Fotografie: Bella Spantzel ; Make-up: Justine Mallet
Elon Musk: 866,5 Milliarden Dollar. Larry Page: 280,5 Milliarden. Sergey Brin: 258,9 Milliarden. Mark Zuckerberg: 190 Milliarden. Jeff Bezos: 269 Milliarden. Das sind laut Forbes (Stand 18.08.2026) die geschätzten Vermögen der Männer, die mit Überwachungstechnologien am meisten Geld verdienen. Fünf Männer, über eine Billion Dollar, angehäuft durch Geschäftsmodelle, die darauf basieren, Menschen zu beobachten, zu vermessen, zu kategorisieren – und ihre Daten zu verkaufen.
Meredith Whittaker könnte Teil dieser Gruppe sein. 2006 wurde sie nach einem Studium an der Eliteuniversität Berkeley von Google angeheuert und stieg dort auf.
Doch mit jedem Schritt wurde für sie deutlicher, wie dreckig das Geschäft ist, an dem sie teilhatte. Wie gefährlich eine Branche für die Demokratie ist, die Profit daraus schöpft, die Menschen immer stärker zu überwachen und zu manipulieren. Also stieg sie aus.
Heute leitet Whittaker Signal, den weltweit einzigen Kurznachrichtendienst, der keine Daten sammelt. Dort verdient sie weniger als die Ingenieur*innen, und das ist kein Zufall, sondern Prinzip. Signal ist eine gemeinnützige Organisation mit fünfzig Mitarbeiter*innen, die mit Konzernen konkurriert, deren Börsenwert die Wirtschaftsleistung ganzer Staaten, etwa von Frankreich, übersteigt.
Whittaker reist seit Jahren um die Welt, um auf Podien, Konferenzen und in Polit-Kreisen vor den großen Tech-Playern zu warnen: Ihre sogenannten „intelligenten Entwicklungen“ würden die Privatsphäre immer weiter abschaffen. Die Möglichkeit privater, also verschlüsselter Kommunikation sei aber Bedingung für eine freie Gesellschaft. „Auch die Zukunft von Signal steht mehr denn je auf dem Spiel“, sagt sie bei einem Treffen mit Missy in Paris im Juli 2026.
Seit Trump das zweite Mal ins Amt gewählt wurde, verbringt Whittaker mehr Zeit in Europa. Noch vor der Präsidentschaftswahl 2024 deutete sie in einem Gespräch mit dem Magazin „Wired“ an, dass sie bei Signal mit Blick auf einen möglichen zweiten Trump-Sieg über eine Zukunft an einem anderen Ort nachdenken.
Im Interview in Paris will sie darüber nicht sprechen, zu groß sei der Einfluss, den die US-Regierung gegenwärtig nehmen könne. Mittlerweile hat sie eine eigene Wohnung in Frankreichs Hauptstadt. Das klinge doch harmlos: ein Zweitwohnsitz in Paris, sagt sie. Erst recht für eine wie sie, die sich für Mode interessiert. Für das Shooting zu diesem Artikel sollen die Bilder „nicht zu sehr nach NGO aussehen“, wie ihre Assistentin im Vorfeld schreibt. Das Kleid, das sie auf den Fotos trägt, ist aus ihrem eigenen Kleiderschrank. Bei jedem ihrer öffentlichen Auftritte ist ihre Garderobe elegant und cool. Ihre Lieblingsviertel in Paris zählt sie auf Nachfrage kurz auf: „Eben die, in denen Leben stattfindet, das 11. und das 20., wie bei jedem Hipster.“ Sie nennt noch das touristische Quartier Latin, um das schicke Leute eigentlich einen Bogen machen.
Dann kommt Whittaker zum Punkt, zu ihrem Thema, dem Überwachungsgeschäft, zum „monopolist platform tech ecosystem“, das mit dem KI-Hype immer gefährlicher werde. „Zuerst müssen wir uns ansehen, wie dieses Ökosystem überhaupt entstanden ist“, sagt sie.
