Wer nicht kotzen muss, wird Astronaut*in

Im Leben von Giuseppina „Pina“ Rigatoni ist gerade ziemlich viel los: Die 55-jährige Professorin und Regisseurin, die mit ihrer Partnerin Anouk in Berlin lebt, braucht dringend Geld für ihr neuestes Filmprojekt. Hierfür navigiert sich die Ich-Erzählerin im Romandebüt der Filmregisseurin Angelina Maccarone durch die verwirrende Filmwelt, ermüdende Gespräche mit selbsterklärten Filmveteran*innen und den Trubel von Events und Preisverleihungen, auf denen eitle Gatekeeper*innen über Fördergelder wachen. Als Pinas Vater in Italien stirbt, holt die Vergangenheit die ohnehin überfordernde Gegenwart ein: ambivalente Familienbeziehungen, eine komplizierte Kindheit und italienische Wurzeln, die sich für die Protagonistin oft wie anstrengende Klischees anfühlen. Die Erzählung entfaltet sich in einem sortierten Chaos: Pina pendelt zwischen Trauer und alten Wunden in Italien und einer etwas vernachlässigten Partnerin und exzentrischen Filmkolleg*innen in Berlin. Der feine Wechsel zwischen Wehmut und Komik gelingt Maccarone ungemein gut. Pina bei ihren Höhen und Tiefen zu begleiten, macht deshalb Spaß, weil sie sich nie allzu ernst nimmt und ihre unbequemsten Gedanken bereitwillig mit uns teilt. Angelina Maccarone zeichnet ein nachsichtig humorvolles wie illusionsloses Porträt der etwas glitzerlosen deutschen Filmbranche. Eine Geschichte über das Nicht-Scheitern und die Frage, wer man ist, wenn es nichts wirklich Verlässliches mehr gibt. Jacqui Schneider

– 

Angelina Maccarone „Wer nicht kotzen muss, wird Astronaut*in“ ( Verbrecher Verlag, 256 S., 25 Euro )

Öffentlicher Nahverkehr

Eine junge Frau sitzt stundenlang im Bus. Sie schaut dabei nicht auf ihr Handy, sondern beobachtet ihre Umgebung. Sie tut das jeden Tag. Allein wegen dieser Idee hat Thea Mengelers Roman „Öffentlicher Nahverkehr“ viele Leser*innen verdient. Er zeigt, wie aufschlussreich ganz alltägliche Situationen sind, sobald wir den Blick vom Bildschirm lösen und auf Menschen richten, die neben uns sitzen oder stehen. Während sie ihre Strecke immer wieder fährt, geht der Hauptfigur, sie heißt Judith, ihre Vergangenheit durch den Kopf: Sie vermarktete ihr Aussehen, ihr Privatleben, ihre Beziehung als Influencerin. Während sie die Mitfahrenden anschaut, denkt sie über Selbstausbeutung, Täuschung, Unterordnung und nervige bis gefährliche Männer nach. Nichts davon ist neu, manches klingt plakativ. Aber das, was sie denkt, hin und her wendet und sich zu eigen macht, wird besser zu oft als zu selten formuliert. Judith muss eine verstörende Erfahrung verarbeiten – was genau geschah, verrät der Roman erst spät. Es vertrieb sie aus ihrer Stadt, ihrem Job, ihrem alten Leben. Nun fährt sie im Kreis. Bis sich ihr eine Zugestiegene zuwendet. Thea Mengeler hat aus dem albtraumhaften Thema Sexismus und Gewalt im digitalen Raum ein klug gebautes, genau beobachtetes Kammerspiel gemacht. Gegen Ende, wenn sich abzeichnet, wohin Judiths Reise geht, wird es richtig spannend. Sabine Rohlf

–

Thea Mengeler „Öffentlicher Nah­verkehr“ ( Wallstein, 228 S., 22 Euro ) 

