Amanda Montell „Cultish. Fanatische Sprache und woran wir sie erkennen“ © Kaitlyn Mikayla
Belly Up
Ein Mädchen, das an offenen Stromkabeln leckt, Schülerinnen, die über Kannibalismus reden und gern Pflanzen wären, Gefangene in einem Arbeitslager, die Finger und Augen transplantieren, eine Möbelverkäuferin, die einen Sexualverbrecher in einen Sessel verwandelt, Vorort-Ehemänner als Gespenster und Zombies in Florida. In Rita Bullwinkels Erzählungen gibt es merkwürdige Begebenheiten und Gestalten. Manches ist drastisch – wie die vom Stromschlag geschwärzte Zunge, die ganz genau beschrieben wird. Manches ist zart, heiter und leuchtend, z. B. die glücklichen Erinnerungen des dazugehörenden, sehr eigensinnigen Mädchens. Dass sie erzählen kann, zeigte Bullwinkel schon in ihrem Romandebüt „Schlaglicht“, einem Buch über Nachwuchsboxerinnen in den USA. Kapitel für Kapitel entfaltet sie dort die Runden eines Wettkampfs und die Geschichten der Boxerinnen. „Schlaglicht“ landete auf den Longlists von Booker- und Pulitzer-Preis und wurde ein internationaler Erfolg. Die 17 in „Belly Up“ versammelten Erzählungen, die in den USA einige Jahre vor dem Roman erschienen und jetzt übersetzt wurden, sind nicht so eingängig oder stringent. Einige sind düstere, rätselhafte Fantasien, andere schräge, aber lebensnahe Reflexionen über Körper, Gewalt, Begehren und Verwandlung. Um sie zu mögen, braucht es ein bisschen Lust auf sperrige Literatur.
Sabine Rohlf
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Rita Bullwinkel „Belly Up“ (Aus dem Englischen von Christiane Neudecker. Aufbau, 256 S., 24 Euro)
Spiel das Spiel
Vergangenes Jahr sorgte die Verfilmung von Fatima Daas’ „Die jüngste Tochter“ (2020) unter der Regie von Hafsia Herzi für Aufmerksamkeit – nun erscheint der zweite Roman der algerisch-französischen Autorin. Nach ihrem autofiktionalen Debüt schreibt Daas, Muslima und Lesbe, in „Spiel das Spiel“ wieder über eine queere migrantische Jugend voller Widrigkeiten.
Kayden besucht die Oberstufe eines Gymnasiums in einem Pariser Vorort. Sie ist gut in der Schule und liebt das Schreiben, hat jedoch kaum Ambitionen. Madame Fontaine aber sieht ihr Potenzial und verspricht, Kayden auf ihrem Bildungsweg zu unterstützen. Leider verliebt sich die Schülerin in ihre Lehrerin – und jene scheint die Gefühle zu erwidern. Während Kayden erwachsen wird und sich über ihre Sexualität, Geschlechtsidentität und ihren Platz in der Welt klar zu werden versucht, begleitet sie dieser Schatten, von dem sie nicht einmal ihren Freund*innen oder ihrer Schwester erzählen kann. In klugen Worten, die oft leise fallen wie Stecknadeln und genauso spitz stechen, setzt sich Daas mit Machtmissbrauch und einem rassistischen Bildungssystem auseinander. Manchmal muss man zwischen den Zeilen lesen, um das Gesamtbild zu erfassen. „Spiel das Spiel“ schildert Kaydens Kampf gegen die weiße Dominanzgesellschaft, die ihr vergiftete Angebote der Teilhabe macht, sie aber nur akzeptiert, wenn sie sich ihr beugt.
Eva Szulkowski
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Fatima Daas „Spiel das Spiel“ (Aus dem Französischen von Sina de Malafosse. Claassen, 192 S., 23 Euro)
Cultish
Sekten spielen in unserem Alltag keine Rolle mehr? Falsch gedacht. In Wahrheit lauern sie überall, ob nun gefährliche Selbsthilfe-Gurus auf Instagram oder dubiose Fitness-Influencer*innen mit zu viel Reichweite. Nirgends ist man vor ihnen und ihren Mantras sicher. Sogar im Supermarktregal verstecken sie sich: Die bunten Wohlfühl-Yogi-Tees mit den aufgedruckten Lebensweisheiten? Gehen auf den umstrittenen und millionenschweren New-Age-Guru Yogi Bhajan zurück, gegen den zahlreiche Missbrauchsvorwürfe vorliegen. Die von ihm in den 1970er-Jahren gegründete 3-H-Organisation (die drei Hs stehen für healthy, happy und holy) existiert bis heute noch und Bhajans Yogalehren werden nach wie vor in der westlichen Welt praktiziert. Warum Menschen Sekten oder sektenähnlichen Gruppen beitreten und wie Macht kultiviert wird, untersucht die Linguistin und „Sounds Like A Cult“-Podcasterin Amanda Montell in ihrem neuen Buch. „Cultish“ ist ein so kurzweiliger wie informativer Deep Dive in die Welt von fanatischen Randgruppen mit extremen Ideologien (Scientology, QAnon), ausbeuterischen Multi-Level-Marketing-Scams (Amway) oder religiös praktizierten Fitnesstrends (Peloton, Soulcycle, CrossFit). Nicht jeder hier vorgestellte Kult ist gefährlich. Aber manchmal ist der Unterschied zwischen Jim Jones und Jeff Bezos auch nicht so groß, wie man denkt. Lesenswert!
