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Szenen einer Samenspende

Alle sprechen über Social Freezing. Aber was ist eigentlich, wenn der Samen fehlt, um eine Eizelle zu befruchten? Unsere Gastautorin Susanne Scheerer berichtet in einer kleinen, sehr persönlichen Serie von der Samenspende ihres Ehemannes.

30.10.14 >

Teil I
Bald ist der Tag gekommen. Der Tag an dem mein Mann das Haus verlässt und hoffentlich mit einer anderen Frau ein Kind zeugt. Ich weiß es und ich will es.

Ich bin aufgeregt. Wir sind es alle. Und endlich, nach einem knappen halben Jahr, weiß ich, warum wir es machen. Das Begreifen liegt in der Zukunft – immer.

Die Frage kam in unser Leben gebrochen. Wir befanden uns in einem denkbar schlechten Zustand. Ehekrise, Berufskrise, kleines Kind. Und trotzdem schien die Antwort einfach, leicht und im Einverständnis. Ja. Ja, wir wollen einem lesbischen Paar Samen spenden. Gleichzeitig und schnell kroch ein Zweifel heran: Warum denkt sich der Gedanke so einfach, leicht und im Einverständnis? Sind wir naiv? Sind wir altruistisch – oder gerade deswegen eher narzisstisch? Was suchen und versprechen wir uns davon?

(Anm. der Redaktion: Der Text thematisiert internalisierte Homophobie)

 

Ohne Antworten haben wir die beiden getroffen. Die Begegnung erzeugte eine große Ruhe in mir. Zwei sympathische Frauen, vielleicht zwei tolle Eltern. Sie sind verheiratet. Die eine hat schon lange den Wunsch, Mutter zu werden. Ich merke schnell, mir geht es nicht um diese beiden Menschen – nicht darum, DIESEN beiden den sehnlichen Kinderwunsch zu erfüllen. Es geht um etwas Anderes, worum weiß ich auch noch nicht. Aber es darf nicht darum gehen, was sie für Eltern wären, sage ich mir immer verzweifelter.

Ich befinde mich in einem Dilemma. Je mehr mein Kopf beharrt, dass das kein Kriterium sein DARF, desto weniger kann ich mich der Sympathie-Frage erwehren. Die Antwort auf die Frage, spenden wir Samen an ein Paar, was sonst keine Kinder bekommen kann, bedarf einer anderen Motivation als den Gedanken, dass sie es verdient hätten. Wer bin ich denn, zu bestimmen, wer möglicherweise gute Eltern sein könnten. Je länger ich denke und spreche, desto mehr Warums entstehen. Warum spenden? Warum diesem Paar? Warum wir? Nichts löst sich, nichts erlöst mich. Die Frage nach dem Warum bleibt. Die beiden Menschen auch.

Ihr Wunsch und meine Frage an mich selbst sind für die nächsten Wochen mein subtiler und ständiger Begleiter.

Dann, ein Gespräch mit meinen Eltern. Sie explodieren mir förmlich ins Gesicht. Ich höre die Stimme meiner Mutter brechen. Ich weiß, sie wird diese Nacht schlecht schlafen. Ich spüre ihren unglaublichen Druck, zu mir durchdringen zu müssen. Aber ich bin doch da, höre zu. Ich bin nicht verrückt und unzurechnungsfähig. Ich sehe die Situation einfach nur anders.

Es geht um ihre Angst. Angst um mich, um uns, um die Familie, unser Kind. Ein unkontrollierbarer Zustand, ein Mensch der noch entsteht, mit dem man keinen Vertrag schließen kann – noch nicht. Der Bedürfnisse haben wird und vielleicht Forderungen. Wissen wir, was wir tun? Worauf wir uns einlassen? Kann unsere Ehe das aushalten? Was ist mit unserer Tochter?

Ich weiß es nicht, Mama. Ich weiß es doch auch nicht.

Und dann schlussendlich homophobe Ressentiments. Was macht das mit einem Kind, gleichgeschlechtliche Eltern?

Auch das weiß ich nicht.

Die Frage nach dem Warum bleibt. Trotzdem, die Sicherheit, dass das der richtige Weg ist, wächst.

