Anti Opfer
Als Collien Fernandes mit ihren Vorwürfen gegen Exmann Christian Ulmen ans Licht der Öffentlichkeit trat, löste sie vor allem unter Frauen eine Welle der Empörung und Solidarität aus – der Backlash folgte umgehend. Man kann sich keine bessere Begleitlektüre wünschen als Alice Hasters’ neues Buch, um über den Umgang mit Fernandes und anderen Gewalt-Betroffenen zu reflektieren. „Anti
Opfer. Warum wir Verletzlichkeit verachten“ fragt, warum wir uns so schwertun, uns selbst und andere überhaupt als Opfer zu akzeptieren. Wenn eine Person über Erlittenes spricht, wird sie oft dafür gelobt, keine Schwäche zu zeigen, denn wer emotional wird, verlangt zu viel. Zugleich muss sie ihren Opferstatus aktiv performen, damit ihr geglaubt wird – doch perfekte Opfer gibt es nicht. Der Begriff ist mit so vielen Widersprüchen aufgeladen, dass seine Bedeutung verloren geht: Opfersein ist keine Frage des Mindsets, sondern „eine Realität, der man nicht einfach entfliehen kann“, schreibt Hasters.
Die Journalistin und Bestsellerautorin betrachtet das Opfer aus verschiedensten Blickwinkeln: als Speerspitze sozialer Kämpfe, als Spielball kapitalistischer Interessen und als Sündenbock einer Politik des Antiviktimismus. Mit ihrer besonnenen, zielsicheren Analyse der Hauptfigur unserer intensivsten Diskurse liefert Hasters das richtige Buch zur richtigen Zeit. Eva Szulkowski
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Alice Hasters „Anti Opfer. Warum wir Verletzlichkeit verachten“ ( Ullstein, 312 S., 22,99 Euro )
Gliff
Mit Hintergrundinformationen hält sich die vielfach mit Preisen ausgezeichnete schottische Autorin Ali Smith in ihrem neuen Roman zurück: Die Geschwister Rose und Briar leben – nachdem ihre Mutter sie für die Arbeit in einem Hotel verlassen musste und nicht mehr auffindbar ist – allein in einem verlassenen Haus. Es ist April, es hat 45 Grad, Großbritannien in einer nicht allzu weit entfernten Zukunft. In ihr eigenes Haus können die Geschwister nicht mehr zurück. Es wurde von den Herrschenden mit einer roten Linie umrandet, ein Symbol dafür, dass Rose und Briar „Unverifizierbare“ sind, eine Minderheit in einer technokratischen Datendiktatur, die ihre Bürger*innen überwacht und viele von ihnen in Fabriken ausbeutet. Rose und Briar treffen auf eine Gruppe von Widerstandskämpfer*innen, die sie in die Welt der Bibliotheken und Semiotik einweisen, und auf ein Pferd, dem Rose den Namen Gliff gibt, ein Wort mit vielen Bedeutungen.
