Warum sich das feministische Magazin „an.schläge“ gegen einen Shitstorm behaupten muss

Und was das mit rassistischer Bildsprache zu tun hat. Ein Kommentar aus Wien.

02.05.16 > Europa, Kommentare

Von Lea Susemichel

„Wir bedauern, wenn wir durch die Illustration die Gefühle von Leserinnen und Lesern verletzt haben, und entschuldigen uns dafür“, schreibt der Chefredakteur der „Süddeutschen Zeitung“ Wolfgang Krach zu einer scharf kritisierten SZ-Titelseite nach den Ereignissen in der Silvesternacht in Köln. Die Illustration hatte den Schattenriss weißer Frauenbeine mit einer Schwarzen Hand im Schritt gezeigt. „Sie bedient stereotype Bilder vom ‚schwarzen Mann‘, der einen ‚weißen Frauenkörper‘ bedrängt“, führt Krach aus, „und kann so verstanden werden, als würden Frauen zum Körper verdinglicht und als habe sexuelle Gewalt mit Hautfarbe zu tun. Beides wollten wir nicht.“

Das gerügte Cover © Falter
Das gerügte Cover © Falter

In Österreich entschuldigte man sich nach einem ähnlich kritikwürdigen Cover nicht. Die Wochenzeitschrift „Falter“ erschien Anfang Jänner mit einer Titel-Illustration, die einen uniformen dunkelhaarigen Mob zeigte, der über blonde Frauen herfällt. Der „Falter“ zeigte auch keine Einsicht nachdem es jetzt sogar ein Urteil des Österreichischen Presserats gab: Die Abbildung verstößt wegen Pauschalverunglimpfung und Diskriminierung gegen den Ehrenkodex.

Die Illustratorin des umstrittenen „Falter“-Covers ist Bianca Tschaikner, die mehrere Jahre für das feministische Magazin „an.schläge“ als freie Mitarbeiterin tätig war. Kurz nach Erscheinen des von der „an.schläge“-Redaktion als rassistisch diffamierend beurteilen „Falter“-Covers stornierten wir deshalb – selbstverständlich mit Abstandshonorar – einen Auftrag an Tschaikner für die Illustration zweier Kurzkommentare zum Thema sexuelle Gewalt. Die Redaktion entschied sich dafür, weil auch die Kölner Übergriffe Thema dieser Kommentare waren und wir dazu keinesfalls eine Zeichnung abdrucken wollten, die womöglich ähnlich ausgefallen wäre.

Der „Falter“ jedoch zeigt sich auch nach der Rüge des Presserats uneinsichtig und verweist stur auf die gestalterische Freiheit der Künstlerin. Zudem wird in medientheoretisch naivster Weise darauf gepocht, dass einfach „eine konkrete Situation“ gezeigt worden sei.

Doch so einfach ist das eben nicht: Das Foto eines bedürftigen Flüchtlingskindes zeigt ebenso „die Realität“ an den EU-Außengrenzen wie das einer Horde junger Männer, die mit vor Anstrengung verzerrten Gesichtern gerade brachial einen Zaun stürmt. Es gehört zur journalistischen Kernaufgabe, die verantwortungsvolle und besonnene Entscheidung zu treffen, welches Bild man in welchem Kontext zeigt.

Völlig egal, ob die Intention der Illustratorin nun unredlich war oder nicht, es liegt in der Verantwortung einer Redaktion, sich der manipulativen Macht von Bildern bewusst zu sein und entsprechend gewissenhaft mit ihnen umzugehen.

Ähnlich ignorant wie der „Falter“ in seiner aktuellen Ausgabe reagierte das Magazin „Focus“ nach einem vergleichbaren Fall. Nach der Silvesternacht hatte es auf dem Titelblatt eine nackte weiße Frau mit Schwarzen Handabdrücken auf dem Leib gezeigt, darunter die Frage: „Nach den Sex-Attacken von Migranten: Sind wir noch tolerant oder schon blind?“

Viele Reaktionen auf den „Focus“-Titel damals waren heftig und wütend. Kritische Kommentator*innen verwiesen auf den schlimmen Sexismus der lasziv mit leicht geöffneten Lippen inszenierten Nackten. Doch solche Abbildungen stellen sich auch noch in eine andere furchtbare Bildtradition: Nicht nur „Der Stürmer“ hatte vor der „Rassenschande“ gerne mit antisemitischen Karikaturen gewarnt. Herabwürdigende Zeichnungen, in denen Schwarze Vergewaltiger animalisch über blonde Frauen herfallen, waren seit der Kolonialzeit ein beliebtes Mittel, um drohende „fremde“ Gefahr für die deutsche Nation zu versinnbildlichen.

Unsere Kritik an ihrer Darstellung teilten wir Bianca Tschaikner in einem Mail mit, in dem wir auch unsere Wertschätzung für ihre langjährige Arbeit zum Ausdruck brachten. Da sich im Meinungsaustausch mit ihr jedoch unüberwindbare weltanschauliche Differenzen zeigten und eine konstruktive Gesprächsbasis fehlte, beendeten wir die Zusammenarbeit – in beidseitigem Einvernehmen, wie wir dachten. Offenbar sieht Tschaikner das jedoch anders, weshalb sie nun – Monate später – in anderen Medien Anklage gegen die „an.schläge“ erhebt.

