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Ich will alles von euch wissen!

Die beiden Schwestern hinter Doctorella im Interview über Liebe, Schlager und Hörgewohnheiten.

08.12.16 > Musik

Von Lydia Meyer 

Kerstin und Sandra Grether: Zwillinge. Feministinnen. Musikerinnen. Kerstin schreibt seit den Neunzigern als Journalistin und Autorin über Frauen im Pop, Sandra setzte sich als Sängerin von Parole Trixi auf einer anderen Ebene mit der Thematik auseinander. Zusammen haben sie als Doctorella kürzlich ihr zweites Album veröffentlicht. Es nennt sich „Ich will alles von dir wissen“ und erschien auf dem frisch gegründeten familieneigenen Label Bohemian Strawberry, das sich explizit für die Förderung von Frauen im Pop einsetzt. Im Jahr 2016. Seriously? Klar. Ist nämlich leider immer noch bitter nötig. Im Interview erklären sie warum.

 © Doctorella
© Doctorella

Es ist 2016. Ihr engagiert euch seit den Neunzigern dafür, dass Frauen im Pop eine Stimme bekommen. Seid ihr nicht langsam müde? Woher nehmt ihr die Energie, euch weiterhin dafür starkzumachen, dass Frauen im Pop gehört werden?
Kerstin: Damals waren wir ja noch in der Schule, und es hieß immer: „Reg dich nicht so auf, in zwanzig Jahren hat sich das Problem von ganz alleine gelöst.“ Wenn man dann feststellt, es sind jetzt zwanzig Jahre rum, und es ist in Deutschland sogar noch schlimmer geworden, weil sich die Traditionen zementiert und reproduziert haben, dann bleibt die Energie von ganz alleine da, wird die Wut eher noch größer! Haben wir jetzt etwa gar nichts verändert in all den Jahren? Wir hatten für unsere Riot-Grrrl-Themen ja echt viel Öffentlichkeit, auch in den 90ern schon. Ich erinnere mich noch, wie Mitte der 90er der Musiksender VIVA 1 eine Stunde lang meine Thesen ausgestrahlt hat. Aber außer Sonntagsreden ist nicht viel gewesen.

Sandra: Die herkömmliche Musikbranche hat von den Erneuerungen, den ganzen pop- und queerfeministischen Blogs, Diskussionen, Demonstrationen, der weltweiten Öffentlichkeit für diese Themen so gut wie gar nichts mitgekriegt. Es ist schon komisch, wenn man von japanischen, polnischen und schwedischen Fernsehsendern zu bestimmten Themen aus „Popkultur und feministischer Politik“ interviewt wird, und fast alle Musikzeitschriften hierzulande dann sagen: „Das Thema ist nichts für uns, viel zu speziell.“

Ihr habt mit Bohemian Strawberry ein Label (plus Bookingagentur) gegründet, um explizit Frauenbands zu fördern. Wieso ist das heute immer noch notwendig? 
Sandra: Ja, wir haben ein Label mit Fokus on female Artists gegründet. Also der Fokus liegt auf Frauen, es kann aber schon auch mal vorkommen, dass wir ein Album von Jungs rausbringen. Das wirklich Schlimme am Indie hierzulande ist ja, dass kaum ehrlicher Dialog stattfinden kann. Viel zu oft bestreiten sie, dass sie auch einen Anteil daran haben, dass im Indierockbereich, auf Majorebene und erst recht im Bookingbereich so wenig authentische Musikerinnen aufgebaut werden – vor allem über Musik und nicht über Äußerlichkeiten. Dann sagen sie, Platten von Frauen verkaufen sich halt nicht. Aber warum soll ich mir auch ein Album kaufen von jemand, die über ihren Bauchnabel verkauft wird. Oder was für ein interessanter Typ „Frau“ sie ist. Gähn! Ich soll doch Musik kaufen, oder? Und der Style und das ganze Drumherum kommt in der Popkultur immer erst an zweiter Stelle. Nicht an erster, wie vielleicht auch manche Popfeministin denkt. „Normal“ ist, dass ich mir überlege, ob sie ein interessanter Typ ist, wenn ich ihre Musik spannend finde. Sonst ist es mir doch scheißegal, wie die aussieht und was für Klamotten sie trägt. Man muss ja nicht aus jedem Album von einer Musikerin eine Soziologiestudie machen. Es würde reichen, mal hinzuhören. Und dafür zu sorgen, dass sie auch noch ein zweites, drittes, viertes Album machen kann. Fällt den Leuten eigentlich gar nicht auf, dass jede Woche eine Newcomerin gehypt wird, für die sich ein halbes Jahr später keiner mehr interessiert? Wir wollen verdammt noch mal Künstlerinnen mit Substanz, die bleiben.