Katja Peglow
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Amanda Montell „Cultish. Fanatische Sprache und woran wir sie erkennen“ ( Aus dem Englischen von Florian Kranz & Andrea Schmittmann. Harper Collins, 350 S., 25 Euro )
Half His Age
Waldo ist 17 und verliebt: in ihren Lehrer. Jennette McCurdys Roman „Half His Age“, ihr zweites Buch nach der Biografie „I’m Glad My Mom Died“, erzählt von einer Affäre, die von Anfang an von Geheimhaltung und den Verzweiflungstaten einer Teenagerin geprägt ist. Schnell entsteht ein emotionales Abhängigkeitsverhältnis zwischen Waldo und dem verheirateten Mr. Korgy. Die Geschichte wird konsequent aus Waldos Perspektive erzählt, ihre Gedanken triefen vor Unsicherheit, Wut und sturer Verklärung des eigentlich ziemlich loserhaften Korgy. Während sie sich immer tiefer in die ungleiche Beziehung manövriert, wird deutlich, dass Korgy sie hauptsächlich für sein gebrochenes Ego ausnutzt. Verantwortung übernimmt er – genau wie alle anderen Erwachsenen in Waldos Leben – nicht.
McCurdy beschreibt ungeschönt und in authentischer Sprache, wie das Bedürfnis nach Anerkennung und Zugehörigkeit Waldos Fantasien antreibt. Ganz und gar nicht glorifizierend entlarvt der Roman die Erzählung von der angeblich „einvernehmlichen Affäre“ als das, was sie ist: Machtmissbrauch. Eine Erleichterung im Wirrwarr der wütenden Gedankenwelt von McCurdys Protagonistin ist, dass sie schlussendlich doch noch Selbstbestimmung ohne Selbstzerstörung findet. Aus eigener Kraft.
Marisa Uphoff
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Jennette McCurdy „Half His Age“ ( Aus dem Englischen von Olivia Kuderewski. Aufbau, 331 S., 24 Euro )
Die Riesinnen
Die Riesinnen, das sind Liese Riessberger, ihre Tochter Cora und Enkelin Eva. Drei widerspenstige und unangepasste Frauen, die in ihr kleines Schwarzwalddorf nicht passen wollen, zu groß, zu sperrig sind sie. Und doch sind sie fest verwurzelt und müssen ihren eigenen Weg zu einem selbstbestimmten Leben in der Enge des Dorfes finden. Liese, die nach dem Tod ihres Mannes in den 1960er-Jahren die Metzgerei übernimmt und sich gegen tradierte Rollenbilder stellt. Cora, die von der weiten Welt träumt, bis das Leben sie viel zu schnell zu einem ungewollten Neubeginn zwingt. Eva, die überall hätte hingehen können, aber bleibt, weil Wurzeln manchmal keine Fesseln sind, sondern eine Entscheidung und Halt geben. Männer spielen bei den Riesinnen, wenn überhaupt, nur Nebenrollen. Dafür nimmt der Schwarzwald eine umso wichtigere Rolle ein – nicht nur als Kulisse, sondern als enge emotionale Verbindung zu den drei Frauen. Hannah Häffner zeigt eindrücklich, dass es oft mehr Mut braucht zu bleiben, als zu gehen. In einer poetischen, dichten Sprache erzählt sie von Heimat ohne Verklärung, von Familie ohne Sentimentalität, von Anderssein ohne Pathos. „Die Riesinnen“ ist ein atmosphärischer Roman, der lange nachhallt und eine*n mit jeder Seite tiefer einsaugt.