Hier geht es zu Teil II

  • Marjella

    … danke für diesen Beitrag, für’s Teilen der Gedanken, der Unsicherheit auf der einen Seite und der Gewissheit auf der anderen Seite… das wirkt auf mich sehr sympathisch :-) Mir kam intuitiv der Gedanke: vielleicht ist es einfach schön, zu wissen, das eigene Kind könnte ein Geschwisterchen bekommen…?!? Ich glaube, diese Fragen nach dem Wie wird es sein? und Was kommt auf uns zu? stellen sich zwar fast immer, aber beantworten lassen sie sich nie… genauso wie sich die Frage vor einer Geburt: wie wird mein/ unser Kind SEIN? nicht beantworten lässt… Ich persönlich finde es wichtig zu wissen, was will ich dem neuen Leben geben… z.B. die Zusage der zukünftigen Eltern, mit dem Kind von Beginn an offen über den Entstehungsweg zu sprechen und selbst die Möglichkeit zum Kontakt zu geben. Alles Gute für euch und eueren weiteren Weg!

  • Susanne

    Liebe Marjella, danke für deinen Kommentar.
    Es ist berührend für mich, dass du bei meinen Gedanken andocken kannst. Zu deinen Fragen:
    in unserer aller Köpfe, wird es nicht das Geschwisterkind sein. Wir denken nicht über Co-parenting nach. Die Berührungspunkte sich erstmal ausschließlich die Samenspende.
    Für uns ist es nicht ganz einfach einen Weg zu finden um sicherzustellen, für unsere Tochter kein Geheimnis daraus zu machen, ihr aber auch klar zu signalisieren, es wird nicht dein Geschwisterkind und wir haben kein Anrecht auf diesen Menschen -was durch Neugier bei Kindern natürlich gleich entsteht. Ein teilhaben wollen.

    Du hast total Recht, dass selber ein Kind zu bekommen die gleiche Unsicherheit auslöst und Fragen aufwirft, die vorher nicht beantwortet werden können. Aber es sind für die meisten Eltern doch sehr ähnliche Fragen und dadurch hat man eine peer-group mit der man teilen und diskutieren kann. Die fehlt uns in diesem Kontext sehr.

    Also ähnliche Verunsicherung – aber neue, fremde Fragen und niemand in unserem Umfeld, der seine Expertise teilen könnte.

    Ich bin guter Dinge. Vielen Dank für deine Wünsche. Am Freitag kommt der nächste Gedankenschwung :)

  • Catherine Gutharf

    Mich als Lesbe verletzt der Text. Mag sein , dass Heteras das als Stärkung empfinden. De facto bedient es weiter homophobe Ressentiments. Sehr schade! Von Missy hätte ich anderes erwartet.

  • Stefanie Lohaus

    Liebe Catherine,

    Die Autorin geht sehr ehrlich mit ihrer internalisierten Homophobie um. Ja, das viele Menschen homophob sind (gemacht wurden), sogar wenn sie es nicht sein wollen, ist verletztend, sehr sogar.

    Ich denke aber nicht, dass ein nicht-mehr-darüber-reden, uns weiter bringt. Im Gegenteil, der Tenor von Kelle über Matussek lautet doch gerade „ich bin doch nicht homophob/ rassistisch/XY, aber die sollen mal XY.“

    Aber du hast Recht, man sollte die Möglichkeit bekommen, den Text nicht zu lesen, wenn man da keinen Bock drauf hat. Ich bau eine Triggerwarnung davor.

    Danke für deine Anmerkung
    Stefanie

  • Susanne Scheerer

    Liebe Catherine,

    Ich habe mich ziemlich über deinen Kommentar erschreckt. Erschreckt, weil ich mit Sicherheit niemanden verletzen will – das Gegenteil sogar. Ich möchte mit den Dingen die ich in den verschiedenen Bereichen meines Lebens tue dazu beitragen, dass Diskriminierung, offene Aggressionen und Ressentiments gegen jegliche Menschengruppe thematisiert und abgebaut werden.

    Unter dem Schreck liegt eine Hilflosigkeit. Nämlich, dass ich nicht genau weiß, was dich genau an dem Text verletzt hat. Ich kann ahnen, dass es um den Abschnitt mit meinen Eltern geht und kann mir jetzt nach deiner Reaktion vorstellen, dass es furchtbar sein kann so etwas zu lesen.

