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Leben ohne Sicherheiten. Katha Schulte über ihren Roman Unwesen

Die Hamburger Journalistin Katha Schulte hat ihren ersten Roman veröffentlicht. „Unwesen“ ist die Reflexion einer Frau Anfang dreißig über das Anderssein. Interview: Caroline Dahns Der Klappentext deines Romans kündigt eine namenlose Ich-Erzählerin Anfang dreißig an, die vor lauter offenen Grundsatzfragen steht: Wer bin ich und wie will ich leben? Der typischen zeitgenössischen Befindlichkeitsliteratur ist dein …

15.12.10 >

Die Hamburger Journalistin Katha Schulte hat ihren ersten Roman veröffentlicht. „Unwesen“ ist die Reflexion einer Frau Anfang dreißig über das Anderssein.

Interview: Caroline Dahns

Der Klappentext deines Romans kündigt eine namenlose Ich-Erzählerin Anfang dreißig an, die vor lauter offenen Grundsatzfragen steht: Wer bin ich und wie will ich leben? Der typischen zeitgenössischen Befindlichkeitsliteratur ist dein Buch aber nicht zuzuordnen.

Katha Schulte: Diese Einführung weckt vielleicht die Erwartung, dass die Romanfigur ein paar Sachen lernt, mit denen sie später der Gesellschaft als ein nützlicherer Mensch wiedergegeben wird. Das wäre ein typisches Muster des klassischen Entwicklungsromans, dem die Idee einer Person zugrunde liegt, die sich nur noch entfalten muss. Davon setzt sich mein Buch aber bewusst ab. Viel mehr interessiert mich das Sprunghafte und Widersprüchliche, mit dem sich solche Entwicklungen vollziehen

Worum geht es genau?

Katha Schulte: Die zentrale Frage für die Hauptperson ist, wie sie das provisorische Leben, das sie und ihre Freunde so lange geführt haben, weiterführen kann, ohne auf konventionelle Sicherheiten zurückzugreifen. Die Antwort ist ein noch weiter reichendes Anderssein. Es geht also um Fragen der Identität, aber auch um Fragen des Eigentums. Beides ist ja gesellschaftlich eng miteinander verknüpft. Dass einem im Leben etwas zusteht, ist keine Selbstverständlichkeit. Diese Gewissheit vertieft sich im Laufe des Romans in einer Krisenerfahrung der Erzählerin. Wegen einer schweren Herzkrankheit stellt sie sich diese Fragen im wahrsten Sinn am eigenen Leib noch einmal neu: Sie bekommt ein neues Herz.

Du lässt deine Hauptfigur fast ausschließlich in Form einer inneren Reflexion erzählen, die den LeserInnen Einblicke in sehr begrenzte, in sich geschlossene Räume ermöglicht. Da ist einmal der Hamburger Tierpark Hagenbeck, wo sie im zoopädagogischen Dienst arbeitet, und später das Krankenhaus.

Katha Schulte: Für mich sind das gesellschaftliche Gegenräume, die außerhalb liegen, von denen aus aber definiert wird, wie es drinnen aussieht. Anhand des Tiers wird bestimmt, was der Mensch ist. Das Kranke wird benötigt, um festzulegen, was Gesundheit und Normalität sind und wie es in der Mitte aussieht. All diese Systeme versucht sich die Hauptfigur durch intensive Begehung zu erschließen, stößt dabei aber immer an Grenzen.

Sowohl über die Tierwelt als auch über Herzchirurgie schreibst du sehr detailliert und auch auf einer wissenschaftlich-philosophischen Ebene. Woher hast du dieses Fachwissen?

Katha Schulte: Mit einigen Themen hatte ich mich vorher schon viel beschäftigt. Das Thema „Tiere“ war allerdings neu für mich. Ich habe viel gelesen und recherchiert. Ich bin bei Hagenbeck herumgelaufen, war im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und habe meine Schwester, eine Herzmedizinerin, bei ihrer Arbeit in der Kardiologie eines Krankenhauses begleitet. Sie hat auch die medizinischen Passagen im Buch lektoriert.

Die dichte Atmosphäre des Romans und die vielen, meist inneren Dialoge, hinterlassen den Eindruck, der Text könnte auch auf einer Bühne gut funktionieren. War deine Idee von Anfang an, einen Roman zu schreiben?

Katha Schulte: Ich dachte erst, es würde kurz und bündig – eine Novelle. Dann hat es sich aber an vielen Stellen weiterentwickelt. Als Theatertext kann ich mir „Unwesen“ auch gut vorstellen.

Die Hauptperson hat, auch wegen ihres Aufenthalts auf einer Isolierstation, kaum Kontakt zu anderen Menschen und scheint ein einsamer Mensch zu sein. Ist Einsamkeit mit Anfang 30 ein Tabuthema?

Katha Schulte: Gesellschaftliche Einsamkeit ist tatsächlich eine Frage, die sonst nicht sehr oft behandelt wird und die im Buch eine wichtige Rolle spielt. Richtig einsam wird die Erzählerin aber erst im Krankenhaus. Ansonsten ist sie einfach eine Person, die gern ihr eigenes Ding macht. Das Alleinsein ist ja erst mal ein menschlicher Zustand, der auch in Gesellschaft nicht einfach aufgehoben wird. Das wird im Roman zu dieser Fragestellung nach der Lebensform.

Steckt in deinem Roman auch eine Kritik daran, wie unsere Gesellschaft mit ihren Kranken, Einsamen und Verwirrten umgeht?

Auf jeden Fall. Gleichzeitig sind viele Passagen polemisch zugespitzt. Das entspricht nicht unbedingt immer dem, was ich darüber denke.

Katha Schulte: „Unwesen“, Hablizel Verlag, 149 Seiten, 16,90 Euro;


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