Die Dystopie, die Smith in nüchternen Sätzen zeichnet, wirkt vertraut – einerseits durch Verweise auf dystopische Klassiker, andererseits dadurch, dass sie sich in Details sehr heutig anfühlt: etwa, wenn Rose und Briar sich in der Stadt auf Google Maps nicht anhand von Straßennamen orientieren, sondern daran, wo sich die nächsten Concept Stores großer Marken befinden. Das ist ein bisschen lustig, das meiste in dieser menschenfeindlichen Zukunft allerdings nicht. Anna Mayrhauser
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Ali Smith „Gliff“ ( Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs. Luchterhand, 304 S., 26,50 Euro )
Letzte Tage mit Teresa von Ávila
Zum fünfhundertsten Geburtstag von Spaniens Nationalheiliger Teresa von Ávila wurde die Autorin Cristina Morales mit einem Roman beauftragt. Wie aber über eine Frau schreiben, die ihr übergroßes Leben bereits selbst niederschrieb? Jung entscheidet sich Teresa von Ávila fürs Kloster, auch, um dem Schicksal der Mutter zu entkommen, die nach zehn Geburten mit Mitte dreißig verstirbt. Der Raum für eine nach Autonomie strebende Frau ist aber auch in der Kirche eng. Gilt sie den einen mit ihren Visionen und Schriften als lebende Heilige, ist sie der Inquisition ein Dorn im Auge. Mit fast siebzig stirbt die Reformklostergründerin und Mystikerin einen natürlichen Tod. Erst im 20. Jahrhundert wird bekannt, dass sie Tochter eines sogenannten Conversos ist, eines unter politischem Druck zum Christentum konvertierten Juden. Diese vielschichtige Biografie verarbeitet Morales wie einen Remix. Sprachlich orientiert sie sich am Original, legt aber einen eigenen Beat drunter, kopiert, schneidet, fügt Neues hinzu. So füllt sie das Büßerinnengewand der spanischen Nonne mit einer plausibel geformten Figur zwischen Mystik, Ehrgeiz und Kink. Falls ihr also nach einem Einstieg in den Kaninchenbau des Katholizismus sucht, im Wissen, dass die Musikerin Rosalía sich für ihr zu Recht gefeiertes Album „Lux“ auch von Teresa de Ávila inspirieren ließ, seid ihr hier richtig. Rosen Ferreira
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Cristina Morales „Letzte Tage mit Teresa von Ávila“ ( Aus dem Spanischen von Friederike von Criegern. Matthes & Seitz Berlin, 198 S., 24 Euro )
Ein Leben lang gesucht
In Kae Tempests neuestem Roman „Ein Leben lang gesucht“ begegnen wir Rothko Taylor, kurz nachdem dey aus dem Gefängnis entlassen wurde. Es ist der Beginn von etwas Neuem: eine neue Identität (Rothkos Transition), ein Leben ohne Alkohol (vielleicht) und ohne Kriminalität (hoffentlich). Unendliche Chancen, genauso viele Möglichkeiten zu scheitern. Rothko kehrt zurück in deren Heimatstadt an der englischen Küste, den mit einem sprechenden Namen versehenen Ort Edgecliff, und findet in Hund Donovan und einem Wohnprojekt auf einem alten Fabrikgelände zunächst einen fragilen Halt. In zahlreichen Perspektivwechseln beschreibt Autor Kae Tempest, der sonst auch als Rapper Alben veröffentlicht, seine Figuren nüchtern, aber mit Blick für die Details, die viel über ihre Innenwelt aussagen. Zwischen den schlaglichtartigen Hauptsätzen öffnen sich dabei immer wieder auch Bilder in nahezu romantischer Schönheit: „Unbelebte Gegenstände sendeten Bedeutung aus. Die raffiniert verzierte Einfassung des Bahnsteigdachs. Die Werbung für die Armee. Ein Zug fuhr heran, ein Bummelzug irgendwo anders hin, und sie stieg ein. Der Himmel krachte herunter bis auf den Grund und die Nacht war der Regen und der Regen war die Nacht.“ Kae Tempest bringt so die Zerrissenheit seiner Figuren am buchstäblichen Rand der Klippe, ihre Suche nach Halt und Zugehörigkeit auf den Punkt – und unterstreicht gleichzeitig die Hoffnung, dass wenigstens manche sie finden werden. Diviam Hoffmann