Nicole Hoffmann
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Hannah Häffner „Die Riesinnen“
(Penguin, 416 S., 24 Euro)
Gender Punks
Japanische Sexarbeiter*innen, die Cops verprügelten, ein frivoler Soldat in Sachsen-Anhalt mit Strap-on aus Leder, eine Priesterin auf der Karibikinsel Kiskeya, die andere Schwarze Menschen aus der Sklaverei befreite: Gewöhnlich ist es traurig und belastend, sich mit historischen trans und inter Menschen zu beschäftigen, aber nicht in Kuku Schrapnells „Gender Punks“. Auf witzige, kluge und geradezu liebevolle Weise erzählt Schrapnell von einem Dutzend trans und inter Menschen seit dem 17. Jahrhundert, davon sechs Biografien im Detail. Aus Zeitungen, Gerichts- und Krankenakten rekonstruiert Schrapnell ihre Lebensläufe. Lässig wird ergänzt, was nicht in Akten auftaucht, aber offensichtlich zu einem queeren Leben dazugehört haben muss. Der flapsige, bisweilen spöttische Schreibstil transportiert eine Stimmung von Resilienz. Denn mit Wissen und Humor werden die Lebensläufe, die von Gewalt geprägt sind, mit Freude an geschlechtlicher Anarchie überschrieben. Makellose Vorbilder findet man hier nicht. Es braucht keine Perfektion, um sich bei ihren Geschichten wie ein Teil von Geschichte zu fühlen.
Das kleine Sachbuch liest sich wie eine plaudernde Unterhaltung über Lebensläufe und auch über den Zweck von Geschichtsschreibung selbst. Gleichzeitig ist es gut recherchiert und dicht mit Wissen bepackt, ohne trocken zu bleiben.
Adam Schwedhelm
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Kuku Schrapnell „Gender Punks. Über trans Pionier*innen und die Kunst, widerständig zu leben“ (Verbrecher, 130 S., 16 Euro)
Die Fabrik
Eines haben die drei Protagonist*innen – zwei Männer und eine Frau – gemein im neuen Roman von Hiroko Oyamada: Sie arbeiten in derselben Fabrik in drei unterschiedlichen, anscheinend sinnlosen Jobs, für die sie überqualifiziert sind. Eine schreddert Papiere, was „keine einzige Zelle deines Gehirns in Anspruch nimmt“. Ein Wissenschaftler sammelt auf dem scheinbar endlosen Gelände der Fabrik Moose. Ein Dritter schläft bei seiner Arbeit als Korrektor immer wieder ein und wirft im Dämmerzustand Rückrufe mit Abhandlungen über das Großjapanische Reich durcheinander, während im weitgehend plotfreien Roman, der in Japan bereits 2013 erschien und mehrere Preise erhielt, Zeitebenen und Erzählperspektiven verschwimmen. Die Sprache in „Die Fabrik“ ist so farblos wie die Arbeit, die die Protagonist*innen verrichten. Das jedoch kontrastiert die Autorin geschickt mit ungewöhnlichen, fast schon surrealen Elementen. Da ist der „Hosenzieher“, kein Fabelwesen, sondern ein Mann, dem niemand begegnen will, weil er im fabrikeigenen Wald allen die Hosen herunterzuziehen versucht. Die Polizei wird nicht informiert. Da sind die Nutrias (Biberratten) und die „schwarzen Vögel“, die nur auf dem Fabrikgelände leben. Und da sind die letzten Sätze des Romans, die darauf hindeuten, was es mit den Vögeln tatsächlich auf sich haben könnte.
Johanna Treblin
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Hiroko Oyamada „Die Fabrik“ ( Aus dem Japanischen von Nora Bierich. Rowohlt, 160 S., 24 Euro )
Obacht!
Aktionismus, Ereiferung, Opportunismus und Widerstand sind unterschiedliche Reaktionen auf Unsicherheiten und Unbekanntes in krisengeprägten Zeiten. Das Bilderbuch „Obacht!“ von Kerstin Hau greift diese Reaktionen auf und übersetzt sie mit träumerischen Illustrationen von Stella Dreis in eine zeitlose Parabel. Vor einer Stadt mit den unterschiedlichsten Bewohner*innen liegt eines Morgens ein großes Tier und versperrt schlafend die Straße. Während „der Wimpf“ sensationslüstern die Bewohner*innen vor dem Unbekannten warnt und „der Wompf“ und die „Timpe-Ma“ in jammerigen Schockstarren verharren, verfällt der „Timpe-Pa“ in selbstbewussten Aktionismus, dem alle kopflos folgen. Unter den zugespitzten Reaktionen kommt „das Mienchen“ – eher ruhig und pragmatisch – kaum zu Wort. Statt zu urteilen und über das Tier zu reden, redet es schließlich mit ihm – und löst ganz unaufgeregt die angespannte Situation. „Obacht!“ lässt textlich wie grafisch genügend Leerstellen, um beim Vorlesen in spannende Dialoge über den Umgang mit dem Unbekannten zu kommen. Einfacher Satzbau und Wiederholungen sorgen für Komik und erleichtern das Mitsprechen. So lädt das Buch, unterstützt durch grafisch im Text hervorgehobene Lautmalereien, zum szenischen Vorlesen ein. „Obacht!“ macht Hoffnung, denn es zeigt, was Empathie, einfaches Fragestellen und zarter Widerstand gegen effekthascherischen Aktionismus bewirken können.