Kerstin: Uns ist aufgefallen, dass viele Entscheider in der Branche Schwierigkeiten haben, sich einfach mal vorbehaltslos eine Sängerin oder weiblich dominierte Band anzuhören. Wie auf Knopfdruck werden alle Klischees ausgepackt. Total krass ist es ja auch, dass es in Deutschland zum Beispiel kaum R’n’B gibt. Obwohl alle ständig zum Beispiel Beyoncé feiern. Weil der dann ja von Frauengesang geprägt wäre. Und wenn, dann heißt es sofort: „Deutscher Soul, das ist ja grauenhaft.“ Es kotzt uns an, dass gerade im Bereich deutschsprachige Songs ein unfassbares Ungleichgewicht herrscht. Sie sollen sich nicht immer auf schwedische und US-amerikanische Sängerinnen rausreden. Die haben sie ja schließlich nicht groß gemacht, sie haben nur die großen Promotionbudgets oder Bookingprozente im Kopf. Die sind null auf Risiko. Und so genau muss man bei englischsprachigen Songs ja auch nicht hinhören. Dann entsteht der Eindruck, es wäre alles okay mit Gender im Pop und so. Kotz.

Sandra: Das alles heißt jetzt aber nicht, dass wir eine Quote fordern. Wir müssen einfach die Hörgewohnheiten ein bisschen aufmischen, indem wir geile Musik veröffentlichen.

Apropos Hörgewohnheiten – beim ersten Hören eurer neuen Platte denkt man an Schlager, vielleicht an die Lassie Singers und Britta – mit der Zeit tut sich dann aber die musikalische Vielschichtigkeit des Albums auf.  Was ist das für ein Genremix?
Sandra: Wir nennen es Synthie-Rock-Chanson-Folk-Americana-Pop (☺). Auf keinen Fall Schlager. Aber wir kapieren auch, dass es etwas Reizvolles hat, wenn „Schlager“ so ein ganz kleines bisschen durchschimmert. Böser Schlager! Oder vielleicht auch eher NDW! Ich freue mich, dass du sagst, dass sich dir die Vielschichtigkeit des Albums erschließt. An dieser vielschichtigen Instrumentierung (zusätzlich zu den Basics: Bläser, Akkordeon, Ukulele, Synthies, Orgeln usw.) und dem Genremix haben wir viel gearbeitet und lange abgemischt. Es ging um die Pole „poppig“ und dann aber auch wieder nicht „zu poppig“. Also da die Balance zu finden. Irgendwo muss dann auch immer noch eine Feedback-Gitarre kommen oder ein fieser Orgelton lauern oder auch ein komisches Wort wie „Aggregatzustand“, das man eigentlich nicht in einem Popsong erwarten würde. Oder wir reimen „Erdbeerfelder“ auf „Feuermelder“. Dann wollte ich auch unbedingt ganz viele Akustikgitarren, weil die machen, dass man die Lieder öfters hören will.

Ihr singt erstaunlich oft von Liebe. Bedient ihr hier vor allem ein Popmuster, spielt Lieben und Liebe tatsächlich eine so große Rolle in euren Leben oder ist das ein komplett ironischer Zugang?
Kerstin: Gestern, nach einem unserer Konzerte, hat der tolle DJ noch 70er-Jahre-Disco, 80er-Jahre-New-Wave, 90er-Jahre-Britpop und 00er- und 10er-Jahre R’n’B gespielt, und mir ist mal wieder aufgefallen, dass all diese berührenden Evergreens, die die Leute auf die Tanzfläche ziehen, im Kern von Liebe handeln. Wohlgemerkt im Kern. „Boys don’t cry“ von The Cure ist auch ein Liebeslied, aber es geht eben auch noch darum, dass Jungs* nicht weinen dürfen. „Survivor“ von Destiny’s Child ist auch ein Liebeslied, aber es handelt eben auch noch empowernd davon, wie Frauen* sich nicht unterkriegen lassen. Ich habe beide Lieder schon auf feministischen Demonstrationen gehört. Das ist genau unsere Auffassung von „Liebeslied“. Es muss immer auch noch von was anderem handeln. Nur dann ist es so richtig tief. Dieser Effekt von Liebesliedern liegt natürlich daran, dass alle Menschen früh verstörte Wesen sind, weil sie von der Liebe ihrer Eltern abhängig waren, als sie verletzbare ohnmächtige Kinder waren. Der Krug geht ja bekanntlich so oft zum Brunnen, bis er bricht. Und das Tolle an Popsongs: dass wir dort in einem glamourösen Rahmen unsere frühkindlichen Erfahrungen fühlen können, ohne dass wir es überhaupt merken. Daran ist nichts ironisch. Deshalb gehen diejenigen am glücklichsten nach Hause, die bis halb fünf auf der Tanzfläche mit all den Monstersongs durchgehalten haben. Und das ist unser Schicksal: Solche Songs wollen wir schreiben.

