Magazin 05/2026
Ein Blick in die neue Missy: Signal-Chefin Meredith Whittaker im Gespräch, 13 Seiten über Reality-TV, eine Reportage zum ökofeministischen Protest in Albanien, Literatur-, Film- und Musikempfehlungen und vieles mehr.
LIEBE LESER*INNEN,
die Sommerferien sind mein Highlight des Jahres. Während im Alltag mit zwei Kindern neben Lohn- und Care-Arbeit und dem berüchtigten „Feminist Burn-out“ oft wenig Platz für Fun bleibt, gelingt es im Urlaub in glücklichen Momenten, alles kurz anzuhalten. Ich blättere dann interessiert durch diverse sogenannte Frauenzeitschriften – die nach wie vor, neben den enthaltenen Schönheits- und Konsumimperativen, einer der wenigen Orte sind, wo die Anliegen von Frauen zentral sind – und denke darüber nach, ob mein Leben auch dauerhaft besser wäre, wenn ich ein Dankbarkeitsjournal führen würde. Währenddessen schiebt sich das Reale immer wieder zurück in mein Blickfeld: Lebensgrundlagen zerstörende Waldbrände in Europa. Das Wissen, dass viele Familien, vor allem solche mit alleinerziehenden Müttern, sich nicht einmal eine Woche Urlaub pro Jahr leisten können. Und das Entsetzen und die Trauer über den islamistischen Anschlag auf den CSD in Berlin.
Als ich aus dem Urlaub zurückkehre, liegt schon der Herbst über Berlin und ich frage mich, ob ich mich jetzt von allem verabschieden muss. Vom Sommer und der Vorstellung von Sommerferien, wie wir sie bisher kannten. Von meinen Kolleg*innen Bahar und Ulla, die Missy über Jahre als (Co-Chef-)Redakteurin und als Geschäftsführung auf so wichtige Weise geprägt haben, dass ich mir Missy ohne sie kaum vorstellen kann. Und wenn ich mir die Höhenflüge der AfD vergegenwärtige und den Umstand, dass eine weiße Frau Schwarzen Kids einen Schwimmbadnachmittag unter sich nicht nur nicht gönnt, sondern einen rassistischen Mob dagegen entfesselt, frage ich mich auch, ob wir die Idee eines solidarischen Miteinanders verabschieden müssen.
Und dann komme ich zum ersten Mal wieder ins Büro. Sehe unsere neuen Kolleg*innen Carolin B. und Noémi aus der Geschäftsführung und To aus der Buchhaltung sowie Sadia aus der Onlineredaktion. Lerne Penelope, die bisher Teil Letzterer war, nun neu als Co-Chefredakteurin der Printredaktion kennen. Sehe im Layout unsere Texte zu Meredith Whittakers Kampf gegen die Tech-Bros, zu den albanischen Flamingo-Protesten, zu Female Rage im Theater und dem dringend benötigten Schutz von inter Kindern. Und weiß sofort, dass der Versuch feministischen Zusammenlebens kein Auslaufmodell, sondern Zukunft ist. Danke an euch Leser*innen, dass ihr weiterhin mit uns dafür kämpft!
Eure Sonja
Aufschlag
Nepo-Lesben. Vier Schwiegermütter, ein lesbischer Familienchat und queere Vorbilder: Willkommen in einer lesbischen Familie, in der Ex-Partnerinnen selbstverständlich dazugehören.
Lieblingsstreberin: Amina Hussain. Amina Hussain findet in der britischen Sitcom „We Are Lady Parts“ ihre Stimme – als Gitarristin einer muslimischen Punkband.
Work Work Work: Schulbegleiterin. Carolin Schliwka begleitet Kinder im Unterricht und Schulalltag, unterstützt bei Krisen und setzt sich für Inklusion ein.
Hä, was heißt denn globaler Süden? Unser Glossar gegen die Panik vor Wörtern. Diesmal: Globaler Süden.