    Darf ich dich bitten genauer zu erklären was du meinst, damit ich mehr die Möglichkeit habe aus meiner Sozialisation (weiße, akademische Jüdin, cis-frau) herauszutreten und zu begreifen, was passiert ist?

    Vielen Dank für deinen Kommentar

  • Catherine Gutharf

    Sicherlich ist es richtig Raum für kritische Selbstreflexion bezüglich eigener verinnerlichter Homophobie zu bieten. Andererseits habe ich mit meiner Biographie als lesbische Frau wenig Freude daran, dass mir entsprechende Vorbehalte zu diesem Thema immer weiter vorgekaut werden. Außerdem entsteht hier schlichtweg der Eindruck, dass eine weiße heterosexuelle Cis-Frau die Deutungshoheit über dieses Themengebiet an sich reißen will. Und das geht einfach gar nicht. Ich muss mich weder rechtfertigen noch erklären wann, wo, wie und von wem ich ein Kind bekomme. Und nein, ich brauche nicht die Güte und Nettigkeit der heterosexuellen Menschen, die so freundlich sind mal nachzudenken und dann sich herablassen, Samen zu spenden. Denn genauso wirkt es – herablassend. Und das habe ich und alle anderen in dieser Situation nicht nötig.

    Kurz und gut – eine Triggerwarnung ist hierbei das Mindeste! Denn die Autorin weiß offensichtlich nicht, wie sich ihr Text aus Betroffenensicht liest.

  • Stefanie Lohaus

    Mmh, wieso denken Sie, Frau Scheerer möchte die Deutungshoheit für das Thema an sich reißen? Sie schreibt doch aus einer subjektiven Perspektive heraus und spricht nicht für andere/die Allgemeinheit. Wir (Missy) bemühen uns um vielfältige Perspektiven, denn nur so kommen wir weiter. Gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern oder Trans*familien waren schon öfter Thema im Heft. Es gibt auch z.B. eine Serie mit Erfahrungen zu Transition hier auf der Seite. Nun also auch eine Hetero-Perspektive auf das Thema, die vielleicht auch unangenehme Wahrheiten zum Status Quo der Gesellschaft reflektiert. Wie gesagt, Trigger verstehe ich, aber warum das hier nicht stattfinden sollte, verstehe ich nicht.

  • Susanne Scheerer

    Liebe Catherine,

    Ich will unter keinen Umständen die Deutungshoheit an mich reißen. Ich bin selbst mehrfach gefragt worden, warum ich darüber schreiben würde, wo die Perspektive der Mütter oder des Spenders sehr viel interessanter sei. Und ja, ich glaube, dass meine Perspektive es nicht leisten kann ein Bild davon zu zeichnen, das der Position der beiden Frauen auch nur annähernd gerecht wird. Ich erhoffe mir einen Dialog und unbedingt sind alle und andere Perspektiven genauso relevant und Teilens wert.

    Ich glaube auch, dass sich niemand rechtfertigen sollen muss wann, wo, wie und von wem
    er/sie Kinder bekommt und kritisiere explizit, dass Homosexuelle Paare in einer Abhängigkeit bezüglich ihrer Kinderwünsche leben, die nicht tolerierbar ist. Damit setzte ich mich auch noch mal genauer im Teil 2 auseinander.

    Ich erkenne an, dass es unhaltbar ist, dass ich in eine Position rutsche scheinbar darüber entscheiden zu müssen ob jemand Eltern werden darf und vordere von mir und meinem Partner, die Entscheidung eben nicht davon abhängig zu machen. Sondern mehr davon, ob wir als Familie das leisten können. Um das ganz konkret zu benennen: Können wir damit umgehen, wenn das Kind den Vater kennen lernen will.

    Diese Fragen stelle ich mir klar unabhängig von der Sexualität der Eltern. Die Frage ob man Samen spendet verunsichert gleichermaßen wenn die Eltern hetero sind.

    Ich wünsche mir eine Welt in der Niemand von Irgend-jemands Güte abhängig ist um Kinder zu bekommen. Ich würde mich freuen, wenn du den zweiten Teil liest und mir ein Feedback dazu gibst, ob klarer wird, worum es mir geht.


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