Sandra: Natürlich spielt Liebe eine große Rolle in meinem Leben. Aber uns geht es zum Beispiel auch darum, auf Definitionsmacht im öffentlichen Raum hinzuweisen. Wo kämen wir eigentlich hin, wenn im (Indie-)Radio und auf Rock-Bühnen und somit im öffentlichen Raum nur (Liebes-)Lieder laufen, die von weißen heterosexuellen Männern geschrieben und gesungen werden? Wir können doch die Definition von Liebe, Sexualität (denn davon handelt die Doctorella-Platte ja auch: Sex!) und Beziehungen nicht nur den männlichen Minnesängern überlassen. Vielleicht haben wir ja tatsächlich noch mal eine andere Perspektive auf diese Themen. Der Song „Nur die Gefühle sind echt“ ist zum Beispiel aus der Perspektive einer Liebespsychose. Es ist kein Heile-Welt-Lied, sondern es kritisiert genau diese Heile-Welt-Lieder, die uns als Liebeslieder verkauft werden. Ein Antischlager. Das Lied ist vielleicht von Hildegard Knef beeinflusst. Knefs „Eins und eins, das macht zwei“ zum Beispiel ist ein Song über Moral und Angst vor starken Gefühlen.

Kerstin: Dieses Album ist von seinem gesamten Gestus her auch ein Statement gegen den Hass. Es geht um Dialog und Vielfalt. Es ist eher ein gesellschaftskritisches Album, das vom Erleben des Individuum ausgeht, als ein ausgesprochen politisches Album. Die Diskurse hallen so im Alltag der Einzelnen nach. Es gibt durchaus Songs auf dem Album, die man als ausgesprochene „Hymne zur Zeit, in der wir leben“, bezeichnen könnte. „Nur die Gefühle sind echt“ gehört nicht dazu. Nimm lieber das brachial-rockige „Die Ungeheuer mit den sauberen Händen“, das von Psychopathie handelt, das kann man gerne auf Trump und postfaktischen Rechtspopulismus übertragen: „Ihre Hände haben kein Herz und ihr Herz hat keine Hände.“ Oder die zartromantisch-revolutionäre Trompetenballade „Vielleicht ist heute der Tag“, die sich fragt, woher Hoffnung nehmen, wenn ich schon weiß, ich bin Teil einer diskriminierten Gruppe, von Chancenungleichheit betroffen, denn „die Sieger steh’n mal wieder / schon am Anfang fest.“

Sandra: Dieses Implizite am Politischen fand ich auch viel reizvoller. Es war geradezu der Kick beim Schreiben! Es eben mitklingen zu lassen, dass auch die politischen Kämpfe, die wir ja zeitgleich geführt haben, da so einfließen. Aber vielleicht mal nur als ein oder zwei Phrasen pro Song oder als eine Strategie in der Form des Songs. Oder auch in der Ästhetik des Artwork (die blutenden Erdbeeren usw.). Aber eben meistens nicht als Parole.

 © Doctorella Doctorella „Ich will alles von dir wissen
Bohemian Strawberry, bereits ersch.

Welche Rolle spielt Humor für euch als Band – sowohl auf textlicher als auch auf musikalischer Ebene?
Kerstin: Es gibt nichts Geileres und Poetischeres, als wenn ein Satz auch noch sein Gegenteil bedeuten kann. So was lieben wir! Aber trotzdem muss es noch eine Erdung haben. Was wir hassen, ist Humor auf Kosten anderer. Kommt bei uns nie vor.

Sandra: Wir zitieren in unseren Songs ja auch Musikstile. Wir halten es da mit Sleater-Kinney: In der Art und Weise wie sie ihre Gitarrenriffs spielen, weiß man manchmal nicht mehr, ob sie damit männliche Rockkultur persiflieren oder neu definieren oder einfach nur Bock drauf haben. So in etwa würde ich das über uns auch sagen. Also bezogen auf Synthie-Pop, Folk, Punk und (Deutsch-)Rock.


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