Laura Schiemann
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Kerstin Hau & Stella Dreis „Obacht!“
(NordSüd, 40 S., 18 Euro, ab vier Jahren)
Das können wir uns nicht leisten
Was stellt Armut mit einem*r an? Die Journalistin Miriam Davoudvandi beleuchtet in ihrem Buch anschaulich anhand ihrer Lebensgeschichte, wie tief sich Armut in die Selbstwahrnehmung eingraben kann. Vom Großwerden in der rumänischen Platte, dem Zusammenleben auf engstem Raum in einer deutschen Kleinstadt bis zum Streben nach Erfolg behandelt die Autorin verschiedene Facetten von Armut in elf Kapiteln, die immer mit passenden Lyrics von Haftbefehl, SXTN, Xatar und anderen beginnen. Davoudvandi geht chronologisch auf Armut und Geburt, Armut und Freizeit bis hin zu Armut und Aufstieg ein – doch vom Aufstieg möchte die Autorin nicht mehr träumen: Sie erzählt von den müden Körpern ihrer Eltern, den Ablenkungsversuchen ihrer Brüder und der Einsicht, dass sie arm sind, die sie schon als Kind hatte. Davoudvandi schreibt sachlich, spart an Beschönigungen und Rührseligkeiten. Immer wieder betont sie: Das System ist schuld. Wenn Abschlüsse aus anderen Ländern in Deutschland nicht anerkannt werden, wenn Kinder aufgrund ihrer Herkunft keine Gymnasialempfehlung bekommen, wenn nur die wenigsten Arbeiter*innenkinder studieren können, dann wird Armut systemisch aufrechterhalten. Besonders tief treffen Davoudvandis prägnante Erzählungen über die Konsequenzen von Armut, die über finanzielle Not hinausgehen. Depressionen, Vereinsamung, Aussichtslosigkeit, psychische und physische Belastungen begleiten Menschen tagtäglich – selbst, wenn sie nicht mehr arm sind.
Ann Toma-Toader
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Miriam Davoudvandi „Das können wir uns nicht leisten. Was es bedeutet, in Deutschland arm zu sein“ (btb, 256 S., 18 Euro, VÖ: 18.03.)
Real Americans
Regelmäßig erscheinen neue Aufschläge für die viel beschworene Great American Novel, also einen umfangreichen, generationenumfassenden Roman, der die US-amerikanische Gesellschaft abbildet. Während diese Werke historisch meist von weißen Männern geschrieben wurden, gibt es sie seit einiger Zeit auch von Frauen, und vor allem: Romane, die das Wesen der USA beschreiben, indem sie nicht im Land selbst verhaftet bleiben, sondern es als Einwanderungsland begreifen. Aktuell kann man Rachel Khongs „Real Americans“ dazu zählen. Ihr Roman stellt bereits im Titel die Frage: Was ist eigentlich amerikanisch? Vom China vor der Kulturrevolution bis ins San Francisco des Jahres 2030 folgt Khong ihren Protagonist*innen. Um 1999 ist es zunächst Lily, eine Chinese-American, die versucht, in der Medienbranche Fuß zu fassen, später geht es um die Struggles ihres Sohnes Nick und im dritten Teil um ihre Mutter May, die aus Maos China in die USA flieht. Während diese drei vielschichtig beschrieben sind, hapert es beim Rest: Jede weitere Figur dient nur als Background ohne eigene Agenda, die großen politischen Umbrüche werden kaum thematisiert, und es gibt zu viele absolut unrealistische Zufälle und ebenso unrealistische Handlungen, etwa wenn ein Paar beim ersten Date spontan von NYC nach Paris fliegt. Khongs Ambitionen sind groß, reichen aber nicht aus, um die 520 Seiten interessant zu gestalten.
Isabella Caldart
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Rachel Khong „Real Americans“ ( Aus dem Englischen von Tobias Schnettler. KiWi, 528 S., 24 Euro )
Dieser Text erschien zuerst in Missy 02/26.