Nach der Betroffenheit: Zum Tod von Tuğçe Albayrak

Tuğçe Albayraks mutiges Eingreifen in eine Konfliktsituation kostete sie das Leben. Ihr Tod macht mittlerweile Menschen weltweit betroffen. Rufe nach mehr Zivilcourage werden immer lauter. Aber wie kann diese eigentlich genau aussehen?

01.12.14 > Inland, Kommentare

Von Hengameh Yaghoobifarah

Es war der Morgen des 15. November, als die 22-jährige Lehramtsstudentin Tuğçe Albayrak vor den Toiletten eines Offenbacher Fastfood-Restaurants eine gewaltvolle Auseinandersetzung zwischen drei Typen und zwei Mädchen beobachtete. Sie intervenierte und die angespannte Situation löste sich mit Hilfe anderer Gäste auf. Was genau da eigentlich los war, ist bis heute unklar. In den deutschsprachigen Medien wird eine klare Beschreibung umgangen, zumal zwei wichtige Zeuginnen nicht ausgesagt haben.

Englischsprachige Berichterstattungen erzählen von einem sexuellen Übergriff auf die jungen Frauen. Fest steht: Auf dem Weg zu ihrem Auto wurde Tuğçe von einem der Täter bewusstlos geschlagen, ihr Kopf prallte gegen den harten Parkplatzboden auf und letztlich starb sie vergangene Woche an den Verletzungen.

Nicht nur vor Ort ist die Betroffenheit groß, es werden deutschlandweit Mahnwachen abgehalten. Tuğçe wird aufgrund ihrer Zivilcourage zur Heldin. Derzeit wird aufgrund tausender Forderungen auch die Verleihung eines Bundesverdienstkreuzes geprüft. Respekt ist das Mindeste, was Tuğçe verdient hat.

In der Auseinandersetzung mit ihrem Tod werden auch wieder Debatten um das Thema Zivilcourage angestoßen. Ein altbekannter Mangel in vielen gesellschaftlichen Kontexten. Aber ich frage mich: Wer von all denen, die derzeit so laut um Tuğçe trauern, würde bei öffentlichen Übergriffen selbst handeln?

Erst kürzlich fand in einem Stockholmer Aufzug ein soziales Experiment statt, bei dem ein junges, vermeintlich heterosexuelles Paar sich lautstark streitet und auf Reaktionen mitfahrender Passant_innen hofft. Der Typ wird laut und übergriffig, sie fühlt sich offensichtlich unwohl in der Situation und ruft sogar um Hilfe. Von 54 Personen interveniert gerade mal eine, die anderen ignorieren die Situation getrost oder verhalten sich anderweitig unbeteiligt.

Oft schreiten Menschen in Gefahrensituationen nicht ein, weil sie Angst vor der Auseinandersetzung haben. Dabei sind Eingriffe in – wenn auch nur scheinbar – gewaltvolle Auseinandersetzungen nicht immer mit Gefahr verbunden. Diese sechs Vorgehensmöglichkeiten zeigen auf, dass Aufmerksamkeit und Unterstützung vor allem von Hilfsbereitschaft abhängen. Interventionen können verbal passieren und Situationen entschärfen.

Zum Beispiel sind weiße Personen nicht machtlos, wenn in der vollen Straßenbahn nach Racial Profiling kontrolliert wird. Der Dialog mit den Kontrollierenden und die damit verbundene Thematisierung der rassistischen Praxis können die Problematik stärker sichtbar machen. Das Infragestellen von Tür- und Ladenpolitiken, das Ansprechen umherstehender Unbeteiligter, das Informieren von zuständigem Personal – all das sind mögliche Handlungen.

Das Nichteinschreiten normalisiert die Duldung oder auch die Verharmlosung von Gewalt, welche nicht selten -istisch motiviert ist – sexistisch, rassistisch, ableistisch oder auch homophob. Das Mindeste, das Tuğçe von uns verdient, ist nicht nur Respekt, sondern auch das Überdenken eigener Handlungen, die Erhöhung einer allgemeinen Aufmerksamkeit und den Mut, selbst zu intervenieren.

