Tag der offenen Tür in der Hölle

Was es nach dem Wahlerfolg von Donald Trump noch zu sagen gibt.

15.11.16 > Tove Tovesson
Profilfoto Tove Tovesson

Tove Tovesson
Geboren 1986 in der Nähe von Frankfurt. Studium der Sonderpädagogik und Angewandten Ethik im Ruhrgebiet und in Thüringen. Ein Jahr Landleben bei Hamburg, nun Berlin. Twittert unter @nichtschubsen. Patronus: Seekuh.

Von Tove Tovesson

„Die Hölle, das sind die anderen.“ Das Zitat aus Sartres „Geschlossene Gesellschaft“ fällt mir am Morgen nach den US-Wahlen wieder ein, aber mit mehr Bedeutungen als früher. Im Abi-Buch hatte ich es als Motto angegeben statt „Carpe diem“ oder irgendwas von de Saint-Exupéry. Wegen Mobbing und meines generellen Gefühls, dass man anderen hilflos ausgeliefert ist. Das hat vielleicht auch verhindert, dass ich den Text in irgendeiner Weise politisch gelesen habe, dabei steht doch sogar was mit Gesellschaft vorne drauf. „Vielleicht ist diese Welt nur die Hölle einer anderen Welt.“ (Aldous Huxley) Klingt auch ein bisschen so, als ginge es allen ungefähr gleich beschissen. Wir alle kennen das. Wirklich?

Geschockt, ratlos und in einer Abwehrhaltung nach den Wahlen? © Tine Fetz
Geschockt, ratlos und in einer Abwehrhaltung nach den Wahlen? © Tine Fetz

Am Morgen nach der Wahl hat sich der Personenkreis, der „das“ kennt, offenbar gehörig ausgeweitet. Aber, die Hölle, das sind immer die anderen, das Böse kommt von einem anderen Stern. Und es ist ja nicht so, dass Gut gegen Böse gekämpft hätte, sondern eher lawful evil :) gegen cHaOTIc EvIL >:DDD und dann hätte man noch Jill Stein wählen können. Das sind überhaupt die Schlimmsten, die Stein-Wähler*innen und natürlich die Nichtwähler*innen, knapp 47 Prozent der Wahlberechtigten. Die geben nämlich, das ist überall so, den Rechten ihre Stimme! Hot take: Den Rechten gibt eine Stimme, wer rechts wählt. Diese Leute wären quasi echte, legitime Ziele von Kritik, nicht Strohmänner. Aber die haben wir offenbar schon abgeschrieben, racists will be racists. Ein Trost: Das ist ja alles zum Glück nur in den USA so … Not my president. Gelobt sei diese Trennschärfe.

Es sind diese Selbstdistanzierungen und Kompartmentalisierungen, die den Kampf gegen Diskriminierung völlig verdrehen und letztlich sabotieren, sogar in linken Kreisen. Es ist die falsche Priorität, nur auf die eigene saubere Weste zu beharren. Ein knapper oder auch souveräner Wahlsieg für Hillary Clinton wäre keine Absolution der Gesellschaft gewesen: Es gibt immer noch zu viel Rassismus und Sexismus. Das Fatale am Sieg des lawful evil ist, dass man sich danach zu leicht zurücklehnt. Gott sei Dank, nur 49 Prozent entfesselte Faschos, statt 51! In absoluten Stimmen scheint das ja für die USA sogar zuzutreffen, gerechnet auf die wahlberechtigte Gesamtbevölkerung bleiben 18 Prozent Trump-Wählende. Bloß sind das immer noch zu viele. Auch mit einem anderen Wahlsystem genügt es nicht, wenn knapp die Hälfte oder auch nur ein Drittel oder Viertel der Wählenden menschenfeindlich (also: rassistisch gegen Latinx, Schwarze und muslimische Menschen, antisemitisch, frauenfeindlich, cis- und heterosexistisch) eingestellt sind. Diese Leute sind auch nach den Wahlen noch da. Unter anderem, weil auch Linke zu oft Entschuldigungen für sie finden, wenn sie als unsere Geschwister, Eltern oder Freund*innen daherkommen. Jetzt keinen Streit unterm Tannenbaum!

