Magazin

Liebe Leser*innen,

letztes Jahr um diese Zeit haben wir froh – und auch ein bisschen stolz und erstaunt – unseren zehnten Geburtstag in Zeiten der Print-Krise gefeiert. Als feministisches Magazin für Popkultur und Politik, das zu keinem großen Verlag gehört und auch keine potenten Geldgeber*innen im Rücken hat, alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Gleichzeitig haben wir mit Schrecken beobachtet, wie von uns lange geschätzte Magazine vom Markt verschwunden sind. Wir sind noch da und wundern uns manchmal selbst darüber. Denn nach einem kurzen finanziellen Aufschwung für Missy zu Beginn des Jahres mussten wir eines unserer Nebenprojekte wieder einstellen. Jetzt sind wir mit gravierenden ökonomischen Einschnitten konfrontiert.

Trotz allem hältst du unsere fünfzigste Ausgabe in den Händen. Dass das so ist, verdanken wir euch, unseren Leser*innen, unserer Community. Ihr habt in den letzten Jahren unsere Crowdfundings zum Leuchten gebracht, Missy beständig abonniert, uns verschenkt, weiterempfohlen, online gelesen. Danke dafür. All das hilft uns, unsere Arbeit auf eine solide Basis zu stellen und weiterhin unabhängigen feministischen Journalismus zu garantieren. Und uns z. B. die Büromiete leisten zu können … denn so grundlegend ist es manchmal.

Unsere ehemalige Chefredakteurin Katrin Gottschalk, heute stellvertretende „taz“-Chefredakteurin, hat es einmal sehr treffend beschrieben: „Nach außen strahlt Missy. Die Zahlen verschleiern aber die Strukturen, in denen dieses politische Hochglanzmagazin entsteht.“ Das war 2015. Seitdem haben wir an diesen Strukturen beständig gemeinsam gearbeitet. Haben versucht, unsere Arbeit auf eine nachhaltigere und weniger prekäre Basis zu stellen, feste wie freie Mitarbeiter*innen fairer zu entlohnen – das gelingt uns mal besser, mal schlechter. Insgesamt ist Missy auch heute ein idealistisches Projekt, das mit sehr knappen Ressourcen produziert wird.

Das Kernteam von Missy umfasst mittlerweile fast zwanzig Personen und leistet unfassbar viel Arbeit. Ein Großteil davon – gerade auch nicht redaktionelle Arbeit – bleibt unsichtbar und unbezahlt. Daher richten wir an dieser Stelle den dringenden Appell an euch: Lest uns, abonniert uns, redet über uns – all das hilft uns dabei, ein Magazin wie Missy überhaupt am Leben zu erhalten.

Und trotzdem darf auch diese Ausgabe wieder glänzen. Wir freuen uns, dass wir Nachwuchs-Regiestar Anta Helena Recke für unsere Titelstory gewinnen konnten (S. 46), denken anlässlich unserer fünfzigsten Ausgabe in unserem Dossier (S. 52) darüber nach, wie feministisch Altern geht. Die Antworten sind so überraschend wie versöhnlich – und vor allem ehrlich.

News aus dem Missyverse haben wir natürlich auch: Missy gibt es ab jetzt vollständig im Netz zu lesen! Besucht uns auf missy-magazine.de und stöbert durch unser Online-Archiv. Auch hier hilft jeder Cent, unsere Arbeit zu finanzieren. Übrigens, letzte Chance, denn alles muss vor dem Büroumzug raus: Der Missy-Shop öffnet wieder! Unsere Shirts, Ketten und Drucke gibt es dort für einen kurzen Zeitraum zu erstehen. Vielleicht sucht ihr noch ein Geschenk – oder wollt einfach euch selbst (und damit auch uns) etwas Gutes tun? Dort findet ihr natürlich auch den Missy- Kalender 2020, erschienen bei ebersbach & simon, der euch mit empowernden Persönlichkeiten durch das Jahr begleitet.

Auf das Älterwerden oder: auf mindestens fünfzig weitere gemeinsame Ausgaben, ach was, Jahre mit euch!