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Kae Tempest „Ein Leben lang gesucht“ ( Aus dem Englischen von Conny Lösch. Suhrkamp, 390 S., 25 Euro )
Milchmomente
Alle Babys brauchen Milch. Und alle Methoden, um Babys zu füttern, sind gut. Genau diesen Zugang wählen Cornelia Lindner und Verena Tschemernjak in ihrem Sach-Pappbilderbuch „Milchmomente“. Die beiden haben sich bislang in (Klein-)Kinderbüchern unerzählter und wichtiger Themen wie z. B. Konsens oder Körperbewusstsein angenommen und diese für die Zielgruppe einfühlsam und verständlich aufbereitet. Ihr neuestes Gemeinschaftswerk „Milchmomente“ verhandelt ein, in erster Linie für viele Eltern, ganz schön kompliziertes und belastetes Thema wertfrei und unaufgeregt. Gezeigt und erklärt werden Milchsituationen aus dem Alltag, dabei wird eine große Bandbreite an Lebensrealitäten sicht-
bar, denn es gibt viele unterschiedliche Wege, wie Eltern und Bezugspersonen ihre Kinder füttern. Cornelia Lindner bringt als angehende Still- und Laktationsexpertin solides Fachwissen ein: Im Mittelpunkt stehen Stillen und Fläschchengeben, aber auch Abpumpen, Brusternährungssets oder Löffelfütterung werden gezeigt. Irgendwann hören alle Kinder auf, Milch aus der Brust oder dem Fläschchen zu trinken. Auch der Prozess rund um Fläschchenentwöhnung und Abstillen wird anschaulich und besprechbar gemacht und den Leser*innen wird versichert: Zum Glück gibt es weiterhin viele Dinge, die Nähe und Geborgenheit geben. Die Stärke dieses liebevoll gestalteten und gleichzeitig fundierten Buches liegt in der Entdramatisierung eines emotional so aufgeladenen Themas und erinnert daran, worum es beim Milchtrinken vor allem geht (Spoiler: das sind weder Konventionen noch die Meinung anderer). Carla Heher
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Cornelia Lindner „Milchmomente. Stillen, Füttern, Wachsen“ ( Illustriert von Verena Tschemernjak. Achse Verlag, 20 S., 15 Euro )
Nur das Allerbeste
Jahrelang hat sie New York gemieden, da läuft sie kurz nach ihrer Rückkehr ausgerechnet ihrem alten Mentor Eugene in die Arme, der sie prompt zu einem künstlerischen Abendessen einlädt. Und so sitzt sie wie früher im Loft von Eugene und Nicole, umgeben von anderen Künstler*innen und jenen, die es sein wollen, und nimmt an einer austauschbaren Dinnerparty teil – nur bleibt sie dieses Mal angewidert am Rande und beobachtet die Szenerie. Waren alle schon immer so oberflächlich und leer? Zoe Dubnos Debütroman „Nur das Allerbeste“ ist eine Neuinterpretation von Thomas Bernhards „Holzfällen“, aber im Manhattan der Gegenwart statt im Wien der 1980er-Jahre angesiedelt. In einem inneren Monolog regt sich die Erzählerin immer mehr über die Gesellschaft auf, und ehrlich gesagt: We love to hate them. „Nur das Allerbeste“ geht aber weit über ein Lächerlichmachen dieses prätentiösen Milieus hinaus. Klug komponiert und mit Humor und Drive geschildert wird man reingesogen in das Loft, in dem die Erzählerin weintrinkend auf einem Sofa sitzt. Dubno tappt dabei nicht in ihre eigene Falle: Die Protagonistin ist keine Heilige, sondern passt bis zu einem gewissen Punkt durchaus zu ihren eitlen Peers. Neben der sich steigernden Erregung der Erzählerin gibt es interessante Reflexionen über die Frage, was wahre Kunst überhaupt ausmacht. Ein gelungener satirischer Blick auf die Kunstwelt. Isabella Caldart
