Fotos: Annika Weertz
Make-up: Amina Shabbir
Styling: Inas Saleek Hussein Mohammed
Maraam, über deine Comedy lachen Hunderttausende. Worüber lachst du eigentlich?
Ich finde viele Dinge lustig. Z. B., wenn jemand gut parodiert und Rollen spielt, weil ich das auch gerne mache. Die Entertainerin in mir denkt dann oft: Ey, darauf hätte ich auch kommen können! Und ich liebe Sitcoms, bei denen man sich in die Charaktere verlieben kann. Wenn alle individuell witzig sind, aber als Gruppe besonders gut funktionieren. „Modern Family“ ist ein gutes Beispiel.
Was macht guten Humor für dich aus?
Wenn Menschen sich selbst auf den Arm nehmen und über sich lachen können,
ist das für mich Top-Humor. Comedic Timing und die Fähigkeit, einen Raum zu lesen, sind auch superwichtig: Passt es gerade, ist das der richtige Zeitpunkt? Außerdem achte ich sehr darauf, nicht nach unten zu treten. Gerade als Hijabi weiß ich, wie es ist, wenn Witze über einen selbst gemacht werden. Wenn du nur dann lustig bist, wenn du dich über andere lustig machst, bist du vielleicht gar nicht so lustig, wie du denkst.
Kann Comedy politische Veränderung bewirken?
Hundert Prozent. Wenn sich alle etwas weniger ernst nehmen würden, wäre die Welt sicher ein entspannterer Ort. Humor ist die eine Sache, die uns alle verbindet – klar, jeder hat seinen eigenen, aber wir alle lieben es, zu lachen. Politische, unangenehme Themen lassen sich gut in Witze verpacken, genau das machen wir ja bei den Datteltätern. Da geht es oft um Alltagsrassismus. Das kennen wir dort leider alle, diese Realität begleitet mich, seit ich ein Kind bin.
Diese Realität wird gerade noch düsterer. Wie gehst du damit um?
Der Rechtsruck macht mir Angst. Ich will schließlich noch nicht gehen! Ich will noch hierbleiben und weiter Karriere machen. Nee, im Ernst, es ist wirklich supergruselig. So eine Angst hatte ich lange nicht mehr. Aber ich versuche, meine Plattform zu nutzen, um dagegen zu sprechen. Man muss aktiv und laut bleiben. Man darf nicht zulassen, dass Menschen zwar über einen sprechen, aber nicht mit einem. Und ich versuche auch, mit Humor die Angst zu verdrängen und Humor als Strategie zu nutzen. Denn: What are we gonna do about it? Anstatt die kleinste Violine der Welt rauszuholen und in der Opferrolle festzustecken, halte ich einigen Leuten den Spiegel vor und sage: Das ist euer Verhalten, findet ihr das nicht auch ein bisschen absurd?
Und das klappt?
Ja! Das sind meine Lieblingskommentare: „Oh, krass, da habe ich mich ertappt gefühlt.“ Oder: „So etwas habe ich zu einer Hijabi auch schon mal gesagt, ich sehe mich oft in deinen Videos und muss mich reflektieren, finde es aber trotzdem so lustig.“ Immer, wenn ich das lese oder auf der Straße gesagt bekomme, denke ich: Geil, alles erreicht.
Und wie schützt du dich vor Angriffen im Internet?
Ich nehme mich nicht ernst, ich nehme die Kommentare nicht ernst. Ich liebe es, Dinge nicht ernst zu nehmen. Und ich schaue mir die Accounts an von den Leuten, die bei mir haten, und dann bestätigt sich, sie nicht ernst zu nehmen.
Fotos: Annika Weertz
Make-up: Amina Shabbir
Styling: Inas Saleek Hussein Mohammed
Du hast mal gesagt, du würdest häufig gefragt werden, wie man so selbstbewusst wird wie du. Was antwortest du darauf?
Ich bin dankbar dafür, dass ich so selbstbewusst bin, hatte aber auch eine Phase in meinem Leben, da war ich es nicht. Ich sage immer, wir sollten alle diese confidence haben, die wir mit zehn oder elf hatten. Dieser peak, kurz bevor es bergab geht. Bevor die Pubertät losgeht mit „oh mein Gott, mein Körper verändert sich“ und „oh mein Gott, der Junge aus der Parallelklasse mag mich nicht“ und „oh mein Gott, meine Freundinnen schließen mich aus“. Wenn man in einer gesunden Familie aufwächst und auch sonst eine glückliche Kindheit hat, denkt man mit zehn oder elf: Ich kann alles! Mir gehört die Welt! Genau das nehme ich mir heute wieder zurück.
Wie machst du das?