Der goldene Faden

„Der goldene Faden“ beginnt mit Han Kangs Literaturnobelpreis-Dankesrede, die viele Fragen stellt. Fragen zum Leben, zum Krieg und zum Tod, die sie zu ihren Romanen führten, aber nie zu Antworten. Ziel des Schreibens sei, dass „[ich] das Ende dieser Fragen erreiche und mich durch sie verändert fühle“. Die dort festgelegten Themen werden auf den Folgeseiten immer wieder gewälzt, im Essay, in der Lyrik. Die heute 56-Jährige erlaubt einen Blick hinter die Kulissen, von Fotos ergänzt – mit einem Schwerpunkt auf ihrem Buch „Menschenwerk“, das vom Massaker in Gwangju handelt, sowie dem Roman „Unmöglicher Abschied“, welcher sich dem Massaker auf Jeju nähert. Spannend erklärt sie, wie sie selbst Handlungen ihrer Bücher exerziert, etwa um nachzuspüren, wie Schnee auf der Haut schmilzt. Ihre Recherchemethoden und Routinen lesen sich faszinierend. „Der goldene Faden“ erzählt aber nicht nur vom Schreiben, sondern auch vom Gärtnern. Bedenkt man das Tagebuch zu Han Kangs nach Norden ausgerichtetem Blumenbeet, mit viel leerer Seite, bleibt allerdings die Frage offen, ob man in die Lektüre tatsächlich 23 Euro investieren möchte. Vielleicht können ihre Beobachtungen meditativ wirken und Verbindungen zum Licht aufzeigen – Verbindungen sind Han Kang ja wichtig! –, vielleicht sind es aber eben auch einfach nur Beobachtungen zum eigenen kleinen Garten. Simone Bauer

–

Han Kang „Der goldene Faden“ ( Aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee. Claassen, 176 S., 23 Euro )

Inter alia

Die aufstrebende Anwältin Jessica Parks verliert ihren fünfjährigen Sohn während eines FaceTime-Calls auf dem Spielplatz aus den Augen. Statt aufzulegen, versucht sie, professionell zu bleiben. Sie schaltet stumm, sucht, lächelt in die Kamera, sucht weiter. Schließlich findet sie ihren Sohn am Waldrand. Er sagt nur: „Da war ein Eichhörnchen, Mummy.“ Es bleibt nicht die einzige Zerreißprobe zwischen den Rollen als Juristin und Mutter. Die überzeugte Feministin wird Richterin, gefürchtet für ihre Härte in Vergewaltigungsprozessen. Bis ihr inzwischen 18-jähriger Sohn der Vergewaltigung beschuldigt wird. Ihr Kind? Unmöglich. Feministisch erzogen, sensibel, gemobbt: Zu so etwas wäre er niemals imstande. Jessica Parks liest jede Ungenauigkeit in der Aussage der Klägerin als Beleg für seine Unschuld. Suzie Miller widmet sich dem Thema ihres Bestsellers „Prima Facie“ aus einer neuen Perspektive. Als Mutter hofft Jessica Parks auf genau das, was sie als Anwältin und Richterin stets zurückgewiesen hat: dass Erinnerungslücken und Inkonsistenzen in der Aussage der Klägerin für einen Freispruch reichen. Eine äußerst unbequeme Geschichte über Leerstellen in der Rechtsprechung, über Überzeugungen und die Frage, ob wir dieselben Maßstäbe anlegen, wenn es um die eigenen Kinder geht. Eva-Lena Lörzer

–

Suzie Miller „Inter alia“ ( Aus dem Englischen von Katharina Martl und Anne Flückiger. Kjona Verlag, 304 S., 25 Euro )

Anfang Mitte Ende

„Anfang Mitte Ende“ ist ein Titel, der Linearität verspricht. Und doch ist Valeria Luisellis jüngster Roman alles andere als linear. Seine fragmentarische Erzählstruktur gleicht vielmehr einem Mosaik, dessen Steine nach und nach freigelegt und zusammengesetzt werden müssen – von den Leser*innen wie von den Protagonistinnen selbst. Letztere sind eine Schriftstellerin und ihre zwölfjährige Tochter, die von den USA nach Sizilien reisen. Die Mutter hat gerade eine schwierige Scheidung hinter sich, die für das Mädchen vor allem die Trennung von ihrem Bruder bedeutete. Im Gepäck tragen sie ein Mosaik, das ihre Vorfahrin Nanna ein Jahrhundert zuvor bei archäologischen Ausgrabungen auf der Insel entdeckt und mitgenommen haben soll, als sie nach Lateinamerika emigrierte. Das rätselhafte Erbstück, das ihnen Grandma, Nannas Tochter, weitergegeben hat und das den gestaltwandelnden Meeresgott Proteus darstellt, entpuppt sich nach und nach als Kompass: Es weist Mutter und Tochter den Weg durch eine neue Gegenwart und zugleich durch eine mütterliche Genealogie, die sich über vier Generationen erstreckt. Inmitten einer von Naturgewalten bedrohten Landschaft lässt die mexikanische Autorin Leben und Literatur, Erinnerung und Fantasie, Persönliches und Mythologisches ineinanderfließen – und macht die Tochter zur treibenden Kraft der Neuerzählung eines Familienmythos. Gloria Reményi

–

Valeria Luiselli „Anfang Mitte Ende“ ( Aus dem Englischen von Brigitte ­
Jakobeit. Rowohlt Verlag, 368 S., 26 Euro )

