Jüdischer Feminismus 101

Nicht die jüdische Kolumne, die ihr euch wünscht, sondern die, die ihr verdient.

19.06.17 > Debora Antmann
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Debora Antmann
1989 in Berlin geboren und die meiste Zeit dort aufgewachsen. Als weiße, lesbische, jüdische, analytische Queer_Feministin, Autorin und Körperkünstlerin, schreibt sie auf ihrem Blog »Don’t degrade Debs, Darling!« seit einigen Jahren zu Identitätspolitiken, vor allem zu jüdischer Identität, intersektionalem Feminismus, Heteronormativität/ Heterosexismus und Körpernormen. Jenseits des Blogs publiziert sie zu lesbisch-jüdischer Widerstandsgeschichte in der BRD, philosophiert privat über Magneto (XMen) als jüdische Widerstandsfigur und sammelt High Heels für ihr Superheld_innen-Dasein.

Von Debora Antmann

Vorab
Eigentlich hatte ich vor, diesen Monat einen Beitrag darüber zu schreiben, dass „Germany’s Next Topmodel“ nicht so scheiße ist, wie ihr denkt (das kommt dann nächsten Monat). Da ich aber nach meinem Missy-Debüt so viele Nachrichten bekommen habe von Leser*innen, die ich offensichtlich in unaushaltbarer Verwirrung zurückgelassen habe, werde ich dieses Mal etwas tun, dem ich mich sonst verweigere: einen Grundlagentext dazu, was jüdischer Feminismus meint oder vor allem nicht meint. Dies könnte ein Eigentor sein, weil ich ohnehin das Gefühl habe, dass es eine Erwartungshaltung gibt, dass ich in dieser Kolumne nur über Dinge schreibe, die wc-Deutsche ohne viel Mühe als „jüdische Themen“ erkennen. Deswegen zunächst einmal Folgendes: Dass dies eine jüdische Kolumne ist, bedeutet nicht, dass ich permanent über etwas schreibe, was andere für jüdische Texte halten. Mein Ziel ist es nicht, eine Kolumne über jüdischen Feminismus, jüdische Kulturtradition, Antisemitismus oder jüdische Religion zu schreiben. Und dennoch: Diese Kolumne wird IMMER jüdisch sein. Egal, ob ich über jüdische Struggles, meinen Pudel oder eine meiner Lieblingsserien schreibe. Egal, wozu ich mich äußere, es passiert immer aus einer jüdischen Perspektive. Völlig gleich, ob wc-Deutsche das erkennen oder nicht. Denn dies ist zwar eine jüdische Kolumne, aber keine Aufklärungskolumne zum Judentum oder Antisemitismus. So viel erst mal dazu.

Jüdische Texte laden dazu ein, Komplexität auszuhalten, anstatt sie zu verkürzen © Tine Fetz

Judentum = Religion?
Nun zu den Basics, die auch schon vor mir jüdische Feminist*innen gebetsmühlenartig (dies ist eine Anspielung) seit über 30 Jahren wiederholen: Judentum ist keine Religion. Das ist ungefähr so, als würde mensch behaupten, Schnürsenkel und Schuhe seien das Gleiche. Natürlich können Schnürsenkel EIN TEIL von Schuhen sein, aber viele Menschen tragen auch Schuhe mit Klettverschluss, Slipper oder Pumps. Judentum ist in erster Linie eine Denk- und Kulturtradition, eine Philosophie, familienbezogene Kulturpraxis und -geschichte. Ein TEIL davon KANN Religion sein, aber in vielen Fällen ist es das nicht. Judentum zu einer Religion zu verkürzen, bedeutet die eigene (christliche) Kulturpraxis zu universalisieren. Wenn ich von mir als Jüdin spreche, sagt das somit erst mal nichts darüber aus, ob oder inwieweit ich religiös bin. Daraus automatisch ein Glaubensbekenntnis zu machen, ist wie zu behaupten, alle Leute, die Weihnachten mit ihrer Familie verbringen, sonntags freihaben und sich nach einer kalendarischen Zeitrechnung richten, die behauptet, es sei 2017, seien gläubige Christ*innen. Dafür kein Verständnis zu haben, ist Ausdruck wc-deutscher Dominanzkultur.