Der „Falter“-Chefredakteur Florian Klenk wirft uns aktuell über Social Media vor, die Illustratorin „rausgehauen“ zu haben, „weil sie Übergriffe in arabischen Ländern und Köln thematisiert“. Die „Emma“ berichtet in ihrer neuen Ausgabe in einem zweiseitigen Artikel über den Fall und kommt zu dem Schluss, dass die „an.schläge“ „Anti-Rassismus per se über den Anti-Sexismus“ stellen.

So unprofessionell wie die Tatsache, dass weder „Emma“ noch Florian Klenk die elementarste journalistische Sorgfaltspflicht befolgt und die „an.schläge“-Redaktion vor Veröffentlichung um Stellungnahme gebeten haben, ist auch die mutwillige Verdrehung der Tatsachen. Denn es ist absolut nicht richtig, dass wir die Zusammenarbeit beendet haben, weil Bianca Tschaikner sexuelle Übergriffe durch Migranten thematisiert. Wir wollten aufgrund der Art, wie sie das tat, keine Illustration von ihr zum Thema drucken.

Ebenso unwahr ist, dass Antirassismus bei uns mehr Gewicht hätte als Antisexismus. Feminismus und Antirassismus sind klare Leitlinien unserer redaktionellen Arbeit – diese beiden Prinzipien spielen wir nicht gegeneinander aus und stellen auch nicht das eine über das andere. Wer die „an.schläge“ regelmäßig liest, wird das bestätigt sehen.

Wir betreiben keinen tendenziösen Kampagnen-Journalismus, um wie die „Emma“ pauschal etwa gegen Kopftuch, Pornografie oder Sexarbeit Stimmung zu machen. Unser Anliegen ist es stets, Themen differenziert zu analysieren. Auch unsere Berichterstattung zu den Übergriffen in der Silvesternacht in Köln richtet sich – wie in der Ausgabe I/2016 unter dem Titel „Weder Schweigen noch Rassismus“ nachzulesen – sowohl gegen rassistische Hetze als auch gegen ein Bagatellisieren der Vorfälle im Namen des Antirassismus.

Die „an.schläge“ waren Mitunterzeichnerinnen der Kampagne #ausnahmslos, weil wir die scheinheilige Instrumentalisierung sexueller Gewalt nach Ereignissen wie in Köln skandalös finden. Denn ganz besonders groß ist die Empörung bekanntlich bei denjenigen, die sich ebenso entrüstet gegen „Po-Grapsch-Paragrafen“ wehren, wie eine längst überfällige Verschärfung des österreichischen Sexualstrafrechts abfällig genannt wird.

Selbstverständlich verurteilen die „an.schläge“ jede Form sexueller Gewalt, natürlich auch die durch Migranten. Die Augen davor zu verschließen, aus Angst, rechten Demagogen in die Hände zu spielen, wäre fatal. Aber es wäre angesichts der Wahlerfolge der AfD in Deutschland und des FPÖ-Präsidentschaftskandidaten in Österreich genauso verhängnisvoll, wenn wir nicht genau aufpassen, mit welchen Mitteln wir gegen diese Gewalt vorgehen.

cover_III_2016 Lea Susemichel studierte Philosophie und Gender Studies in Wien und ist leitende Redakeurin der „an.schläge“. Das feministische Magazin aus Österreich wurde vor über 30 Jahren gegründet und erscheint acht Mal im Jahr.

Ästhetische Mittel zur aufhetzenden Verunglimpfung von Menschen, die eine lange kolonialistisch bis faschistische politische Tradition haben, sind dazu definitiv nicht geeignet. Denn vor der Geschichte dieser Bilder die Augen zu verschließen, nur weil man anders als der SZ-Chefredakteur einfach keinen Fehler eingestehen kann, ist nicht nur gesellschaftspolitisch fatal, sondern auch journalistisch armselig.

  • Rezzatoni

    Über die Nationalität/Herkunft der Kölner Täter war viel zu hören und zu lesen; aber wie steht es mit der der weiblichen Opfer? Gab es tatsächlich keine dunkelhaarigen oder -häutigen Opfer, oder sind die nur – insbesondere, falls sie Migrationshintergrund hätten – nicht so wichtig wie die blonden, bzw. nicht der Rede wert?

  • Silke Sp

    Die Opfer wurden in den Artikeln gar nicht erwähnt. Das ist ja das traurige. Es ging nie um die Opfer, wie es ihnen ging, ob sie Zugang zu Seelsorgern bekamen, wie sie damit fertig werden, sondern darum, dass die „bösen anderen“ sich nicht an „unser Recht“ gehalten haben. Also ja, die Opfer waren anscheinend nicht der Rede wert. Deswegen fand ich die vielen Artikel auch einfach überflüssig. Weil sie nicht für die Opfer sprachen, sondern einfach nur ihren Rassismus freilassen wollten.


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