Musik-Rant: AI killed the Streaming-Star
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Ich freue mich schon total darauf, den Song bald endlich für euch live zu spielen!“, erzählt Musikerin Sienna Rose in ihrem TikTok. Sie macht Promo für ihre millionenfach gestreamten Songs. Doch es gibt ein Problem: Sienna Rose existiert (wahrscheinlich) gar nicht. Seit Mitte 2025 erscheinen auf ihrem Spotify-Account Neo-Soul-Songs, die Millionen Streams einheimsen und sogar in Instagram-Stories von Stars wie Selena Gomez landen. Aber: Sienna Rose ist – höchstwahrscheinlich – eine KI-Persona. Zumindest legen das zahlreiche Recherchen nahe, die die als Schwarze Frau mit Afro dargestellte Persona als Projekt der norwegischen KI-Produzenten Maksim Murajov und Hafsteinn Runarsson entlarven wollen.
Selbst wenn Rose am Ende – so unwahrscheinlich es ist, da sie bspw. bisher kein einziges Interview gegeben hat – doch keine KI sein sollte: Die Gefahr wächst. Täglich landen mittlerweile durchschnittlich 90.000 KI-generierte Songs (!) allein beim Streamingdienst Deezer. Und klar, unsere Bubble schmunzelt darüber, wenn die rechte Szene mit Songs wie „Er hat sich das nicht ausgesucht“ um den Wal Timmy trauert, die offensichtlicher AI Slop sind. Aber was ist mit den Songs, die sich an feministischen Haltungen bedienen, wie etwa „Fotzen Freitag“ von SUV Whatever, das Ikkimel-Takes mit Fünfzigerjahre-Sound mischt? Eine Deezer-Studie zeigt, dass 97 Prozent der Menschen KI-Songs mittlerweile nicht mehr als solche erkennen können. Wie auch, wenn die Acts plötzlich auch noch ein perfektes Social-Media-Game hinlegen?
Beim „Generated Fest“ sollten im August 2026 ausschließlich KI-Acts auftreten. Das sorgte im Netz für Furore, am Ende war es nur ein Aprilscherz. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Was meinen Puls dabei am stärksten hochtreibt, ist die Indifferenz in den Kommentaren nach der Enttarnung von KI-Songs: Vielen Leuten ist längst egal, ob eine echte Person hinter der Musik steckt oder ein Datenklau.
Musik ist Kultur, ist menschengemacht. Was KI-Musik (und das gilt genauso für bildende Künste, Schauspiel, Synchron-sprechen – you name it!) so absurd und dystopisch macht, ist die fehlende Haltung, der fehlende Kontext, die fehlende Perspektive. Musik ist natürlich immer eine neue Kombination aus Strömungen und Sounds, die es bereits gab. Aber eben von Menschenhand zusammengesetzt. Während Olivia Rodrigo noch Geld für eine (angebliche) Copycat-Aktion in „Good 4 U“ an Paramore zahlen muss, kann man bei KI-Künstler*innen mittlerweile nicht mal mehr nachvollziehen, welche Vorbilder im Code stecken. KI-Musik ist kein Sampling, sondern meist eine verhunzte, Stereotype befeuernde Raubkopie.
Am meisten leiden darunter die kleinsten Acts, denn eine Taylor Swift muss nicht wieder von vorn anfangen. So verdienen mit „feministischen“ Songs wie eben von SUV Whatever plötzlich Macker wie Benjamin Gornau Kohle, ganz ohne selbst ins rechte Leuchtfeuer zu geraten wie echte Aktivist*innen. Sprich: Noch mehr weiße cis Dudes kassieren ab. Und das darf es wirklich nicht sein.
Dieser Text erschien zuerst in Missy 05/26.