Wir sollen in die 1990er-Jahre zurückblicken: 1996 verabschiedete die US-Regierung unter Präsident Bill Clinton ein Bundesgesetz, das die Internetinfrastruktur kommerzialisierte, die eigentlich für staatliche, militärische und Forschungszwecke aufgebaut worden war. Dafür habe sie zwei folgenreiche Entscheidungen trotz aller Warnungen von Bürger*innenrechtsorganisationen und Expert*innen getroffen. Erstens sollte Massenüberwachung ohne Datenschutzbeschränkungen möglich sein. Und zweitens sollte damit das Geschäftsmodell des Internets auf personalisierter Werbung basieren, obwohl es diverse andere Geschäftsmodelle hätte geben können. „So schuf die Clinton-Regierung nicht nur die Erlaubnis zur Überwachung, sondern den ökonomischen Anreiz dafür“, sagt Whittaker. Je mehr ein Unternehmen schließlich über seine Nutzer*innen erfahren konnte, desto mehr Geld konnte es von künftigen Anzeigenkunden verlangen. „Ich, die Nutzerin der Kommunikationskanäle, bin so zum Produkt geworden: zur Frau mit lockigen Haaren, die in Brooklyn lebt und Yoga mag. So macht man aus Daten Geld.“
Die gesamte Weltwirtschaft laufe mittlerweile auf der Grundlage von Überwachung durch ein paar Unternehmen mit Sitz in den USA.
„Und das, was sie uns als KI anpreisen, ist das Produkt ihres Geschäftsmodells und unterstützt es wiederum“, sagt Whittaker. Die heutige KI – das, was wir mit ChatGPT, Claude, Gemini assoziieren – basiert auf dem Paradigma sogenannter neuronaler Netze. Eine Programmiertechnik, die aus den 1980er-Jahren stammt und lange als unnütz galt, bis 2012 drei Forscher zeigten, dass die alten Algorithmen plötzlich neue Dinge konnten. Und zwar, weil die Unternehmen genug Daten gesammelt hatten, auf die sie die Algorithmen anwenden konnten. Und so konnten die Algorithmen im nächsten Schritt helfen, noch mehr Daten über die Menschen zu sammeln und zu verwerten. Google heuerte die besagten Forscher sofort an, um genau das zu tun: Sie sollten helfen, personalisierte Werbeanzeigen zu optimieren.
Damals war Whittaker selbst noch bei Google. 2006 hatte sie dort angefangen. Ohne dass sie sich besonders für Technik interessiert hätte. „Ich musste eben Miete bezahlen.“
Whittakers Werdegang erklärt ihren Blick auf die Branche. Und er hilft zu verstehen, wie sie mit einer Mischung aus Selbstbewusstsein, Pragmatismus und anti-autoritärem Geist eine der bedeutendsten Aktivist*innen gegen die Vorherrschaft der Tech-Bros werden konnte.
Sie kommt aus der Arbeiter*innenklasse, aus Koreatown in Los Angeles. „Es ist ein riesiger Unterschied“, sagt sie, „ob man mit einem eigenen Zimmer aufwächst, einer Speisekammer voller Snacks und Eltern, die einer*m außerschulische Aktivitäten finanzieren und dafür sorgen, dass man nach Stanford kommt, weil der Onkel im Vorstand sitzt. Oder ob das College überhaupt auf dem Plan steht.“ Sie sei trotzdem hingegangen. Und zwar, weil ihr Lesen so viel Spaß gemacht habe und sie deshalb sehr gut in der Schule gewesen sei. Sie erhielt ein Stipendium für Berkeley und studierte Literatur und Rhetorik – mit Fokus auf macht- und herrschaftskritische Theorien: Foucault, Butler, Marx. Auch das mit Bestnoten.
Danach bewarb sie sich um verschiedene Jobs. Google war der erste Arbeitgeber, der sie einstellen wollte. „Die wollten Leute von Eliteunis.“ Sie landete im Kund*innensupport. Und merkte schnell: Hier herrschte eine andere intellektuelle Hierarchie.
