Newcomer

Sorvina blauem Partyhut liegt in Anzug und Krawatte quer auf einem beigen Sofa, die Beine über der Armlehne, und bläst in eine Luftschlange.
© Shannon Kone

SORVINA  

Not So Hidden Talent:
Legendäre Dance Moves

Allergie gegen:
An einem Ort bleiben

Größte Inspiration:
Kendrick Lamar

Das Gesicht verzieht sich, Mundwinkel nach unten, Augenbrauen zusammen: Wer sich ihrer Musik hingibt, kann sich nur mit verzogenem Gesicht im Beat treiben lassen. Sorvina begeistert so vielschichtig, wie sie ihre Songs komponiert. Einst Folk-Singer-Songwriterin, fand sie ihre wahre Bestimmung als Rapperin. Sie rappt in einem pointierten Flow, der wie aus der Pistole geschossen kommt. Wer Doechiis freche Vibes liebt, Little Simz’ Flow feiert und sich von Tyler, The Creators Authentizität inspiriert fühlt, wird in Sorvinas Musik all das und mehr finden. Aufgewachsen in einem Vorort von New York, hat sie in Berlin 2022 ihr musikalisches Zuhause gefunden. Drei Monate nach ihrer Ankunft wurde sie Teil des Vokalensembles A Song For You. Welche Rolle gemeinsames Singen für sie spielt, fasst sie poetisch zusammen: „Wenn alle Stimmen zusammenkommen, hinterlässt jede einzelne ihren Fingerabdruck.“ In ihrer Musik verschmelzen nicht nur Stimmen, sondern auch Genres. Von Jazz über HipHop bleibt der Gospel unüberhörbar. Sie sagt selbst: „Egal, wie gangsta, wie nasty es wird, am Ende des Tages bin ich ein church girl“. Ihre Gabe fürs Erzählen hat sie u. a. an der Universität Boston als Radiomoderatorin entdeckt. Auf der Bühne entfaltet sie sich: Ob sie mit voller Seele singt oder kreativ rappt, selbst die Übergänge zwischen ihren Songs wirken wie Spoken-Word-Performances. Luan Afra Evans

Bluuu mit roter gemusterter Cap, weißem Hemd und rot-weiß gestreifter Krawatte lehnt an einer blauen Wand in einer Unterführung, hält einen Strauß roter Rosen und formt mit der freien Hand die Pommesgabel.
© Juli Koterwa

KESHIA  


Erste CD:
„My World“ von ­Justin Bieber 


Lieblingssoundtrack:
Erste und zweite Staffel von „Euphoria“

Musikalische Inspo:
Ear, Orbit, Oklou und
The Blaze

Die Songs von Keshia sind tiefgründig, dabei leichtfüßig, clubtauglich und besonders – seit Monaten laufen sie bei mir in Dauerschleife. Meine Hot Rotation: „Bring Mich Nach Haus“, „Eigentlich“ und „Wach“. Und dann wieder von vorn. Sehnsüchtige Texte treffen auf Alternative-Pop-Melodien aus Synthesizern gekonnt durchbrochen von Drum-’n’-Bass- und UK-Garage-Elementen. Seit 2020 veröffentlicht die afrodeutsche, queere Künstlerin ihre Musik. In den letzten Monaten erscheinen zuverlässig neue Titel – melancholische Sommerabend-Sounds für den Heimweg, die das Herz füllen und fast schmerzlich an Vergänglichkeit erinnern. Die lyrischen Beobachtungen der Hamburgerin sind extrem klar, nahbar und weich. Nicht kuschelweich, eher gesalzene-Butter-weich. Im besten Sinne eigen, zart und dennoch kraftvoll. Dafür erhielt Keshia erst vergangenes Jahr den Hamburg Music Award KRACH+GETÖSE. Mit „Photosynthese“ erscheint am 18.09. ihre Debüt-EP, die das Ausbrechen über eigene Grenzen hinweg als Befreiung thematisiert. Kurz gesagt: ein Must-listen. Nastassja von der Weiden

Comebacks

Madonna verlässt in weißem Fellmantel, hellem Body und getönter Sonnenbrille einen Eingang, hinter ihr eine Begleitperson im schwarzen Anzugr. Rechts spiegelt sich die Szene zusätzlich in einer dunklen Scheibe.
© IMAGO / Independent Photo Agency Int.

