Neulich las ich in der „Frankfurter Rundschau“: Entwicklungsministerin Reem Alabali Radovan will künftig gezielt deutsche Unternehmen fördern. Klar, sogenannte Entwicklungszusammenarbeit – früher „Entwicklungshilfe“ – war nie ein Akt reiner Selbstlosigkeit. Sie diente stets dazu, eigene Interessen im Globalen Süden zu sichern. Neu ist, dass die Regierung das derart offen sagt.

Aber was bedeutet eigentlich „Globaler Süden“? 1980 veröffentlichte die Nord-Süd-Kommission unter Vorsitz des früheren deutschen Bundeskanzlers Willy Brandt (SPD) den Brandt-Report. Mitten im Kalten Krieg nannte der Bericht das Nord-Süd-Gefälle als brennendes Problem der Zeit. Die Autor*innen forderten von den Industrienationen, politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich benachteiligte Länder zu unterstützen. Damals unterteilte die sogenannte Brandt-Linie die Welt in Nord und Süd mit einem „entwickelten“ Europa und Nordamerika und „sich entwickelnden“ Afrika, Asien und Südamerika. Schon damals war der Begriff nicht rein geografisch zu verstehen. Indien und China, die zwei größten Länder des Globalen Südens, liegen etwa vollständig auf der Nordhalbkugel, Australien und Neuseeland dagegen werden zum Globalen Norden gezählt, obwohl sie sich auf der Südhalbkugel befinden.

Viele NGOs und Journalist*innen und mittlerweile auch das Entwicklungsministerium nutzen heute den Begriff Globaler Süden, weil er wertfreier sein soll als frühere Bezeichnungen wie „Dritte Welt“, „Entwicklungsländer“ und „Schwellenländer“. Der Begriff „Dritte Welt“ wurde 1952 von Alfred Sauvy analog zum „Dritten Stand“ (einfachen Volk) innerhalb der vorrevolutionären französischen Gesellschaft geprägt, um Länder zu bezeichnen, die einen Großteil der Weltgemeinschaft ausmachen, aber wirtschaftlich benachteiligt sind. Während des Kalten Krieges wurde er als Selbstbezeichnung von Staaten verwendet, die sich im Ost-West-Konflikt weder den kapitalistischen Staaten der „Ersten Welt“ noch den sozialistischen Staaten der „Zweiten Welt“ zugehörig fühlten. Nach dem Ende des Kalten Krieges wurde er dann zunehmend synonym für „Entwicklungsland“ verwendet, letztlich aber für seinen hierarchisierenden Charakter bemängelt. Die Begriffe Entwicklungsländer und Schwellenländer werden ebenfalls kritisiert, weil sie den Globalen Norden – die Industrieländer – als Standard setzen und eurozentrisch geprägt sind. 

Doch auch am Begriff Globaler Süden gibt es viel Kritik. Das Konzept ist vage, es gibt keine Liste an Ländern, die dem Globalen Süden zugerechnet werden. Behelfsweise könnte man den Zusammenschluss der Gruppe der 77 innerhalb der UNO nehmen oder sich die Länder anschauen, die Entwicklungshilfe von der OECD bekommen. Dort sind allerdings auch europäische Länder wie Albanien oder Bosnien und Herzegowina aufgelistet oder China – als Staat mit dem zweitgrößten Bruttoinlandsprodukt der Welt und u. a. auf dem afrikanischen Kontinent ähnlich neokolonial agierend wie westliche Mächte.

Manche Forscher*innen wie das Global South Studies Center in Köln lösen sich deshalb stärker von Nationalstaaten und nutzen das Konzept relational, um Ungleichheiten innerhalb von Ländern und Regionen weltweit zu untersuchen. Z. B. würden sie indigene Communitys in Kanada als Teil des Globalen Südens bezeichnen. 

Fest steht: Große Teile Afrikas, Asiens und Lateinamerikas sind politisch und wirtschaftlich marginalisiert, obwohl sie die Mehrheit der Weltbevölkerung ausmachen. Nur etwa 14 Prozent der Weltbevölkerung leben in Europa und Nordamerika, trotzdem dominieren diese Regionen viele politische Entscheidungen, die die ganze Welt betreffen. Es gibt daher auch Stimmen, die stattdessen von „Mehrheitswelt“ und „Minderheitswelt“ sprechen, um die Normativität einer vermeintlichen weißen Mehrheit oder einer eurozentrischen, kolonial-rassistischen Perspektive infrage zu stellen.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 05/26.