Hier fühlten sich alle überlegen, deren Jobprofile mit Technik zu tun hatten, hauptsächlich Männer. Das ärgerte Whittaker. Also brachte sie sich Grundlagen der Informatik bei, mathematische Ansätze und wie man Netzwerke aufbaut. Dann fuhr sie mit dem Fahrrad über den Google-Campus und fragte die Vizepräsidenten nach einem Job. „Was eigentlich hoffnungslos naiv war – nur dass es funktioniert hat.“
Sie bekam eine Stelle im Bereich Dokumentenstandards – dort, wo Daten einheitlich strukturiert und formatiert werden. Kurz darauf gründete sie das „M-Lab“ zur Durchsetzung von Netzneutralität, also davon, dass Internetprovider alle Daten im Netz gleich behandeln. Das Projekt sorgte dafür, dass die US-Regierung Netzneutralität 2015 gesetzlich verankerte. Whittaker machte sich einen Namen bei Google.
„Ich wollte von Anfang an verstehen, wie diese Welt funktioniert. Alle waren so reich und schräg zugleich.“ Dank ihrer „Straßen-Hustler-Mentalität“, wie sie sagt, sei es ihr leicht gefallen, die ungeschriebenen Regeln der Tech-Branche zu lernen.
Und so lernte sie im Lauf der Jahre vor allem dreierlei. Erstens, vielleicht am offensichtlichsten: wie sexistisch die Tech-Branche ist. 2018, im Jahr vor ihrer Kündigung, kritisierte sie öffentlich Machtmissbrauch bei Google. Sie initiierte mit anderen einen weltweiten Streik, bei dem über 20.000 Google-Mitarbeitende die Arbeit niederlegten, um gegen sexualisierte Belästigung und immens hohe Abfindungen für Manager nach Vorwürfen zu protestieren.
Zweitens habe sie spätestens 2017 verstanden, dass dort Profit über allen Prinzipien stehe. Sie sah, dass Google bereit war, mit dem US-Militär zu kooperieren und Daten über die Bevölkerung weiterzugeben. Dass die Werte, die nach außen vertreten wurden, nichts gelten würden. Dass etwa die „KI und Ethik“-Arbeitsgruppe und die „Google Open Research Group“, die sie gegründet hatte, vor allem einer Sache dienten: dem Image des Konzerns. Ziel sei, Profit aus den Nutzer*innen zu schlagen, egal, wie schädlich die Plattformen nachweislich für sie sein mögen. Kein Wunder, dass viele Tech-Unternehmer die eigenen Kinder die Programme nicht nutzen lassen.
Die dritte Sache, die sie lernte, ist vielleicht die spezifischste für die Tech-Branche. Whittaker erkannte im Laufe der Jahre, wie wichtig der Mechanismus der „intellektuellen Scham“, wie sie es bezeichnet, für die Macht von Google und Co. ist. „Die Menschen denken, dass alle, die sich mit den Netzwerken auskennen, schlauer sind und die Welt besser verstehen als der Rest.“ Whittaker sah das überall: bei Vorstandsvorsitzenden, bei Staatschef*innen und bei Investor*innen. Menschen mit enormer Macht, die plötzlich verstummten, wenn es um Technologie ging. „Sie glauben, dass Unwissenheit in Sachen Tech besonders beschämend ist.“
Die Konsequenz sei eine Herdenmentalität, die Menschen davon abhalte, kritische Nachfragen zu stellen.
Besonders brisant sei das angesichts des Hypes um KI, neuerdings um sogenannte KI-Agenten. „Es gibt einen verzweifelten Bedarf an Rendite für KI-Investitionen“, erklärt sie. Billionen seien in den Bereich gesteckt worden. Aber die Gewinne würden ausbleiben. Also brauche es ein neues Versprechen, so Whittaker. Deshalb würden die Unternehmen so tun, als sei die KI nun noch „intelligenter“ geworden. „Und dann geben sie weitere Milliarden aus und erzählen uns die Geschichte eines magischen Superhirns, das uns als persönlicher Agent Aufgaben abnimmt – die Versicherung anruft, ein Restaurant reserviert, Freund*innen benachrichtigt.“
Damit solche Agenten funktionieren – dass sie überhaupt technisch so weit sind, bezweifelt Whittaker – , brauchen sie Zugriff auf alle Daten auf den Geräten. Auf Kalender, Kontakte, Kreditkarten. Dann landen Diagnosen von Geschlechtskrankheiten, Dating-Nachrichten und die, in denen man über Kolleg*innen lästert, bei den Anbietern der Agenten, etwa bei Apple Intelligence oder Google Gemini. Und jedes intime Wissen über die Menschen lasse sich zur Waffe machen, so Whittaker.
