Ich höre auf mit Christian Schmacht

Unser Kolumnist hört auf und verabschiedet sich mit einer letzten Kolumne.

Profilfoto Christian Schmacht

Christian Schmacht
Christian Schmacht, geboren 1989, ist queerer Autor und Sexarbeiter. Seine Novelle „Fleisch mit weißer Soße" erschien 2017 bei der Edition Assemblage. Er mag Geld und Sex, aber am liebsten beides zusammen. Er mag es außerdem sehr, das hart verdiente Geld für Luxusartikel auszugeben. Auf Twitter schreibt er unter @hurentheorie.

TEXT: Christian Schmacht
ILLUSTRATION: El Boum

Liebe Leser*innen,

Das war’s.

Dieser Text ist meine letzte Kolumne für Missy und vielleicht auch überhaupt. Ich höre auf mit Christian Schmacht.
Warum?

An guten Tagen denke ich, dass diese Kolumne eine Insitution ist: eine einzige radikale, queere, trans Sexworker*innenperspektive, die regelmäßig im deutschsprachigen Raum erscheint. Aber ist es gut, eine Institution zu sein? Wofür stehe ich, was repräsentiere ich? Ich möchte nicht für irgendetwas stehen, aber als Einzelner, Einziger tue ich es ja doch. Sowohl mit meinen Identitätsmarkern, in denen sich niemals alle wiederfinden können, als auch mit meinen Inhalten. Ich habe immer versucht, das zu schreiben, was ich selbst gern lesen würde. Aber gelingt mir das überhaupt noch?

Ich spüre, dass ich sehr dünnhäutig bin und deshalb vor Diskursen, die wichtig wären, zurückscheue. Ich kann nicht wieder und wieder dafür argumentieren, dass trans Männer und trans maskuline Menschen ihren Platz im feministischen Raum haben. Wie soll ich dagegen anschreiben, dass selbst Queerfeminist*innen postulieren, dass das Begehren, ein Mann zu sein, immer patriarchal ist[1]? Einem solchen Diskurs kann ich mich nur entziehen. Es gibt wichtigere Themen, ich selbst habe interessantere Gedanken und möchte originelleren Menschen zuhören. Doch ich schaffe es nicht mehr, die Kolumnentexte diesen wichtigeren Themen, interessanteren Gedanken und originelleren Menschen zu widmen.

 

Mir fehlt die Kraft, die dringenden Debatten mitzuverfolgen und sinnvoll und bereichernd zu kommentieren. An anderen Tagen denke ich, es bringt sowieso nichts. Denn niemand liest diese Texte außer meine Redakteurin Serah (danke für alles!) und ein oder zwei Freund*innen. Niemand liest sie außer TERFs und SWERFs, die ein schnelles Mittelchen gegen ihren niedrigen Blutdruck suchen und auf Facebook darüber reden, dass ich ein misogyner Zuhälter und gleichzeitig in Wirklichkeit eine Frau bin.

Meine Mental Health lässt es schon lange nicht mehr zu, auf Social Media zu posten oder zu konsumieren, auch das ist ein Grund, warum ich mich den brandaktuellen Themen nicht widme. Weder erfahre ich sie, noch kann ich sie in die Tiefe recherchieren. Eine Zeit lang dachte ich, ich könnte die Inhalte in meiner Community finden, also Storys, die mir Freund*innen und Gefährt*innen erzählen; Probleme oder Konflikte, die ich am Rande mitbekomme, vertiefen. Das ist ausreichend für politische Kämpfe mit langem Atem, aber nicht für eine journalistische Arbeit.

Als Perspektive sehe ich als einzigen Weg aus der Misere die nachhaltige Selbstorganisation und Selbstverwaltung möglichst vieler Bereiche unseres Lebens. Diese Selbstorganisation kann aus folgenden Gründen nicht auf Social Media stattfinden: Social Media sind von Algorithmen gesteuert, die niemals die gleichen Interessen haben wie wir. Sie arbeiten mit den Repressionsbehörden zusammen und sind selbst Repressionsorgane, die Normen setzen und Abweichungen von diesen Normen zensieren. Auch Chatgruppen und Foren dürfen nur Hilfsmittel und nie die Gänze des Zusammenkommens darstellen.

Ich bin damit beschäftigt, andere Räume zu finden und zu schaffen, in denen über die Themen, die mir wichtig sind, gesprochen werden kann. Ich sehe meinen Platz nicht im Onlineraum, auch wenn es ganz ohne derzeit nicht geht. Ich will und kann ihn aber nicht mehr gestalten.

Meine bis jetzt entstandenen Texte sind hoffentlich eine Quelle von Wissen, in der Zukunft Zeitdokumente der letzten Jahre und vielleicht Stufen, auf die andere Autor*innen treten können, um mit ihren Texten über meine hinaus zu klettern.

Zum Abschied gebe ich uns ein Ausschnitt aus einem Gedicht von der anarchistischen Poetin Diane di Prima mit, welche von 1934 bis 2020 lebte. Die Zeilen helfen mir, fokussiert auf das große Ganze zu bleiben:

The value of an individual life a credo they taught us
to instill fear, and inaction, ‚you only live once‘
a fog on our eyes, we are
endless as the sea, not separate, we die
a million times a day, we are born
a million times, each breath life and death:
get up, put on your shoes, get
started, someone will finish

 

[1] vgl. Kim Posster in Vom Scheitern, Zweifeln und Ändern, Unrast Verlag 2021.