Feministische Praxis
Ich habe auch Anfragen bekommen, was das alles mit Feminismus zu tun hätte. Diese Frage macht nur Sinn, wenn einer Person der Einfluss von christlicher Dominanzkultur (1) auf feministische Debatten nicht klar ist. Das klingt für ungeübte Ohren jetzt vielleicht etwas kryptisch, deswegen versuche ich es kolumnentauglich herunterzubrechen: Säkularität ist ein Märchen! Was wir als vermeintlich „neutral“ wahrnehmen, ist häufig nur Ausdruck von Dominanzkultur. Zu glauben, dass Menschen in Schland „neutral“ aufwachsen können, zeigt, dass die eigene christliche Sozialisation so kultiviert ist, dass sie als solche nicht mehr wahrgenommen wird (das gilt übrigens auch für Menschen, die in der ehemaligen DDR aufgewachsen sind – tut mir leid, diesen Zahn ziehen zu müssen). Das gesamte Werte- und Normensystem, Familienmodelle, Identitätspraxen, wie wir aufs Klo gehen etc., entspringt in Europa einer christlichen und kolonialen Kulturtradition. Auch feministische Praxen entspringen dieser (angefangen bei dem Schuld- und Opferding). Die Idee von intersektionalem Feminismus ist, dieses Verständnis von einem universalen Feminismus auf das herunterzubrechen, was es ist: eine Ausdrucksform von Dominanzkultur. wc-deutscher Feminismus ist nicht von allen, für alle, für alles. Es ist Feminismus, der auf christlich-kolonialer Praxis aufbaut. Das führt dazu, dass wc-deutscher Feminismus eben auch nur für wc-Deutsche funktioniert. Deswegen ist es wichtig, andere Feminismen immer wieder sichtbar zu machen, um zu zeigen, dass unterschiedliche Herrschaftsstrukturen ineinander wirken. Das jüdische Perspektiven und jüdische Kulturtraditionen im Mainstream beziehungsweise in wc-deutscher feministischer Praxis nicht vorkommen, ist Ausdruck wc-deutscher Dominanzkultur und einer postnationalsozialistischen Gesellschaft. Deswegen MUSS die Infragestellung christlicher Kulturdominanz und das Empowerment marginalisierter Kulturtraditionen Teil feministischer Auseinandersetzungen und Praxis sein!

Religion als Widerstand
Jetzt hab ich argumentiert, dass Judentum keine Religion ist und vermutlich all die linken Religionskritiker*innen etwas beruhigt. Dabei möchte ich das gar nicht, denn: Religion (solange sie nicht christlich ist) ist Widerstand! Eine Religion auszuüben, die nicht Teil christlicher Dominanzkultur ist, in die Synagoge oder Moschee oder oder oder zu gehen, ist strukturbedingt PER SE ein widerständiger und emanzipatorischer Akt. Ich freu mich jedes Mal, wenn ich sehe, wie Jüd*innen eine der Berliner Synagogen verlassen, und möchte sie umarmen. Nicht, weil ich mich selbst in der Gemeinde oder Synagoge besonders wohlfühle (tu ich nicht), sondern weil sie sich dem äußeren Druck, möglichst unjüdisch, möglichst selbstkritisch, möglichst angepasst zu sein, nicht ergeben. Es ist in dieser Gesellschaft jedes Mal ein Aufbegehren gegen Herrschaftsstrukturen, trotz Anfeindungen und Microaggressions an der eigenen – vermeintlich „anderen“ – religiösen Praxis festzuhalten. Auch wenn das vielen von ihnen wahrscheinlich selbst nicht bewusst ist. Wir können Religion kritisieren, aber vielleicht sollten wir dabei strukturelle und gesellschaftliche Gegebenheiten nicht außer Acht lassen und mit der/denen anfangen, die Teil von hegemonialen Diskursen und Kolonialgeschichte ist/sind – in Schland, aber auch global gesehen wäre das eben das Christentum in seinen dominanten Ausprägungen.

Ihr bekommt von mir keine Antworten
Zum Schluss muss ich noch gestehen, dass es mich eigentlich freut, so viele Leute ratlos mit meinem Auftakt zurückgelassen zu haben. Denn das bedeutet, ich habe einen hervorragenden jüdischen Text verfasst. Die Didaktik von jüdischen Texten funktioniert anders als von aus christlicher Kulturtradition entstandenen. Es geht nicht darum, den Leser*innen zu vermitteln, was richtig und falsch, gut und böse ist. Es geht nicht darum, Antworten zu liefern. Stattdessen sollen bei Leser*innen Fragen und Irritation generiert werden. Ziel jüdischer Texte ist es, dass Leser*innen sich mit sich selbst, den eigenen Ideen, möglichst vielen Perspektiven und Widersprüchen auseinandersetzen. Wenn ihr also in Zukunft nach dem Lesen meiner Kolumne mit Fragen und Unverständnis zurückbleibt, schreibt nicht mir auf der Suche nach Antworten. Ich werde euch keine (mehr) geben, denn ich habe sie auch nicht. Versucht es mal auf die jüdische Weise, die eigene Perspektive und die eigenen Antworten infrage zu stellen, bis ihr gar nix mehr wisst. Dann seid ihr auf einem guten Weg.

(1) Diese Worte werde ich in diesem Text noch ganz, ganz oft wiederholen, weil sie so wichtig sind.

  • unimog_andi

    „christlicher Dominanzkultur“
    http://www.theology.de/images/weltreligionen.gif
    Ach?

    „Zum Schluss muss ich noch gestehen, dass es mich eigentlich freut, so
    viele Leute ratlos mit meinem Auftakt zurückgelassen zu haben. Denn das
    bedeutet, ich habe einen hervorragenden jüdischen Text verfasst.“
    Nö – dass bedeutet einen unverständlichen oder inhaltslosen Text verfasst zu haben.


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