Christina Feist sitzt in schwarzer Bluse und langer Goldkette in einem roten Sessel vor einer TV-Studiokulisse.
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Nach dem rechtsterroristischen Attentat am 9. Oktober 2019 in Halle/Saale gab ich als eine der ersten Überlebenden noch in der gleichen Nacht ein Interview für das israelische Radio. Am nächsten Tag wartete vor der Synagoge bereits eine Traube Journalist*innen auf mich. Ich erzählte immer und immer wieder, wie am Vortag ein deutscher Rechtsterrorist versucht hatte, sich mit selbst gebauten Waffen Zugang zur Synagoge zu verschaffen, wie er Molotowcocktails über die Mauer des Grundstücks warf, während ich gemeinsam mit anderen jüdischen Betenden gerade Jom Kippur, den höchsten jüdischen Feiertag, beging. Über drei Stunden lang und in drei Sprachen – Deutsch, Englisch, Französisch – spulte ich die Ereignisse des Vortags in Dauerschleife ab, beantwortete teils absurde Fragen von Journalist*innen, wie „Was muss Merkel jetzt tun?“ (Woher soll ich das wissen, frisch traumatisiert am Tag nach dem Attentat?!), bis ich schließlich heiser wurde. Das öffentliche Sprechen über mein Erlebtes tat mir gut, half mir, die Eindrücke des Vortags einzuordnen, und gab ihnen Realität. Durch die Interviews – am Tag nach dem Anschlag, später auch während des Prozesses gegen den Täter und vereinzelt noch heute – bin ich häufig in den Medien zu sehen. Und das hat Konsequenzen.

Zum einen bekam das Trauma des Attentats von Halle damit ein Gesicht. Das schafft Sichtbarkeit, emotionale Nähe und Empathie. Zum anderen wurde dadurch aber auch mein Name bekannt, und es dauerte nur wenige Stunden, bis nach dem ersten Interview Direktnachrichten von mir unbekannten Personen in meinen Social-Media-Inboxen eintrudelten. Diese Nachrichten sind auch heute noch eine wilde Mischung aus: Entsetzen über das Attentat mit anschließender Solidaritätsbekundung; Ungläubigkeit über die Tat und Relativierung meines erlebten Traumas; und Hassnachrichten – stets antisemitisch und misogyn, manchmal inklusive Morddrohungen.

Hassnachrichten und Morddrohungen sind immer allerunterste Schublade. Und vor allem dann, wenn sie an eine Person gerichtet werden, die gerade erst ein Terrorattentat überlebt hat. Trotzdem habe ich mich erstaunlich schnell daran gewöhnt, weil ich verstanden habe, dass sich diese Nachrichten fast nie gegen mich als Person richten, sonde…