Kultur & Gesellschaft
Behördenversagen ist kein Einzelfall. NSU, Neukölln, Hanau. „Futur Drei“-Regisseur Faraz Shariats neuer Justizthriller „Staatsschutz“ zeigt den Kampf gegen rechten Terror und institutionellen Rassismus in der Justiz.
Vier Bücher über Ostdeutschland. DDR-Vergangenheit, Wende und alltägliche Nachwirkungen der Mauer: Roman- und Sachbuchautorinnen zeigen die Vielfalt ostdeutscher Lebensrealitäten.
„Es geht um die Pressefreiheit“ Investigativjournalistin Lena Kampf über die Verantwortung der Presse. Welche juristischen Hürden bergen Verdachtsberichterstattung und die Suche nach der Wahrheit?
Theater über Female Rage. Die Performance „Die Menschenfresserin“ zeigt weibliche Wut im HAU Berlin. Medienkünstlerin Sophia Süßmilch führt Regie, Musikerin Malonda ist Co-Dramaturgin und Sensitivity Reader.
Geister im Stahlwerk. Die japanische Dramatikerin und Regisseurin Satoko Ichihara bringt mit „Mononoke“ ihr erstes Stück an die Berliner Volksbühne – über Geister, Stahl und patriarchale Mythen.
All Eyes On: Alake Shilling. Kitsch als Protest: Die Malerin und Bildhauerin verbindet Bubblegum-Pop-Ästhetik mit cartoonhaften Figuren und erzählt von Emotionen, Community und Einsamkeit.
Diese „Sicherheit“ ist eine Illusion. Nach dem Anschlag auf den Berliner CSD fordert die Politik mehr Polizei. Doch mehr Sicherheit für queere Menschen schafft das nicht – im Gegenteil.

Politik & Protest
Gemeinsamer Reichtum. Die Debatte um die Vergesellschaftung von Immobilienkonzernen zeigt: Dahinter steckt die Vision einer Wirtschaft, die über den Wohnungsmarkt hinausreicht.
Flamingo-Revolution. Schon lange kämpfen Aktivist*innen wie die Paja-Schwestern für Naturschutz und gegen korrupte Politiker*innen. Was als kleiner ökofeministischer Protest gegen ein Luxusresort begann, ist zu einer der größten Bewegungen Albaniens geworden.
Mein Trauma ist nicht sexy. Christina Feist hat das rechtsterroristische Attentat am 9. Oktober 2019 auf die Synagoge in Halle überlebt. Weil sie öffentlich darüber spricht, bekommt sie misogyne und antisemitische Hassnachrichten zugeschickt – ebenso wie beschwichtigende und sexualisierende Kommentare.
Titelstory
„Der KI-Hype ist gefährlich” Meredith Whittaker, Chefin des sicheren Messengers „Signal“, zählt zu den einflussreichsten KI-Vordenker*innen weltweit. Gleichzeitig kämpft sie gegen Überwachungskapitalismus und Big Tech und warnt: Freie Kommunikation und Privatsphäre sind bedrohter denn je.
Themenschwerpunkt: Reality-TV
Reality-TV ist aus der Streaminglandschaft nicht mehr wegzudenken. Aber warum trifft diese Art der inszenierten Realität, die eine Bühne für viel Drama, Rassismus und toxische Männlichkeit bietet, einen Nerv? Und was macht es mit den Teilnehmer*innen, unter fragwürdigen Bedingungen zu arbeiten und nicht über ihre Erfahrungen sprechen zu dürfen?
Anderen beim Scheitern zusehen. Was mit versteckten Kameras begann, ist zu memefähigem Marketing geworden. Gucken wir Reality-TV nur um uns selbst zu erhöhen oder können Trash-TV-Formate Zuschauer*innen dabei helfen, sich von ihren Mackern zu trennen?
Reality-TV weltweit. Genug von „Dschungelcamp“ und „Love Is Blind“? Es gibt noch deutlich mehr Trash-TV-Formate, wie die internationale Auswahl unserer Autor*innen zeigt.