Mit viel fake it till you make it. Es hilft, sich selbst zu gaslighten, dass man etwas voll gut kann. Natürlich nicht in dem Sinne, dass man sich einfach mal ans Klavier setzt und losspielt, obwohl man nicht Klavier spielen kann. Sondern so, dass man seine Komfortzone verlässt. Letztens habe ich beim Sender 1Live zum ersten Mal Stand-up-Comedy gemacht und war davor so aufgeregt wie noch nie zuvor in meinem Leben. Ich habe bereut, zugesagt zu haben, und mich total überfordert gefühlt. Und dann ist es super angekommen. Hätte ich es nie ausprobiert, hätte ich nie herausgefunden, dass ich gut darin bin. Wenn man in der Angst stecken bleibt, dann wächst und wächst sie.
Du sagst, eine gesunde Familie prägt das Selbstbewusstsein. Lass uns über deine sprechen.
Gerade in dieser Peak-Confidence-Phase haben meine Eltern mich immer supportet, das tun sie bis heute. Ich habe nie gehört: „Du trägst ein Kopftuch, also benimm dich! Setz dich hin, wenn Gäste da sind!“ Im Gegenteil, wenn wir Gäste hatten, hieß es: „Guckt mal, was Maraam kann! Maraam, sing doch noch mal, was du letztens gesungen hast!“ So bin ich aufgewachsen. Meine drei älteren Schwestern und ich haben alle studiert, vor allem unser Vater hat da Druck gemacht. Nie zu viel, aber es war immer klar: Bildung geht vor. Scheiß auf alles andere. Was ihr einmal gelernt habt, kann euch keiner nehmen. In dem Sinne war mein Vater auch mein erster Berührungspunkt mit dem Feminismus, wie er im Islam gelebt wird.
Fotos: Annika Weertz
Make-up: Amina Shabbir
Styling: Inas Saleek Hussein Mohammed
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Echt? Das ist eine unerwartete Adresse.
Ja, er war der erste Feminist in meinem Leben. Natürlich, am Ende des Tages ist er ein libanesischer Mann, der im Libanon groß wurde und irgendwann nach Deutschland kam – da sind manche kulturelle Dinge verankert. In unseren Kulturen werden ja leider viele Mädchen so erzogen, dass es der größte Erfolg ist, einem Mann zu dienen. Aber für meinen Vater stand unsere Unabhängigkeit an erster Stelle, er sagte immer: Auch wenn du als verheiratete Frau islamisch gesehen abgesichert bist, lebst du nicht für einen Mann. Mach dich nie von einem Mann abhängig, verdiene immer dein eigenes Geld. Wenn er Scheiße baut, dich ausnutzt, dir etwas antut, weg ist, dann hast du nichts.
Und deine Mama?
Meine Mama floh kurz vor ihrem Schulabschluss nach Deutschland und hat sich dann, gemeinsam mit meinem Vater, alles selbst aufgebaut. Mein Vater war schon etwas länger in Deutschland und arbeitete in einer Druckerei. Ich weiß bis heute nicht, wie diese Frau das alles geschafft hat. Angefangen hat sie in Ein-Euro-Jobs, die es damals noch gab, ganz viel Arbeit für ganz kleines Geld. Sie war genervt davon, uns Kinder nicht selbst herumfahren zu können, also zog sie ohne Sprachkenntnisse ihren Führerschein durch. Bei uns in Bremen hat sie viel Community-Arbeit mit Müttern gemacht und ist heute Integrationsvermittlerin, dolmetscht für arabische Familien und hilft ihnen mit dem Papierkram. Mittlerweile versteht sie das alles besser als ich – ich gehe zu ihr, wenn ich etwas nicht verstehe: „Mama, was will die AOK von mir?“ Das ist meine Mutter, sie hat sich das einfach genommen, weil sie wusste: Ich kann das. Meine Eltern sind große Vorbilder für mich. Nicht, weil sie den höchsten akademischen Grad hätten, sondern weil sie zu jeder Zeit das Beste aus jeder Situation gemacht haben. Weil sie sich selbst fördern und auch herausfordern, viel lesen und sich für Nachrichten und Politik interessieren. Weil sie gesagt haben: „Ich bin nach Deutschland geflüchtet, aber ich werde mich hier nicht kleinhalten, ich werde diesen Raum einnehmen.“
Du selbst hast auch schon immer viel gelesen. Als Zweitklässlerin hast du einen Vorlesewettbewerb für Dritt- und Viertklässler gewonnen.
Genau das meine ich, dieser Gipfel des Selbstbewusstseins vor der Pubertät. Klar stelle ich mich hier hin, mit meinen sieben Jahren, und lese der gesamten Schule etwas aus diesem Kinderbuch vor. Und ich war vorher nicht einmal nervös! Wenn nicht ich, wer sonst? Das war die Einstellung.
Was liest du heute?
