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Szenen einer Samenspende: Teil II

Löst sich das Politische nur im Privaten? Unsere Gastautorin Susanne Scheerer berichtet in einer kleinen, sehr persönlichen Serie von der Samenspende ihres Ehemannes.

14.11.14 >

Die als Wut getarnte Angst meiner Eltern sitzt in mir und zwingt mich zu denken. Ich suche Gespräche. Ich rede und rede, rede mich an den Kern heran, mit immer mehr Menschen. Die Reaktionen sind vielseitig, glühend begeisterte Gesichter, liebevolle Bestätigung, Mutbekundungen, Irritation und völliges Unverständnis. Der Gedanke: Ich muss, muss die Entscheidung tragen können, ein Leben lang. Wir müssen. Er wird immer präsenter, zwingender. Löst sich von allem Gehörten.

(Anm. der Redaktion: Der Text thematisiert internalisierte Homophobie)

Dann ein fast erlösendes Gespräch mit einem Freund über die Flüchtlinge in Berlin. Wir sprechen über Verantwortung und darüber wie sich der Staat jede Form von Protest einverleibt, ihn benutzt und wiedergekäut ausspuckt – ihn vernichtet. Der Protest der Flüchtlinge und ihrer UnterstützerInnen bleibt ungehört, verändert nichts. Die Menschen werden vom Staat kriminalisiert – ihre Stimme gegen sie verwendet. Auf einmal verstehe ich, beginne den Weg zu erkennen. Die Antwort auf das Warum. Endlich.

Es gibt Bereiche im Privaten, die sich der Staat nicht nehmen kann – die geschützt sind. Wie kann ich diese Bereiche nutzen, um politisch zu Handeln? Es geht mir nicht um den Kinderwunsch dieser beider Menschen, es geht um den politischen Kontext. Wieso darf der Staat bestimmen, was eine Familie ist? Warum ist der Gang für ein lesbisches Paar zur Samenbank immer noch so steinig und abhängig von vielen Menschen die ‚ein Auge zudrücken’? Warum gibt es keine Geburtsurkunden mit dreifacher Elternschaft? Wieso ist die Sexualität der Eltern ein Faktor, in den sich der Staat einmischt, wenn es darum geht ob man ein Kind haben darf oder nicht, aber nicht die Frage nach zum Beispiel Traumata, Bindungserfahrungen und Verantwortungsbewusstsein der werden wollenden Eltern? Deshalb müssen wir es tun.

Und gleichzeitig der Schreck über mich selber, wenn ich in den Spiegel schaue und lang und hart nachdenke. Ist das nicht schrecklich neoliberal? Alles Politische löst sich im Privaten? Die Verantwortung des Staates erodiert? Wenn alle homosexuellen Paare im Privaten unter großen Mühen, Lösungen für die Kinderfrage suchen, entbinden wir den Staat dann nicht aktiv der Verantwortung?

Ich vergrabe mich in Hannah Arendt und soviel räsoniert mit mir: Der Gedanke vom privaten Handeln als politischen Moment und der positive Machtraum, der dadurch entsteht. Ich kann besser beim englischen Wort des empowerment andocken. Ich fühle mich nicht unbedingt mächtig, aber in jedem Fall sehr selbstbestimmt. Ich verstehe: Ein richtiger Gedanke reicht nicht. Nur Aktion kann gestalten und neue Räume eröffnen und entwerfen. Und mir wird klar: Wenn das der Ursprung des Ja ist, dann braucht unsere Entscheidung eine Plattform – Sichtbarkeit.

Was ist, wenn es immer mehr Kinder aus gleichgeschlechtlichen Ehen gibt, in jeder Kita, jeder Schulklasse, jedem Hort. Wenn alle hinschauen müssen und erkennen: diese Familien sind wie Familien eben so sind. Sie sind gut in einigen Dingen und nicht so gut in anderen. Sie versuchen und leben wie wir. Und wer ein Kind hat weiß, die verschiedenen Erziehungsstile zu akzeptieren ist unter Eltern das schwierigste. Auch das wird hier, bei diesem lesbischen Paar, nicht anders sein.

Ich verstehe immer mehr, langsam sinkt es ein. Ich bin nicht grundsätzlich neoliberal, weil ich nicht grundsätzlich glaube, dass nur über das Private Gesellschaft verändert werden kann. Aber hier in diesem Fall, für uns – hoffentlich bald – sechs Menschen ist es das Richtige.

Erst das Erleben von Dingen bewirkt ein tiefes Wissen, fördert ein Begreifen und befreit mich von der Angst vor dem Anderen.
Das System ist offensichtlich unfähig die Kinder-Frage von homosexuellen Paaren zu steuern, hat keine Antworten oder versucht eine Lösung aktiv zu verhindern. Was ist aber, wenn ich will, dass die Welt in der ich lebe anders aussieht? Wenn die Gesellschaft also die Erfahrung braucht, Familien mit gleichgeschlechtlichen Eltern zu erleben um eine Gesellschaft zu gestalten in der es überhaupt erst Raum für gleichgeschlechtliche Eltern gibt, dann muss ich das möglich machen.

Was kommt zuerst? Ein Gesetzt oder Teile der Gesellschaft, die Handeln?

Unabhängig von diesem Konflikt scheinen Arendts Thesen ein Loch zu haben, in dem ich mich wiederfinde. Was ist mit den Menschen, die nicht denken, sprechen oder handeln können? Und ja, das ist in diesem Fall ein Problem. Die beiden Frauen können wohl denken und sprechen. Aber sehr offensichtlich ist den beiden allein das Handeln nicht möglich. Sie brauchen immer einen Dritten dazu. Diese Notwendigkeit macht sie unfrei und erzeugt sofort eine Abhängigkeit. Eine Abhängigkeit, die ein heterosexuelles Paar nie erfahren wird. Es gibt also das rein körperliche, was – und das muss ich in diesem Moment erwähnen – für Frauen um einiges leichter zu überwinden ist, als für homosexuelle Männer. Und dann sehr schnell ein institutionelles Hindernis.

Ich habe das tiefe Bewusstsein, dass es meine Verantwortung ist zu Handeln – für mich und für Menschen die es nicht können. In so einer Gesellschaft will ich leben. Davon kann ich nicht immer nur sprechen. Ich muss es tun. Darum.

Hier geht es zum ersten Teil der Serie.


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