Exploitation Island. 24/7 unter Beobachtung, lange Drehtage, strenge Verträge: Reality-TV-Kandidat*innen produzieren Inhalte, an denen andere verdienen. Ist es Lohnarbeit, bei einer Trash-TV-Show mitzumachen?
Trotzdem Fan. Reality-TV-Shows wie „Love Island“ geben Schwarzen Frauen wie dem Shootingstar Olandria Carthen eine Bühne, die ihnen sonst oft fehlt. Doch wann schlägt Aufmerksamkeit in Sexismus und Rassismus um?

Sex, Körper & Style
Bin ich eine Göre? Unsere Autorin denkt darüber nach, wie parasitär das Patriarchat ihre sexuellen Vorlieben bestimmt.
Fehlender Schutz für inter* Personen. Seit 2021 soll ein Gesetz inter* Kinder vor geschlechtsverändernden Operationen schützen. Die Bilanz ist ernüchternd. Ein Gespräch mit der Internationalen Vereinigung Intergeschlechtlicher Menschen (IVIM).
Kleidung als Werkzeug für Neonazis. Modeprofessorin Elke Gaugele zeigt in ihrem neuen Buch „Fashion und Faschismus“, wie Neonazis und die Neue Rechte Mode gezielt für ihre Zwecke instrumentalisieren.
Styleneid: Mounia Nassangar. Streetstyle trifft auf Chic: Die Waacking-Tänzerin aus Paris spricht über Mode als Akt des Widerstands.

Edutainment
Jorja Smiths neues Album. Das dritte Studioalbum „What Are The Odds“ der Sängerin verbindet melancholischen R’n’B mit UK Garage, House und Dancefloor-Vibes.
Musiknews: Newcomer und Comebacks. Die aktuellen Musik-Newcomer und Comebacks.
KI-Musik bedroht den Streaming Star. Auf Spotify, Deezer und Co.: KI-Songs verdrängen Künstler*innen aus der Musikbranche und machen Kreativität zur Ware.
Queerfeindlichkeit im Familienrecht. In der polnischen HBO-Max-Serie „Proud“ kämpft der schwule Filip nach dem Tod seiner Schwester um das Sorgerecht für seine Nichte – und gegen die brutale Doppelmoral einer queerfeindlichen Gesellschaft.
xoxo, the Missy CEO Nr. 11. Ulla Heinrich, Geschäftsführer*in, gibt ein letztes Mal Einblick hinter die Kulissen: Was bewegt uns gerade?
„Ghost School“ Warum wurde ihre Schule in Pakistan geschlossen? Der Film der Regisseurin Seemab Gul erzählt von der zehnjährigen Rabia, die auf der Suche nach Antworten auf Korruption, Kinderarbeit und ein ungerechtes Bildungssystem stößt.
Filmtipps 05/26. Die aktuellen Kinostarts von Missy rezensiert.
Was ist das „echte“ Leben? Im Roman „Die Anthropologen“ erzählt Ayşegül Savaş vom Leben zweier Expats in einer namenlosen Metropole – auf der Suche nach Zugehörigkeit und der Frage, wie wir heute leben wollen.
Literatur- und Comictipps 05/26. Unsere aktuellen Leseempfehlungen.
Der Kampf gegen Polizeigewalt. Der Aktivist Suraj Mailitafi ist Teil des Aktionsbündnis Widersetzen und Sprecher der Initiative Gerechtigkeit für Lorenz. Er kämpft für Aufklärung, Gerechtigkeit und gegen rassistische Polizeigewalt.
Die Ausbeutung weiblicher Körper. Die Ausstellung „Labouring Bodies“ im Tinguely Museum Basel zeigt, wie weibliche Körper zu Maschinen gemacht werden und wer davon profitiert.
Konkurrenzkampf im Literaturbetrieb. Unsere Autorin liebt ihren Beruf, nicht aber den Konkurrenzdruck in der Literaturbranche. Über Bestsellerlisten, Anerkennung und die schwierige Kunst, anderen ihren Erfolg zu gönnen.