  • Sabina Brauner

    Wichtiger Beitrag der zeigt, dass dieses Thema Zivilcourage offenbar nie zu Ende diskutiert ist. Zum Aspekt Fahrtkartenkontrolle kann ich aus meiner Erfahrung nur sagen, dass jede Nase in der Bahn ihre Karte vorzeigen muss. Bin durch das Festivaldinner im Rahmen der Stilblüten in Frankfurt auf das Magazin gestoßen und bin gespannt auf weitere Beiträge! Sabina @So nur in Frankfurt

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  • Hengameh Yaghoobifarah

    @Sabrina Brauner:

    Mit Racial Profiling dachte ich auch eher an willkürliche, rassistisch motivierte Passkontrollen in der Bahn. Im ICE machte ich aber auch mal die Erfahrung, dass der Kontrolleur zielstrebig auf zwei Leute zugegangen ist, die als Schwarz gelesen werden könnten, und bevor der Zug überhaupt erst losfuhr Karten, Pässe etc. vorgezeigt werden konnten.

    Manchmal ist es auch so, dass alle ihre Karten vorzeigen müssen, aber dass bei rassfizierten Personen viel genauer geschaut wird und eben ggf. nach Pässen gefragt wird.

  • lunula

    wer Racial Profiling sehen will, setze sich in den Eurocity zwischen Freiburg und Basel. Deutsche und Schweizer Grenzer gehen durch die Wagen. Ich (weiß, blond) muss den Ausweis zeigen und fertig. Mein Gegenüber (Afrikaner) wird genauestens befragt, wo er denn hin wolle, warum er nur so wenig Gepäck dabei habe, was in der Tasche denn drin sei, muss Tasche öffnen etc. pp. Hab ich nicht nur einmal erlebt.

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  • 911

    Ich wurde bereits Zeuge wie Frauen dem äußeren Anschein nach von Fremden belästigt wurden aber nach ein paar Minuten nachgaben und sich anschmiegten

    Wär ich eingeschritten dann wär das nur peinlich gewesen, nach dem Motto „Hu sieh dir den da an, der denkt er müsste hier den Held der Frauen spielen“

    Außerdem kennt man nie die Vorgeschichte und muss aus relativ wenigen Informationen sich eine stark vorurteilsbelastete Interpretation der Situation zusammenbasteln

    Und zu guter Letzt will ich nicht meine Haut für Leute riskieren die nicht einmal nach meiner Hilfe gebeten haben

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  • Einevonvielen

    Aus welchem Selbstverständnis nimmt sich dieser Täter mutmaßlich sein Recht heraus, diese junge Frau zu schlagen ?

    Wahrscheinlich aus einer abwertenden Haltung Frauen gegenüber und aus dem Gefühl heraus, der Stärkere zu sein, der das Recht hat, damit seine Macht zu demonstrieren.

    Solange wir gesellschaftlich nicht genug gegen die Entwicklung eines solchen männlichen Selbstverständnisses tun, werden wir immer wieder Opfer von Zivilcourage in diesem Zusammenhang beklagen müssen.

    Und Tugce hat das Bundesverdienstkreuz mehr als verdient.

  • karlotta

    In Fällen wie dem von 911 angesprochenen kann man aber immer noch Hilfsbereitschaft signalisieren falls es nicht so glimfplich ausgeht. „Einschreiten“ heißt ja nicht gleich, die beiden auseinander zu zerren und dem Typ eine runterzuhauen, aber sich in der Nähe aufhalten, Blickkontakt mit der Betroffenen suchen und eventuell fragen ob alles ok ist macht dieser klar dass sie nicht alleine ist falls ihr die Situation doch zu viel wird.

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