Die Lücken

In einem fiktiven Ort in Rheinland-Pfalz schaut sich eine allwissende Erzählerin alle Geschehnisse der vergangenen neunzig Jahre an – auch die, die im Jahr 2026 unsichtbar sind. Jahrzehnt für Jahrzehnt setzt sie die Geschichten des Ortes und der Menschen, die dort leben, zusammen und erzählt sie in nicht-chronologischer Reihenfolge: die jungen Frauen Lore und Johanna, die nach dem ersten NSDAP-Treffen Ende der 1920er-Jahre bald nicht mehr befreundet sind. Joseph, der auch in den 1950er-Jahren immer noch in denselben Kneipen sitzt, sich jetzt aber immer öfter mal auf die Zunge beißt und 1990 seinem Enkel nichts aus seiner Vergangenheit erzählt. Peter, der zwar sein Leben lang mit Joseph in besagten Kneipen saß, aber 1989 Familie Sharifi eine Wohnung verschafft. Asrin, die 1999 ihren zweiten Sohn Saman zur Welt bringt. Saman, der wiederum zwanzig Jahre später seiner Freundin Ella seinen Heimatort zeigt, die aber nicht versteht, warum er es hier nicht so idyllisch findet wie sie. Shida Bazyar ist für ihren dritten Roman tief in die deutsche Geschichte eingetaucht, um ein wichtiges Buch zu schreiben, das lange nachwirkt. Das Mosaik, das auf gut fünfhundert Seiten entsteht, ist komplex, aber immer nachvollziehbar. Am Ende steht die Erkenntnis: Die wichtigsten Informationen liegen in den Dingen, die nicht gesagt werden. Maria Preuß

–

Shida Bazyar „Die Lücken“ ( Kiepenheuer & Witsch, 512 S., 25 Euro )

Ein ungehaltenes Plädoyer

Christina Clemm, Rechtsanwältin für Straf- und Familienrecht, vertritt die Überlebenden frauen- und queerfeindlicher sowie rassistisch motivierter Gewalt. Und manchmal auch die Angehörigen derjenigen, die diese Gewalt nicht überlebten. Sie kennt das deutsche Justizsystem: die Ungeduld der Richter*innen, wenn Überlebende vor Gericht erzählen und gehört werden wollen. Strafermittler*innen, die Hinweisen auf Vergewaltigung und Körperverletzung nicht nachgehen. Verteidiger*innen, die Sexismen wiederholen, um die Taten ihrer Mandanten zu verharmlosen. „Jeden Tag erlebe ich die Begrenztheit der Gerichtsverfahren“, schreibt Clemm in ihrem eindringlichen Plädoyer. Strafjustiz, so betont sie, verhindert weder Gewalt, noch schafft sie Gerechtigkeit. Doch die Ermittlungen und Gerichtsverfahren spiegeln gesellschaftliche Machtverhältnisse wider: Was gilt als wichtig, wem wird geglaubt? Clemm beschreibt empathisch die psychischen Folgen retraumatisierender Verfahren ebenso wie die mitunter tödlichen Konsequenzen behördlicher Fehlentscheidungen, etwa, wenn das Gewaltpotenzial von (Ex-)Partnern unterschätzt wird. Trocken bemerkt sie, Jurist*innen seien „traditionell nicht die Speerspitze freiheitlicher und revolutionärer Umwälzungen gewesen“. Gerade deshalb sollte dieses Buch im Erstsemester Jura zur Pflichtlektüre werden. Merle Groneweg

–

Christina Clemm „Ein ungehaltenes Plädoyer“ ( Hanser Berlin, 288 S., 24 Euro )

Junk

In Ilona Hartmanns neuem Roman wird der Keller der Protagonistin zu einer Wunderkammer. Hier verbringt diese sieben Tage, in denen sie auf eine klärende Diagnose wartet. „Ich hätte eine Reise machen können“, heißt es mehrmals. Stattdessen gräbt die Protagonistin in ihrer Vergangenheit – anders als in Hartmanns erstem Roman „Land in Sicht“ nicht, um jemanden zu finden, sondern um etwas loszuwerden. Und nähert sich dabei der Frage an, warum sie all diese Dinge angehäuft hat. Hartmann erzählt sprunghaft, anekdotisch von Fund zu Fund, zieht die Lesenden in eine Geschichte hinein und drückt sie im nächsten Moment wieder heraus. Das ist nicht immer angenehm, doch bringen eine*n die bruchstückhaften Reflexionen der Pro-
tagonistin dazu, die eigene Beziehung zu den Dingen zu hinterfragen und das, was einem*r im Leben wirklich wichtig ist. Oft sind es die scheinbar unwichtigen Sachen, die Erinnerungen wecken. Ein Fitnessgerät ist schnell aussortiert, Zuckerrosen MHD 31/03/2002 not so much. Und während der Keller immer mehr von seinen Eigenschaften als Nicht-Ort einbüßt, wächst die Erkenntnis, dass man in solchen Situationen besser nicht allein ist. 