Unternehmen, die Daten sammeln, können außerdem gehackt werden. Auch autoritäre Regierungen könnten Daten beschlagnahmen.
Schon jetzt geben die Konzerne Namen von Leuten heraus, die anonym ICE kritisiert haben, sagt Whittaker. Schon jetzt speichert WhatsApp alle Metadaten – wer mit wem wann kommuniziert – und kann ein detailliertes Bild der Nutzer*innen zeichnen, auch ohne Nachrichten mitlesen zu müssen. Signal sammle diese Daten nicht. Doch Signal wäre zerstört, wenn die Anbieter „autonomer“ KI-Agenten von den Betreibern der Betriebssysteme, wie etwa Apple oder Microsoft, Zugriff auf alle Apps bekämen. Dann wäre Ende-zu-Ende-Verschlüsselung wertlos, sagt Whittaker. Es gäbe keine sichere Kommunikation mehr für Journalist*innen, Aktivist*innen, Whistleblower*innen, Ärzt*innen, Anwält*innen, Politiker*innen. Gerade erst hatten Whittaker und andere Datenschützer*innen es geschafft, eine umfassende Chatkontrolle zu verhindern, die konservative Politiker*innen in der EU zur Verfolgung von Straftaten fordern. Nun bedrohe die agentielle KI den letzten Rest der Privatsphäre. Whittaker fürchtet, dass die Lizenzen schon vergeben werden, selbst wenn die Systeme (noch) nicht funktionieren.
Aber gibt es denn gar keine gute KI? Das wird Whittaker im November 2025 bei einem Talk im Publix, dem Haus des Journalismus in Berlin, gefragt. Der Saal ist voll. Die Veranstaltung war so früh ausverkauft wie keine andere zuvor. Hier sitzen Hacker*innen, die seit Jahren Fans von Whittaker sind, genau wie weißhaarige Damen in Seidenbluse, die sich darum sorgen, dass KI ihre Enkel*innen überflüssig macht.
Es hänge davon ab, wie man KI definiere, antwortet Whittaker. Natürlich sei die Erkennung von Mustern innerhalb großer Datenmengen sinnvoll, etwa in der Medizin. Aber fast alles, was heute unter dem Label KI-Entwicklung laufe, sei schädlich, diene dem Profit weniger Einzelner, konzentriere die Macht noch weiter in ihren Händen und erfordere zudem eine Infrastruktur, die das Klima belaste. „Letzteres mit Folgen, die wir schon spüren“, sagt Whittaker beim Interview im Juli in Paris und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Es hat in Frankreichs Hauptstadt seit Wochen über 35 Grad.
„Wie definieren wir ‚das Gute‘ und für wen, und welche gemeinschaftlichen Praktiken sind dafür erforderlich? Wie können wir Informationen über uns selbst generieren und auf eine Weise verwenden, über die wir selbst bestimmen? Klimadaten, Daten für Impfstoffforschung und so weiter.“
Whittaker spricht oft wie eine Politikerin und man wünscht, sie wäre eine: Sie fragt, welche Technologien wir brauchen, um den dringendsten Fragen unserer Zeit zu begegnen. Welche Kommunikationssysteme z. B. helfen könnten, „sicherzustellen, dass Kinder gutes Essen und gute Betreuung erhalten, mit Respekt behandelt werden“. Systeme, die diese Fragen fokussieren, haben in ihren Augen das Label „intelligent“ verdient.
Sie sitzt in Vorständen, um den Kampf strategisch an allen Ecken zu führen: bei Nokia, Burda, einem Quanten-KI-Start-up. „Wir brauchen Godzilla, um gegen King Kong anzugehen.“ Sie will verstehen, wie nicht-amerikanische Institutionen vorgehen, wohin das Kapital fließt.
„Es gibt aber auch viele Beispiele aus der Geschichte, in denen Menschen etwas erreicht haben, ohne über Ressourcen zu verfügen. Wir dürfen uns nicht täuschen lassen“, sagt Whittaker. „Wenn Signal in fünf Jahren noch existiert, dann liegt das daran, dass wir massive Veränderungen im technologischen Ökosystem bewirkt haben.“
Dieser Text erschien zuerst in Missy 05/26.