und die daraus entstehende kollektive, emanzipatorische Kraft. Alem-Adina Weisbecker
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„Call Me Queen“ DE/FR/GB/KE 2026 ( Regie: Emily Atef. Mit Eliane Umuhire, Denise Gough, Dominic West u. a., 105 Min., Start: 15.10. )

The Beauty Of Ballroom
Ursprünglich entwickelt wurde die Ballroom-Kultur in den 1980er-Jahren von queeren BIPoC in New York City, um bei selbstorganisierten Bällen in unterschiedlichen Kategorien mit extravaganten Outfits und Tanzmoves gegeneinander anzutreten, eine Wahlfamilie zu finden, sich zu empowern – und einfach Spaß zu haben. Im Laufe der Jahrzehnte schwappten die Ballrooms auf viele andere Länder über und kamen vor ungefähr zehn Jahren auch in Südostasien an. In deren erstem Dokumentarfilm begleitet Regisseur*in Chan Sze-Wei drei Personen, die Bälle in Thailand, Malaysia und den Philippinen organisieren.
„The Beauty Of Ballroom“ hält, was der Titel verspricht: Er zeigt die Schönheit dieser queeren Subkultur. Der Fokus liegt dabei auf den positiven Seiten; die Schwierigkeiten und Diskriminierungen von LGBTQI-Menschen, sowohl in ihren Familien als auch in den jeweiligen Gesellschaften, werden zwar nicht ausgespart, stehen aber nicht im Mittelpunkt. Vielmehr geht es darum, die eigene Community zu stärken. Und um internationale Vernetzung: Einige der Protagonist*innen besuchen auch Bälle in Norwegen und New York City, um zu lernen und sich gegenseitig zu unterstützen. So ist „The Beauty Of Ballroom“ vor allem eine sehr warme, sehr empathische Doku über queer Joy und Widerstand. Isabella Caldart
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„The Beauty Of Ballroom“ PH/SG/DE 2025 ( Regie: Chan Sze-Wei. 100 Min., Start: 24.09. )

That’s Why The Lady Is A Champ
Christine Renea Salters wirbelte als Christy Martin in den Neunzigerjahren den Boxsport auf und wird als eine der erfolgreichsten Boxerinnen der USA gehandelt. Ihr Aufstieg von der Bergmannstochter zum Champion war allerdings kein leichter. Dass sie boxen will, wird von ihrer konservativen Familie akzeptiert, gleichzeitig zwingt diese sie, ihre Homosexualität zu leugnen. Nachdem sie ihren neuen Trainer von ihrem Talent überzeugt hat, erkennt dieser, wie er sie vermarkten kann, und manipuliert sie so weit, dass sie ihn sogar heiratet. Fortan nutzt er sie nicht nur finanziell aus, sondern misshandelt sie psychisch und physisch. Über Jahre schafft sie es nicht, sich zu trennen, denn für beide ist klar, dass er sie dann umbringen wird.
Dass ausgerechnet eine registrierte Republikanerin, die sich weigert, sich öffentlich politisch zu äußern, und stetig patriarchale Ideale bedient, eine lesbische Boxerin spielt, die sich aufgrund von internalisierter Homofeindlichkeit und Misogynie jahrelang öffentlich gegen Feminismus aussprach, um sich dann doch gegen das Patriarchat zu behaupten, wirkt ein wenig zynisch. Vielleicht will Sydney Sweeney uns etwas durch ihre Rollen sagen, vielleicht auch nicht. Der Film ist an sich ein solides Biopic und Sportdrama, dem allerdings dreißig Minuten weniger und eine authentischere Hauptdarstellerin gutgetan hätten. Avan Weis
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„That’s Why The Lady Is A Champ“ US 2025 ( Regie: David Michôd. Mit Sydney Sweeney, Ben Foster, Katy O’Brian u. a., 135 Min., Start: 03.09. )

Wer weiß schon, was ein Leben ist?
Beim inszenierten Vorsprechen der Schauspielerin Katharina Stark für die Rolle von Paula Modersohn-Becker wird sie gefragt, was die Künstlerin, die 1907 nach der Geburt ihrer Tochter mit 31 Jahren starb, für eine Art Mensch war. Obwohl Stark eine Vorstellung hat und die Malerin als zäh und willensstark sieht, gesteht sie am Ende, „aber sie könnte ja auch ganz anders gewesen sein“. Die Frage zieht sich deshalb wie ein roter Faden durch die experimentelle Dokumentation „Wer weiß schon, was ein Leben ist?“ von Annelie Boroș und Vera Brückner. Als Collage aus Interviews mit Kulturschaffenden, vorgelesenen Passagen aus Marie Darrieussecqs Romanbiografie, emotionalen Textproben der Schauspieler*innen und der Suche von Katharina Stark nach Teilen der Künstlerin in Worpswede und Paris überzeugt das Format mit unerwarteten Wechseln und Schnitten. Wenn z. B. ein Newsflash eingeblendet wird und „Paula hat noch 500 Tage zu leben“ offenbart, schürt das eine neue Dramatik. Auch dass Stark sich in ihrer Suche selbst spielt und immer öfter durch Kostümwechsel zu Paula wird, ist besonders gelungen. Dass sie eine exzellente Besetzung für die gefeierte Künstlerin ist, zeigten die beiden Regisseurinnen schon in der erfolgreichen Arte-Doku „Paula Modersohn-Becker. Keine Kompromisse“. Nun begeistern sie im Kinoformat. Lorina Speder
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„Wer weiß schon, was ein Leben ist?“ DE 2026 ( Regie: Annelie Boroș, Vera Brückner. Mit Katharina Stark, Dominique Devenport, Enno Trebs u. a., 95 Min., Start: 03.09. )
Dieser Text erschien zuerst in Missy 05/26.