Immer mal wieder Sachbücher, aber vor allem Liebesromane. Ich liebe es, eine schöne Lovestory zu genießen, bei der ich nicht nachdenken muss und einfach abschalten kann. Das ist ja auch der Sinn von gutem Entertainment. Aber wenn es, wie die meisten Romanzen, von Frauen für Frauen geschrieben ist, wird es schnell abgewertet. Im Grunde lachen Männer darüber, dass Frauen von einem Mann träumen, der für sie da ist, ihnen zuhört, der sie herausfordert, aber auch die Wohnung putzt. Dann denke ich: Krass, du lachst darüber, wie unwahrscheinlich es ist, dass du dieser Mann wirst. Extrem traurig. Und einer der Gründe, wieso wir immer noch Feminismus brauchen.
Von fiktiver Romantik zu Liebe in real life: Du bist seit ein paar Jahren verheiratet. Wir alle lieben eine gute Kennenlerngeschichte, wie war das bei dir und deinem Mann Hakan?
Über TikTok. Crazy, ich weiß. Er hat damals zusammen mit seinem besten Freund im Security-Bereich gejobbt und die beiden sind nachts live gegangen, um sich die Zeit zu vertreiben. Da bin ich irgendwie drauf hängen geblieben. Ich gucke sonst nie Livestreams, weil mich das langweilt, aber die zwei fand ich lustig miteinander. Ich habe also kommentiert, wir sind uns gegenseitig gefolgt, er hat angefangen, meine Videos und Livestreams zu schauen, und, wie er heute sagt, einen Crush entwickelt. Als wir angefangen haben, zu schreiben, habe ich zu meinem besten Freund Momo gesagt: Ach, der ist hübsch, der hat bestimmt keine Persönlichkeit. Tja, und dann meinte ich irgendwann zu Momo, oh mein Gott, dieser Hakan ist … witzig? Er bringt mich zum Lachen? What’s going on? Und der Rest ist Geschichte.
Euer erstes Date …
… hatten wir bei Extrablatt.
Finde ich ja underrated.
Ich auch. Essen gehen würde ich da nicht, es ist sicher nicht die geilste Cuisine. Aber wir haben einen Chai Latte getrunken. Am selben Tag wollte er mich wiedersehen.
When you know, you know.
Genau. Noch bevor wir ein Paar wurden, hat er seinen Lebensstil so geändert, dass es zu meinen Werten und Ansprüchen passt – ohne dass ich davon wusste. Weil ihm klar war, dass ich als muslimische Frau bestimmte Dinge bei einem Partner nicht akzeptieren würde. Das heißt nicht, dass ich diese Dinge verurteile, sondern dass ich sie für mich und in meiner Beziehung nicht möchte. Übrigens ist er durch mich auch viel feministischer geworden. Sicher war auch er beeinflusst von dieser Bro-Culture, aber mittlerweile erkennt er das bei sich und anderen Männern total und kritisiert das. Und er würde sich nie über Liebesromane lustig machen.
Als feministische Hijabi machst du wahrscheinlich nicht nur diese schönen Erfahrungen.
Nein. Ob muslimische Männer, die unter meine Videos schreiben: „Weiß dein Vater, was du hier machst?“ – er likt jedes TikTok, was laberst du –, oder weiße Feministinnen, die mich befreien wollen: Ein Tuch verändert die komplette Wahrnehmung der Menschen. Die klassische Geschichte in Filmen, Büchern und Serien ist, dass eine junge Frau zu Hause unterdrückt wird, rausgeht, das Kopftuch auszieht und draußen die Freiheit findet. Natürlich gibt es das. Wenn Männer Frauen unterdrücken wollen, machen sie das auf hunderttausend Arten, und die Religion kann eine davon sein. Aber bei mir war es genau umgekehrt. Ich hatte zu Hause die Freiheit und in der Außenwelt plötzlich die ganzen Einschränkungen und Vorurteile. Zwei meiner Schwestern haben das Kopftuch abgelegt und mein Vater will sie trotzdem nicht töten, es ist alles gut, wir treffen uns jeden zweiten Sonntag und haben einen schönen Tag. Diese klassische Erzählung ist auch krass einfallslos. Do your job und denkt euch eine neue Geschichte aus, wir haben das schon tausend Mal gesehen. Gebt mir eine Geschichte über eine Hijabi, die ein komplexer Mensch mit Problemen ist, aber ihr Hijab ist keines davon. Ich kann das nicht mehr sehen. Und ich kann auch nicht mehr weißen Frauen erklären, dass ich das Kopftuch für mich und für meinen Gott trage, der übrigens kein Mann ist. Nur weil ihr Gott als Mann sehen wollt, heißt das nicht, dass ich mein Kopftuch für einen Mann trage. Mein Gott hat kein Geschlecht.
Fotos: Annika Weertz
Make-up: Amina Shabbir
Styling: Inas Saleek Hussein Mohammed
Dieser Text erschien zuerst in Missy 04/26.