Ulrike Wagener

–

Ilona Hartmann „Junk“ ( Park × Ullstein, 192 S., 22 Euro )

Zeit der Monster

Jedes imperiale Zentrum braucht eine Peripherie, die es als Andere markieren und beherrschen kann. Das namenlose Viertel in Şeyda Kurts „Zeit der Monster“ gleicht einer solchen Peripherie in Deutschland und ist von Fremdbestimmung, Verarmung und struktureller Verwahrlosung geprägt. Gleichzeitig lebt es aber vor allem von zwischenmenschlicher Solidarität und dem Aufbau alternativer Infra­strukturen. Doch die Polykrisen der Gegenwart spitzen sich auch im Viertel weiter zu, gekennzeichnet durch extreme Wetterlagen, Ressourcenknappheit und politisch verordnete Abschottung. Eine TikTok-Prophezeiung soll diesen Missständen ein Ende setzen, doch stattdessen versinkt das Viertel immer mehr im Chaos. Ein Wettlauf gegen die Endzeit beginnt, während Romanfiguren wie Sanya, Nabû und Mira versuchen, auf ihre jeweils eigene Weise das Viertel vor dem Zerfall zu bewahren. Dabei spielen die verdrängte Vergangenheit des Viertels, seine Verwobenheit mit imperialen Gewaltgeschichten und ein rätselhafter Silberbecher entscheidende Rollen. Şeyda Kurt hat mit „Zeit der Monster“ einen zutiefst zeitaktuellen Roman verfasst, der mit einer klugen Mischung aus Pop und magischem Realismus die vielen Krisen der Gegenwart beleuchtet, weiterdenkt und ermahnt, gesellschaftliche Metanarrative zu hinterfragen. Aleksandra Szczodrowski

–

Şeyda Kurt „Zeit der Monster“ ( Hanser Berlin, 288 S., 23 Euro ) 

Anton und Alma

Anton und Alma lernen sich bei einem Schüler*innenaustausch kennen und begegnen sich Jahre später in Berlin wieder. Sie verlieben sich, ziehen zusammen, streiten und versöhnen sich. Doch je tiefer ihre Beziehung wird, desto deutlicher treten ihre Unterschiede hervor. Anton stammt aus einer Akademiker*innenfamilie und ist Jude, ohne in seiner Gemeinde besonders aktiv zu sein. Alma, die als Erste in ihrer Familie studiert, ist nicht jüdisch, findet jedoch zunehmend Halt in jüdischen Traditionen und in Antons Gemeinde. Ihr Wunsch, zum Judentum zu konvertieren, wirft grundlegende Fragen auf: Warum möchte jemand Teil einer Religion werden, die nicht missioniert? Und was geschieht, wenn der Mensch, dem man sich dadurch näher fühlen möchte, diesen Weg nicht mitgehen will? Was bedeutet es überhaupt, dazuzugehören, und wer entscheidet über Zugehörigkeit? Während Almas Kinderwunsch auf Antons Freiheitsbedürfnis trifft, drängen sich auch die politischen Umbrüche ihrer Zeit in die Beziehung: die Pandemie, der Rechtsruck in Deutschland, der 7. Oktober 2023 und der Gaza-Krieg. Vowinckel erklärt jüdisches Leben nicht, sie erzählt es als gelebte, vielstimmige und widersprüchliche Realität. Mit nüchterner, präziser Sprache macht sie sichtbar, wie vielfältig jüdische Identitäten sind und wie tief das Gefühl, anders oder allein zu sein, ein Leben prägen kann. „Anton und Alma“ ist eine kluge, berührende Liebesgeschichte über Nähe und Fremdheit, Selbstbestimmung und die Sehnsucht, irgendwo und bei jemandem dazuzugehören. Nicole Hoffmann

–

Dana Vowinckel „Anton und Alma“ ( Suhrkamp, 542 S., 26 Euro )

Aber patriarchale ­Kackscheiße darf man schon sagen, oder?