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Zoe Dubno „Nur das Allerbeste“ ( Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger. dtv, 288 S., 24 Euro )
Handbuch Transformative Gerechtigkeit
Endlich ist er da: ein umfangreicher Sammelband zum Thema Transformative Gerechtigkeit und zu Community-basierten Umgängen mit Konflikten und (sexualisierter) Gewalt. Transformative Gerechtigkeit ist eine abolitionistische Praxis, die aus der Schwarzen Bewegung in die USA kommt und Gerechtigkeit nach Gewaltausübung abseits von Staat und Gefängnis herzustellen versucht. Mit einer starken Betroffenenzentrierung und dem Ziel der Verhaltensänderung ist TG – in Kombination mit dem Konzept der kollektiven Verantwortungsübernahme – eine radikale präfigurative Praxis, die stigmatisierende Täter-/Opferkategorien aufbricht und auf individueller und kollektiver Ebene wirkt, um über Generationen hinweg Gesellschaft zu verändern. Die noch überschaubare Anzahl von Publikationen in deutscher Sprache gewinnt mit diesem Handbuch einen dringend notwendigen Beitrag zur Anwendung des Konzepts hinzu, der den Sprung in die Praxis schafft: Neben klugen und differenzierten Texten von Autor*innen wie Melanie Brazzell und Vanessa E. Thompson versammelt der Band praktisch anwendbares Methodenwissen, Fallbeispiele und Erfahrungsberichte aus den unterschiedlichsten Perspektiven. Dieses Buch weist auf Handlungsräume innerhalb unserer Communitys hin und schenkt Hoffnung in düsteren Zeiten. Tamina Rössger
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Herausgeber*innenkollektiv UmGäng „Handbuch Transformative Gerechtigkeit. Selbstorganisierte Umgänge mit Konflikten und zwischenmenschlicher Gewalt“ ( Unrast, 408 S., 24,80 Euro )
Tokyo Girls Club
Erikos Leben scheint nur aus ihrem Vertriebler-Job zu bestehen. In „Tokyo Girls Club“ von Asako Yuzuki wirkt sie dadurch fast soziopathisch: Freundschaften kann Eriko aufgrund ihrer labilen Psyche nicht halten und emotionale Verbindungen sind ihr fremd. Als sie im wahren Leben auf die von ihr verfolgte Onlinebloggerin Shoko trifft, sehnt sie sich so sehr nach einer Freundin, dass sie obsessiv wird. Obwohl das erste Treffen der beiden harmonisch verläuft, nimmt Shoko bald Abstand und Eriko verliert dadurch zunehmend den Verstand.
Dass Yuzuki ein Händchen für psychologische Talfahrten hat, zeigte sie schon in ihrem globalen Bestseller „Butter“, in dem eine Journalistin einer Mörderin näherkam. In „Tokyo Girls Club“ erfährt man mehr vom Innenleben der Hauptfigur, wie zerrissen und verzweifelt Eriko ist und wie sie ihren eigenen Wahn herunterspielt. Außerdem leidet man mit Shoko, die durch Erikos E-Mail-Flut, Stalking und Erpressung zunehmend verunsichert und ein Schatten ihrer selbst wird. Dass Asako Yuzuki alles leicht und locker formuliert und Shoko und Eriko im Laufe der Geschichte auch andere Erfahrungen mit neuen Bekannten machen, nimmt dem Buch die Schwere. Allerdings sollte man wissen, dass man sich hier auf einen psychologischen Abgrund einlässt, der manchmal anstrengend zu lesen ist. Lorina Speder
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Asako Yuzuki „Tokyo Girls Club“ ( Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. Blumenbar, 383 S., 24 Euro )
Mosaik der Resilienzen
