© Julia Runggaldier

TAKESHI’S CASTLE

Wer Anfang der 2000er-Jahre aufgewachsen ist, weiß ganz genau: Lange bevor „Temptation Island“ und Co. das Reality-TV bestimmten, gab es noch richtiges Trash-Fernsehen. Damals war Fernsehen kein endloser Streaming-Katalog, sondern ein Kompromiss: Was lief, wurde geschaut. Und so wurde ausgerechnet „Takeshi’s Castle“ zu einer der prägendsten Sendungen meiner Kindheit. Die japanische Gamingshow (1986–90) bestand im Grunde daraus, Menschen dabei zuzusehen, wie sie an völlig absurden Hindernisparcours scheitern. Kaum eine Folge endete, ohne dass jemand im Schlamm oder Wasser landete. Früher wurde sich für gute Unterhaltung eben noch ins Zeug gelegt: Sumoringer schubsten die Teilnehmenden höchstpersönlich in den Matsch. Heute reicht es offenbar aus, fünf cis hetero Männer in eine Villa zu setzen. Den Rest erledigt dann Aleks Petrović.


Im Gegensatz zum heutigen Reality-TV entstand der Unterhaltungswert der Sendung durch die Situationen, nicht durch die Personen. Niemand interessierte sich dafür, wie die Kandidat*innen hießen, welchen Beruf sie hatten oder in welchem Format sie nach dem Drop ihrer Personal Brand als Nächstes auftauchen würden. Als Zuschauer*innen konnte es uns bei „Takeshi’s Castle“ nicht egaler sein, wer stürzte. Hauptsache, irgendwer stürzte!

Im Studium begegnete mir dann Edward Saids Theorie des Orientalismus: die Idee, dass der Westen den sogenannten Orient gerne als exotisch, fremd und anders inszeniert. „Takeshi’s Castle“ war zwar schon im Original eine bewusst überdrehte Show voller Klischees und Überzeichnungen, aber die deutsche Synchronisation machte daraus endgültig eine Karikatur. Rassistische Akzente, diskriminierende Witze und natürlich trugen die Charaktere der Show Namen wie „General Lee“ und „Kommander Jo“, als wäre ganz Japan eine riesige Kaserne.
Was als Kind bei mir für viele Lacher sorgte, wirkt heute wie ein gutes Beispiel dafür, wie auch Reality-TV kulturelle Klischees reproduziert und wie früh wir diesen begegnen. Nostalgie und ein kritischer Blick schließen sich eben nicht aus. Im Gegenteil: Manchmal macht die Nostalgie sichtbar, was einem*r damals überhaupt nicht aufgefallen ist. Dîlan Şirin Çelik

DUBAI BLING …