Alexandra Zykunov fasst in diesem Buch vieles zusammen, was kluge Menschen über Herausforderungen und Widersprüche feministischer Erziehung in patriarchalen Verhältnissen gesagt und geschrieben haben. Sie verbindet diese Gedanken mit ihrer eigenen Alltagspraxis als gemeinsam erziehende und mit vielen Privilegien ausgestattete Mutter zweier Kinder, die nicht mehr ganz klein sind. Im Mittelpunkt stehen Fragen, die Eltern, die Feminismus nicht verkehrt finden, beschäftigen. Es geht um Kleidung, Spielzeug und Vorbilder, später um Pornografie, sexualisierte Gewalt und darum, wie patriarchale Muster (nicht) weitergegeben werden. Gelungen sind vor allem die Kapitel über Jungen, Emotionen und Männlichkeit – die schwierigeren Bereiche feministischer Erziehung. Der Titel des Buches könnte Müttern wie mir, die sich seit fast 16 Jahren genau da durchkämpfen, unnötig verharmlosend vorkommen. Im Patriarchat Kinder zu haben, es halbwegs gut machen zu wollen und dabei auf Hürden zu stoßen, ist nicht bloß „Kackscheiße“, sondern eine existenzielle und harte gesellschaftliche Realität mit ganz konkreten Folgen für Kinder und Erwachsene. Erbaulich ist wiederum das Ende des Buches, wenn Zykunovs Community zu Wort kommt und berichtet, wie ihre Erziehung tatsächlich Wirkung entfaltet, denn es ist wahr: Gesellschaftlicher Wandel entsteht vor allem auch durch alltägliche Auseinandersetzungen mit Kindern. Carla Heher

–

Alexandra Zykunov „Aber patriarchale Kackscheiße darf man schon sagen, oder? Bekenntnisse einer feministischen Mutter“ ( Ullstein, 304 S., 14,99 Euro )

Gib nicht auf! 

Vor mehr als zehn Jahren überfällt der sogenannte IS die Shingal-Region im Irak. Zehntausende Êzîd*innen müssen fliehen, werden getötet oder verschleppt. So auch die damals 13-jährige Jilan, die in Wirklichkeit anders heißt und der Comiczeichnerin Birgit Weyhe vom 3. August 2014 erzählt, der ihr Leben für immer verändert. Mit großem Mut berichtet Jilan von den traumatischen Ereignissen ihrer Zwangsverheiratung und Versklavung – und Weyhe wiederum stellt sich der Herausforderung, aus den zwangsläufig lückenhaften Erinnerungen eine aufrüttelnde Graphic Novel zu konstruieren. Wie Bilder für das Grauen finden, das die Überlebende des Genozids ausblenden muss, um weiterleben zu können? Weyhe konzentriert sich mit klaren, eindringlichen Panels auf die Protagonistinnen statt auf die Hintergründe und auf den êzîdischen Wunschbaum als Symbol für Erinnerung. Jilan selbst hält im Nachwort fest: „Ich schreibe dieses Buch, damit niemand vergisst, was uns passiert ist.“ Sonja Eismann

–

Birgit Weyhe & ­Jilan „Gib nicht auf! Wie eine junge Ezidin den Völkermord überlebt“ ( avant, 104 S., 24 Euro )

Wahl Familie

Das Buch „Wahl Familie“ der Schweizer Zeichnerin Camille Fröhlich erzählt anschaulich, wie facettenreich familiäre Konstellationen sein können. Wie ein ABC der Begrifflichkeiten sind die ganz in Blau gezeichneten Seiten übertitelt: von A wie Abbruch über B wie Beckenboden bis zu Ü wie Überlastung. Mit digitalem Strich in Bleistiftoptik (manchmal ergänzt durch rote Elemente) sind die Szenen bunt aneinandergereiht. Auf Geburt folgt Care-Arbeit, folgt Fruchtbarkeit, Beziehungsstreit, Meinung und Reproduktionsmedizin. Fröhlich wirft Schlaglichter auf Menschen unterschiedlichen Alters und Geschlechts in Beziehung zueinander. Dabei zeigt sie die wenig sichtbaren privaten Aspekte von (Nicht-)Elternschaft und verdeutlicht gleichzeitig, wie politisch Familie ist – und wie Anforderungen und rechtliche Rahmen immer noch auf nicht mehr zeitgemäße heteronormative Rollenbilder ausgelegt sind. Mit „Wahl Familie“ demonstriert Fröhlich lustig und nachdenklich, dass Familie sein kann, was wir uns trauen, daraus zu machen. Ein kleines zeichnerisches Manifest und eine Befreiung. Amelie Persson

–

Camille Fröhlich „Wahl Familie“ ( Edition Moderne, 160 S., 26 Euro, VÖ: 14.10. )

Dieser Text erschien zuerst in Missy 05/26.