Dieses Buch ist eine suchende, tastende Bewegung, ein vielstimmiges Gespräch über Krisen, Traumata, Widerstand und Verbundenheit. „Mosaik der Resilienzen“ eröffnet einen diskriminierungssensiblen und machtkritischen Raum für Stimmen, die so oft überhört werden oder gar nicht erst mitgedacht sind – sowohl gesamtgesellschaftlich als auch im Gesundheitssystem. Kiana Ghaffarizad, die über Rassismuserfahrungen in der Psychotherapie promoviert und in der politischen Bildung tätig ist, hat mit elf Menschen aus Berlin, die sich als migrantisch, Schwarz, jüdisch, of Color, ostdeutsch, im Exil oder in der Diaspora verorten, über ihre Erfahrungen mit psychischen Krisen und Hilfssystemen gesprochen. Doch wie Hilfe finden, wenn Therapien oder Beratungen individuelle und strukturelle Formen von Diskriminierung nicht erfassen und selbst reproduzieren? Durch die Montage der einzelnen Gespräche im Buch ergibt sich ein Gesamtbild mit vielen losen Enden, Erzählungen, theoretischen und aktivistischen Impulsen wie auch Visionen – ein Raum, der uns einlädt, teilzuhaben, über Trauer und Krisen, Kapitalismus und Herrschaftssysteme, Fürsorge und Empowerment, solidarische Communitys und Stadtvisionen nachzudenken. So wird Erfahrungswissen geteilt und wirksam gemacht und mit dem Vorwort von Kiana Ghaffarizad und den Illustrationen von Leyla Sehar-Madauß zu einem widerständigen „Mosaik der Resilienzen“ gefasst. Lisa Schmidt
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Kiana Ghaffarizad & Leyla Sehar-Madauß (Hg.) „Mosaik der Resilienzen. Diaspora Gespräche über Mental Health, Visionen und Widerstand“ ( Deutsch & Englisch. Mit Übersetzungen aus dem Farsi von Kiana Ghaffarizad. edition assemblage, 112 S., 20 Euro )
Paradise Beach
„Es fühlt sich nicht richtig an, der Schmerz, die messerscharfen Schnitte in der unteren Magengrube“ – die 28-jährige Ada verarbeitet nach ihrer Endometriose-OP ihre Krankheitserfahrungen. Gedanklich driftet sie dabei in einen Sommer ihrer Jugend, in eine Zeit, lange bevor sie sich die unbezwingbaren Schmerzen und die Ohnmacht, die mit ihnen einhergeht, erklären kann. Dara Brexendorf spielt in ihrem Debütroman „Paradise Beach“ mit den Zeitsprüngen zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Bemerkenswert ist dabei, wie sie den Körper in den Mittelpunkt stellt, ohne ihn zum alleinigen Thema zu machen: die ersten Blutungen mit unerklärlichen Schmerzen, das erste Verliebtsein, die sich verschiebenden Beziehungen der Jugend – all das geschieht nebeneinander, verwoben. Brexendorf findet dazu die richtige Sprache, die diesen Sommer beschreibt: poetisch, aber nie verspielt, präzise, aber nicht steril. „Paradise Beach“ ist eine bewegende Coming-of-Age-Geschichte über das Schweigen um weiblichen Schmerz, die Scham, die sich in Körper einschreibt, und die Stille rund um Endometriose, die entsteht, wenn niemand fragt. Ein zärtliches und dennoch erschütterndes Buch, das ich mir auf dem steinigen Weg zu meiner eigenen Diagnose sehnlichst gewünscht hätte. Anna-Marie Eisenbeis
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Dara Brexendorf „Paradise Beach“ ( Eichborn Verlag, 256 S., 22 Euro )
Antike Mythen ohne Männer
Was haben Persephone, Artemis, Atalante, Kalypso, Medea, Kassandra und Medusa gemeinsam? Richtig, sie sind Figuren der griechischen Mythologie. Und sie stehen seit jeher im Schatten der männlichen Helden und Götter. Mara Gold promoviert gerade nicht nur in Klassischer Philologie und Literatur, sondern hat ihren Special Interest in ein wunderbar wuchtiges, grafisch und farblich knalliges und vor allem unfassbar fundiertes Buch gesteckt, welches endlich die Geschichten derjenigen aufgreift, die immer nur Beiwerk oder Gegenspielerinnen