Editorial

Liebe Leserin.

Dieses Heft ist eine Anmaßung. Anfang dieses Jahres beschlossen wir in einem Anfall von Größenwahn und mehr oder weniger im Affekt, ein eigenes Magazin zu gründen. Ein Magazin, wie es bisher fehlte in Deutschland. Das uns verstehen und unterhalten würde. Das mit einer feministischen Haltung über Popkultur, Politik und Style berichtet, uns für voll nimmt, statt uns als Summe unserer Problemzonen zu behandeln. Das wir lesen und mit dem Gefühl zuklappen können, dass wir super sind, alles erreichen können und jetzt sofort damit anfangen müssen.

Weil wir keine Lust hatten, ein Jahr oder länger in einer Entwicklungsredaktion zu sitzen, damit dann später doch nichts draus wird, und ohnehin ziemlich aufmüpfig und beratungsresistent sind, beschlossen wir in einem weiteren Moment der Vermessenheit, dieses Magazin gleich selbst zu verlegen. Aus Erfahrung können wir jetzt, zehn Monate später, sagen: Anmaßung lohnt sich. Denn hätten wir in Ruhe alle Vor- und Nachteile, finanzielle Risiken, den zeitlichen Aufwand und die Erfolgsaussichten abgeschätzt, würdet ihr jetzt wohl kaum die erste Ausgabe von Missy in der Hand halten. Und wir hätten nicht zehn aufregende, stressige und zufriedene Monate hinter uns, in denen wir zu unserer großen Freude festgestellt haben, wie vielen anderen von euch es ebenso geht wie uns.

Es ist doch so: Wenn Popkultur-Journalismus ein Spielplatz ist, dann sind 80 Prozent dieses Spielplatzes von Jungs besetzt. Sie sitzen auf der Schaukel, der Wippe, dem Klettergerüst, blockieren die Rutsche und den Sandkasten. Wir hatten keine Lust mehr, den Jungs immer nur beim Spielen zuzusehen, wir wollten selbst spielen. Missy ist so etwas wie unser Gummitwist, reserviert für Mädchen.

Für diese Ausgabe haben wir Kamasutra-Positionen auf ihre erotische Effizienz hin getestet, einen Supermarkt nach modischen Accessoires abgesucht, Frauen als glamouröse Streberinnen verkleidet und unsere Mütter von früher erzählen lassen. Wir lassen verschiedene Expertinnen erklären, wie man sich in Gesprächen durchsetzt, sich einen Bart klebt oder zwei Platten ineinander mischt. Wir haben die österreichische Musikerin Soap&Skin in Hamburg
getroffen, mit ihr über den Fluch des frühen Ruhmes gesprochen und eine eigene Fotostrecke auf dem Dachboden unserer Fotografin produziert. Und wir haben Frauen in Burkina Faso besucht, die gegen die dort immer noch weit verbreitete Praxis der Genitalverstümmelung kämpfen.

Wir wünschen euch viel Spaß mit diesem Heft. Und hoffen, dass ihr es zuklappen werdet mit dem Gefühl, super zu sein, alles erreichen zu können und jetzt sofort damit anfangen zu müssen. Immer dran denken: Ein bisschen Anmaßung lohnt sich.

Eure Missy-Redaktion