Eine Illustration, in der eine Figur im Zentrum steht und von äußeren Figuren oder Objekten unter Stress gesetzt wird.
© Atelier Walderdorff

Mini ist müde wie ein alter Hund, sie hat in den letzten Wochen zu viele Nachrichten konsumiert. Dabei ist es sinnlos, alle Entwicklungen in der ganzen Welt detailliert zu verfolgen. Mini hört täglich so viele Podcasts und liest so viele Artikel und Analysen, als würde sie beim Fernsehen arbeiten. Das wird ihr zu blöd und sie beschließt, sich mehr ihrem Privatleben zu widmen. Aber auch das Privatleben ist kein Cheesecake, wie sich gleich zeigen wird.

„Schon wieder!“, schreit Miki aus der Küche, „du beherrscht diese neuen EU Drehverschlüsse wirklich nicht.“ Mini hat am Nachmittag geschlafen und war noch träge, als Mikis Schreistimme sie erschreckt hat. „Was ist passiert?“, fragt Mini.

„Gut, dass du fragst“, sagt Miki mit einem sauren Ausdruck im Gesicht. „Du denkst offenbar, dass die Milch ganz zu ist und stellst sie in den Kühlschrank. Wenn ich sie aus dem Kühlschrank hole und schüttle, kommt die Katastrophe. Die Milch ist überall! Auf der Decke. Auf dem Boden. Ich habe 15 Minuten geputzt.“

Mini denkt nach. Sie kennt Miki. Er liebt Regeln. Er ist ein Mensch, der sich freut, wenn eine neue Verordnung über das Zerquetschen oder das Nichtzerquetschen von Bierdosen kommt. Er ist immer der Erste, der weiß, ob das dünne Plastik gemeinsam mit den Plastikflaschen zu entsorgen ist oder nicht. „Und Milch ist dazu noch auf weißen Flächen unsichtbar“, sagt er, „wer weiß, ob das alles auf dem Kühlschrank nicht eine Schicht Milch ist!“

„Die Milch war nicht zu?“, fragt Mini.

„Nein, sie war schon zu, aber nicht ganz, und als ich geschüttelt habe, kam es zu einer Explosion.“

„Wieso hast du geschüttelt?“, fragt Mini.

 Milch wird geschüttelt. Vielleicht ist es gar nicht mehr notwendig heutzutage … aber früher musste man. Damit sich die Fettschicht wieder in der Milch verteilt.“

Leider betrachtet Mini jede verbale Auseinandersetzung wie einen Wettbewerb. Jetzt ist sie dran: „Zu schütteln, ohne nachzusehen, ob es ganz verschlossen ist, ist also deine Gewohnheit?“, sagt Mini. „Ja“, sagt Miki. „Das habe ich schon immer so gemacht.“

„Und den Verschluss nicht ganz fest zudrehen ist meine Gewohnheit, die sonst keine Konsequenzen hätte, würdest du nicht vor dem Ausschenken schütteln.“ Miki spannt sich hier schon an. Ihm ist klar, was Mini macht, nämlich alles, nur damit sie keine Kritik annehmen muss. „Wieso muss ich also meine Gewohnheiten ändern, nur damit du deine Gewohnheit nicht ändern musst?“, sagt Mini mit einem triumphalen Smirk. Miki, der die Milch zu Vorzeigezwecken eben noch in den Händen gehalten hat, wirft die Verpackung auf den Boden. Jetzt ist Milch wirklich überall. Er ist sehr wütend.

„Du nervst!!“, schreit er. Mini setzt sich ins Wohnzimmer und pfeift unschuldig die Internationale, während sich Miki in seiner Rage immer höher aufschaukelt. Jetzt hat er einige Teller verräumt und mit der Faust gegen die Couch gehauen. Einen dünnen Hausschuh hat er gegen das Bücherregal geworfen und ist gegangen. Auf der Straße hat er gegen die Laterne gekickt. Unschuldige Passantinnen hat er angeschrien:

„Was ist!?“ Mini ist sehr erstaunt, dass Miki das Milchschütteln so sehr am Herzen liegt. Sie vermutet, dass das Problem woanders liegt, kann aber auch nichts dafür, dass solche Mikis sich nicht artikulieren können. Sie will ein bisschen chillen. Während sie die Nägel lackiert, läuft Mendelssohn Bartholdy im Ö1. An der Wand hängt ein Zettel, auf dem die Streitergebnisse notiert werden. Mini macht einen weiteren Strich in ihrer Spalte.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/25.