MADONNA   

Ihr erster Top-Ten-Hit:
„Borderline“ (1984)

Funfact:
Hat über dreihundert Musikvideos gedreht

Aktueller Lieblingssnack:
Popcorn

Die Queen of Pop ist zurück. Auf dem Cover ihres Comeback-Albums sitzt sie in Dessous, ein flieder­farbener Schleier bedeckt sie. Der Titel „Confessions II“ spielt auf ihr legendäres Discoalbum „Confessions On A Dancefloor“ an, mit dem sie sich 2005 neu erfand. Sich ständig zu wandeln, ist so typisch Madonna, dass jeder neue Sound wie ihre Essenz wirkt. Nach sieben Jahren Studiopause ist „Confessions II“ die modernere Clubnacht – aber im Vergleich wohl auch die langweiligere. Im Gegensatz zum Vorgänger klingt das Album wie aus einem Guss. Doch in diesem konstanten Loop fehlen die großen Hits, abgesehen von „Bring Your Love“(feat. Sabrina Carpenter), das an ihren Überhit „Vogue“ erinnert. Apropos „Vogue“: Madonnas berühmter Song von 1990 lenkte mit seinem Musikvideo die Aufmerksamkeit auf die New Yorker Ballroom-Szene und zeigte zugleich, wie sie sich über Jahrzehnte fremde Kulturen aneignete. Damals wirkte es, als hätte sie das Vogueing erfunden. Dabei entstand dieser Tanzstil bereits in den 1970er- und 1980er-Jahren in der Black- und Latino-Ballroom-Szene von Harlem, geprägt von queeren Communitys und trans Menschen of Color. Sie war immer eine polarisierende Figur. Und doch braucht es eine 68-Jährige, die in Unterwäsche auf der Bühne tanzt – dann wirkt selbst ein mittelmäßiger Sound weniger langweilig. Simone Bauer

Juju singt auf einer Bühne in einem schwarzen Zip-Kleid ins Handmikrofon, das lange dunkle Haar weht seitlich nach hinten. Der linke Arm ist weit ausgestreckt.
© IMAGO/Hartmut Bösener

JUJU   

Bürgerlicher Name:
Judith Wessendorf

Erste Karriere:
Tätowiererin

Funfact:
Ist auch als „Juju44“ bekannt 

Frecher Fotzenrap mit trauriger Nachdenklichkeit: Können Fame und Geld wirklich glücklich machen? Diese ewige Frage des Star-Seins verneint Juju in ihren 2026 erschienenen Single-
auskopplungen. Auf harten Uptempo-Beats spricht sie offen über Depression, Suizid­gedanken, Schönheitsideale, Neurodivergenz und Gesellschaftsnormen – aber auch darüber, einfach leben und feiern zu wollen.

Vor zehn Jahren brachte Juju mit SXTN-Kollegin Nura Frauen und feministische Songtexte in den Deutschrap-Mainstream. Nach der Trennung und zahlreichen Spekulationen über die Gründe veröffentlichte sie 2019 ihr Solodebüt „Bling Bling“ und stürmte die Charts. Danach wurde es, abgesehen von einzelnen Features, ruhig um sie. Bis jetzt.

2026 deutet sie in der Single „Crashout Freestyle“ einen Knebelvertrag an und beklagt, dass ihre feministische (Vor-)Arbeit nicht gewürdigt wird: „Ich hab’s cool gemacht, dass ihr euch Fotze nennt. (…) Doch krieg keine Props.“ Der Song „$HORTY“ zeigt, was ständiges Performen im kapitalistischen Hamsterrad einem Menschen abverlangt. „Shorty will weg auf ’n andern Planet“, singt Juju und berichtet im „Spiegel“-Interview, wie ihre ADHS- und Autismus-Diagnose sie dazu ermächtigte, Grenzen zu setzen und das eigene Leben besser zu verstehen, statt sich wie ein Alien zu fühlen. Damit spricht sie auch Menschen an, die abseits von Glitzer und Glamour ein prekäres Leben führen. Josephine Papke

Dieser Text erschien zuerst in Missy 05/26.