waren. Aufgeteilt in die Kapitel (und Kategorien) „Hausfrau“, „Jungfrau“, „Kriegerin“, „Femme fatale“, „Hexe“, „Wahnsinnige“ und „Monster“ zeigt sie uns, wie viel mehr Inhalt zu den Geschichten gehört, die seit Jahrhunderten erzählt werden. Zusätzlich greift sie unterschiedliche Interpretationen sowie Verknüpfungen zu anderen Mythologien auf, verbindet lose Fäden und setzt die Rezeption der Frauengeschichten in den direkten Vergleich mit der Gegenwart. „Antike Mythen ohne Männer“ ist ein lange überfälliges Beispiel dafür, wie männerzentriert, gewaltvoll und misogyn nicht nur die Antike und ihre Mythologie waren, sondern wie viel Einfluss sie auch heute noch haben und wie wichtig eine andere, vielfältigere und queerfeministische Repräsentation ist. Avan Weis
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Mara Gold „Antike Mythen ohne Männer“ ( Aus dem Englischen von Gabriele Stein. Dumont, 240 S., 25 Euro )
Punk mit Brust
Was ist das für eine Delle am Busen? Comiczeichnerin Magali Le Huche ist 39 Jahre alt, als ihr Brustkrebs diagnostiziert wird. In einer autobiografischen Graphic Novel zeichnet die Französin, die bisher vor allem für lustig empowernde Kinderbücher bekannt war, den Moment, der ihr Leben in zwei Teile zerreißt: das Davor und das Danach. Bildgewaltig erzählt sie von der Angst, nicht mehr weiterzuleben, keine Comics mehr zeichnen, nicht mehr für die beiden kleinen Töchter da sein zu können. Ihre düsteren Gedanken werden zu einem schwarzen Wolkenmonster, das sie verfolgt. Trost findet sie in der Musik von Joe Strummer von The Clash. Dessen punkige Attitüde macht sie sich in „Punk mit Brust“ zu eigen: Einer Gesellschaft, die erkrankte Frauen, Frauen ohne Haare und Brüste nicht als vollwertig ansieht, zeigt sie mit rosaroten Farbexplosionen den Mittelfinger. Imaginierte Gespräche mit ihrer ebenfalls an Brustkrebs erkrankten Großmutter, die fast hundert Jahre alt wurde, geben ihr Halt – und die Solidarität ihrer vielen „Krebsfreundinnen“, mit denen sie sich regelmäßig zum Erfahrungsaustausch trifft. Sonja Eismann
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Magali Le Huche „Punk mit Brust“ ( Aus dem Französischen von Silv Bannenberg. Reprodukt, 224 S., 29 Euro )
Wind in meinem Kopftuch
Roya Soraya– in Deutschland aufgewachsene Tochter einer Deutschen und eines Iraners – beschreibt ein immer lauter werdendes Bedürfnis, mehr über das Land ihres Vaters zu erfahren. Schließlich überredet sie ihn zu einem gemeinsamen Trip. Mit so ernsten wie humorvollen Zwischentönen zeichnet Soraya in ihrem autobiografischen Comic die Bandbreite der ambivalenten Gefühle vor der Reise: von der Kopftuchpflicht über die Vorsichtsmaßnahme, ihre Queerness geheimzuhalten, bis hin zu den Bedenken des Vaters, der mit seinen Schwestern vor vierzig Jahren vor dem Regime geflohen war. „Wind in meinem Kopftuch“ ist ein eindrücklicher Reisebericht, der auch persönliche Fragen über Identität und Heimat nicht auslässt. Die in harmonischer Farbwahl im Aquarellstil kolorierten Panels kommen ohne Rahmen aus und bleiben – trotz manch inhaltlicher Schwere – leicht. Der satte und klare Strich unterstützt visuell die konsistente Erzählstimme Sorayas. Aufgrund der politischen Entwicklungen ist die Graphic Novel erschreckend aktuell – und lässt auch erahnen, was Exil-Iraner*innen derzeit erleben. Amelie Persson
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Roya Soraya „Wind in meinem Kopftuch“ ( Carlsen, 192 S., 25 Euro )
Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/26.