Eure Missys

Dossier: Das Beste kommt noch

Wie altert man jenseits der Heteronormativität? Was sind Perspektiven auf Pflege und Sicherheit ohne Ehemann und Kinder? Wird es irgendwann mau im Bett? Inwiefern sind inhaltliche Differenzen zwischen Feminist*innen eine Generationenfrage? Was haben alte und be_hinderte Menschen gemeinsam – und wie sieht es aus mit Altersarmut? Zur Ü-50-Ausgabe will Missy alles übers Altern wissen. – 52

       

Titel:

Hausaufgaben machen!
Von Paula Perschke
Anta Helena Recke hat Hoffnung: Die neueste Inszenierung „Die Kränkungen der Menschheit“ der Theatermacherin, Performerin und Konzeptkünstlerin ist bei aller Kritik an Gesellschaft und Bühnenbetrieb eine Utopie – selbst wenn es mit den Menschen bald vorbei sein sollte. – 46

Aufschlag

Radar – 9

Wahlgrossfamilie 
Protokoll von Hengameh Yaghoobifarah
Die Künstlerin Nuray Demir hat keine Sehnsucht nach dem Kleinfamilienglück. Sie lebt mit ihrem Bruder und ihrem Kind in einer großen WG. – 14

Lieblingsstreberin: Charlie Bradbury – 15
Konsum Fail: Regenmantel – 15
Work Work Work: Die Hausverwalterin  – 16
Hä? Unser Glossar gegen die Panik vor Wörtern. Diesmal: Trigger – 17

Kultur & Gesellschaft


Fühlt ihr euch schlecht?

Von Juliane Streich
Die Sonic-Youth-Ikone Kim Gordon hat ihr erstes Soloalbum aufgenommen – mit 66. Auf „No Home Record“ besingt sie mit Krach und Witz das Ende des Kapitalismus und moderne Utopien auf selbstdarstellerischen Internetportalen. – 19

Opfer, Täterin, so vieles mehr
Von Bahar Sheikh
Die Rapperin Schwesta Ewa erzählt in ihrer Autobiografie von ihrer Kindheit, Sexarbeit und wie sie zum Rap kam. – 22

Soft am Limit
Von Agata Hofrichter
Die Frau als weiches Wesen? Dieses Klischee wird bis heute auf Theaterbühnen reproduziert. In ihrer Tanzperformance „Soft Things“ stellen die Künstlerinnen Rose Beermann und Iva Sveshtarova diese Vorurteile auf den Prüfstand. – 24

Uringelb und kaltes Grün
Interview: Sonja Eismann

Sheree Domingos Comic „Ferngespräch“ lässt drei Frauengenerationen im Pflegeheim aufeinandertreffen und erzählt nebenbei eine Geschichte philippinischer Arbeitsmigration. – 26

Kollektives Klima
Von Christine Matschke
MMpraxis bringen Arbeiten Berliner und Budapester Künstler*innen aus Tanz, Performance und bildender Kunst als unkonventionelle Ausstellungen zusammen. – 28

Blumenschmuggel: Die Künstlerin Diana Tamane nähert sich in ihren Arbeiten dem Mikrokosmos Familie. – 30

Politik

Rechtes Erzählen, linkes Schweigen
Von Isabella Caldart
Das Autor*innenkollektiv Fe.In analysiert in „Frauen*rechte und Frauen*hass“ den Antifemininismus der Neuen Rechten. Die Autor*innen im Gespräch. – 37

Back to school
Von Julia Wasenmüller
In Argentinien können viele trans Personen die Schule nicht abschließen. Die Schule „Mocha Celis“, gegründet von und für trans Personen und Travestis, will das ändern. Eine Reportage aus Buenos Aires. – 40

Mode & Machen

Styleneid: Die Moderatorin und Schauspielerin Kübra Sekin liebt es, Stoffe anzufassen, und wünscht sich mehr Barrierefreiheit in Vintage-Shops. – 65

The Afro-Future Of Fashion
Von Dominique Haensell
„Africa Is The Future“ – der Slogan, der eigentlich eine politische Dimension haben sollte, wird auch von der Modeindustrie gerne genutzt, um progressiv zu wirken. Besser macht es eine Ausstellung des Berliner Kunstgewerbemuseums. – 66

In the Mood: Dump Him – 69

Sex & Körper

Dünne Wände
Von Daniela Khanh Duyen Tran
Das Klischee ist: Depressive haben keine Lust. Doch depressives und sexuelles Erleben ist vielfältig. – 71

Meine heiße, be_hinderte Community
Von Ulla Heinrich
Was haben soziale Gerechtigkeit, Porno und Körperpolitiken miteinander zu tun? Die Aktivistin, Wissenschaftlerin und Pornomacherin Loree Erickson im Gespräch.  – 72

Edutainment

Musik – 75
Filme und Serien – 81
Literatur und Comics – 87
Kunst – 95
Missy präsentiert – 96

Kolumne: Nadia Shehadeh über Hexen – 98

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