Bernie Sanders schreibt, er weigert sich zu glauben, dass die Hälfte der Amerikaner*innen rassistisch und sexistisch eingestellt sind. Ich glaube das auch nicht, ich denke, dass es mehr sind, wie in Deutschland, Österreich, England, Frankreich et cetera. Wenn wir Rassismus und Sexismus als gesellschaftsstrukturierend verstehen, werden sie zur Default-Einstellung. Sie sind opt-out, nicht opt-in, und sogar von den Betroffenen verinnerlicht. Gleichzeitig denken ca. hundert Prozent der Bevölkerung, sie seien nette Leute. Dazu gibt es einen sehr guten Text von Ta-Nehisi Coates. 

Wie also Diskriminierung als gesellschaftsstrukturierenden Mechanismus angehen, wenn nicht mal auf individueller Ebene Menschen, die einen offen rassistischen und sexistischen Mann zum Präsidenten wählen, einhellig als Rassist*innen und Sexist*innen benannt werden? Wenn selbst denen irgendwelche mildernde Umstände angedichtet werden oder glattweg auf Lügen ausgewichen wird, indem man einfach noch eine andere diskriminierte Gruppe unter den Bus wirft. „Die Ungebildeten und Abgehängten sind schuld, die wählen rechts!“ Noch mal: Rechte wählen rechts. Wer rechts wählt, ist rechts. Das ist keine Beschimpfung, sondern kohärente Sprache. Es scheint keinen anderen statistischen Zusammenhang mit Rassismus zu geben außer weißsein.

Mit Rassismus und Sexismus verhält es sich nicht wie mit Gender. Jemand ist nicht erst Rassist*in, wenn si*er sagt, „Hallo, ich bin übrigens Rassist*in.“ Und umgekehrt genügt es nicht zu sagen, ich bin antirassistisch oder profeministisch. Handlungen zählen, und dazu gehört, sich ggf. als durch Rassismus oder Sexismus privilegierte Person zu verstehen und das Unrecht darin zu erkennen. Und nicht die Abkürzung „Rassismus ist schlecht, ich finde mich nicht so schlecht, also kann ich kein Rassist sein.“

Wer dieser Tage zum ersten Mal apokalyptischen Horror und Gesellschaftspessimismus empfindet, möge bitte am Ball bleiben, statt auszuwandern. Betroffene von Rassismus leben so täglich und besonders gefährdet sind diejenigen an der Intersektion von race und Geschlecht, also Frauen und nicht-binäre Personen of  Color, die all das seit einer Ewigkeit analysieren und nur angehört werden müssten. Es ist jetzt nicht an der Zeit, Trump- und AfD-Wählenden und Identitären zuzuhören, sondern die Menschen in ihrer Schusslinie zu unterstützen. Nicht symbolisch mit Sicherheitsnadeln am Revers oder sonstigen leeren Gesten. Gegen Diskriminierung zu kämpfen ist nicht Aufgabe der Diskriminierten. Dennoch tun sie es oft, weil es eine existenzielle Notwendigkeit ist. Etliche Frauen of Color, von denen ich in den letzten Jahren auf Twitter gelernt habe, schreiben überwiegend unbezahlt. #GiveYourMoneyToWomen, viele könnten es sich leisten!

Nebenbei kurbelt Trump gerade erkämpfte Rechte von LGBTQ zurück. Gegen Diskriminierung zu kämpfen ist nicht Aufgabe der Diskriminierten. Trump wird europäischen Rechten zusätzlichen Aufwind geben, egal wie oft eine „wehrhafte Demokratie“ beschworen wird. Demokratie ist menschenfeindlich und gefährlich, wenn sie bedeutet, dass alles zur Verhandlung freigegeben ist und Minderheiten dabei nicht effektiv geschützt werden. Wenn Menschen brav zur Wahlurne traben, um über die Menschlichkeit anderer abzustimmen, ist es schon zu spät.

Es reicht nicht, selbst nicht in der Hölle zu sein, es darf auch niemand darin zurückgelassen werden.


Beitragsnavigation