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Kick it like – who? Über das Fehlen von Kickerinnen in den Medien

Am 6. Juni startet die Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen. Und kaum jemand berichtet im Vorfeld davon. Über das Fehlen von Kickerinnen in den Medien, heute und damals.

04.06.15 >

Von Daniela Chmelik
Sämtliche Kicker und Superkicker, die mit immer größer werdenden Anime-Augen eine unrealistische Ewigkeit lang über das Spielfeld hechelten, um schließlich ein spektakuläres Tor zu schießen, waren Jungs. Die Mädchen in Zeichentrickserien wie „Die tollen Fußballstars“, „Captain Tsubasa“, „Kickers“ oder „Die Champions – Anpfiff für 11 Freunde“ agieren im Hintergrund.

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Bei „Kickers“ müssen die Mädchen am Spielfeldrand bleiben.

In der Regel gibt es in diesen Serien genau ein Mädchen, das seine Position am Spielfeldrand hat, für den Mannschaftskapitän schwärmt und dem Anfeuerungsteam vorsteht. Dabei ist sie durchaus durchsetzungfähig, spricht strenge und motivierende Worte, liefert Ideen, tröstet nach Niederlagen und stiftet Versöhnung im Team.

In der Anime-Fernsehserie „Kickers“ klimpert das fußballerverrückte Mädchen im Intro mit ihren Kulleraugen, zeigt sich auch im Verlauf der Serie als Bewunderin der mutigen Taten ihrer Jungs, ist zwar auch pragmatisch im helfenden Handeln, aber eben … Beiwerk. Die etwa sechszehnjährige Kazumi in „Die Champions“ ist sexy-taff, motivierend und wehrhaft, gewissermaßen sogar Managerin des Fußballteams ihrer Schulklasse, und alle Jungs sind in sie verliebt.

Diese Rollenzuschreibungen und die Marginalität der weiblichen Charaktere in Fußball-Zeichentrickfilmen meiner Kindheit und Jugend waren typisch und prägend. Die sehr eingeschränkten Identifikationsangebote wiesen mir einen Platz am Spielfeldrand zu. Selberspielen war nicht vorgesehen. Auch abseits des Fernsehprogramms nicht: Weder mein Vater, der eine Jugendmannschaft trainierte, noch meine Mutter, Verwandte, Bekannte, Schule, Freund*innen oder ein Verein luden ein. Meine Fußballbegeisterung blieb passiv.

Ich ging Turnen.

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In der Science-Fiction-Welt von „Galactik Football“ ist Platz für Frauen.

2006, im Jahr des sogenannten Sommermärchens (in dem die Männer-Nationalmannschaft den WM-Titel im eigenen Land nicht gewann, als Drittplatzierte dafür aber zum Meister der Herzen deklariert wurde) erschien in Frankreich die Zeichentrickserie „Galactik Football“. Sie handelt von Fußball in einer fernen Zukunft. Eine galaktische Energie ergreift alle Lebewesen, sobald sie sich in einem Teamgeist-Modus befinden, und macht sie zu überirdisch guten Fußballern und Fußballerinnen.

Neben dem Captain Rocket, der eine Ausbildung zum Floristen macht, gehören auch zwei Mädchen zum Team: Tia und Mei. Letztere ist taff, zugleich stets auf ihr Aussehen bedacht und macht in jeder Lage eine gute Figur. Tia ist ein Ausnahmetalent, eine fantastische Fußballerin, die sich wenig um ihr Erscheinungsbild schert. Juhu! Gleich zwei funktionierende Identifikationsfiguren für fußballverrückte Mädchen.

Diesen Herbst soll das Computerspiel „FIFA 16“ erscheinen, in dem wir erstmals auch unter zwölf Frauen-Teams wählen können. Allerdings sehen die Fußballerinnen aus als wären sie grafisch schlicht auf bestehende männliche Körper gesetzt. Leider dürfen sie auch nicht mit oder gegen Männer spielen. Aus der Gamer-Szene kommt in Online-Foren aber ganz andere Kritik: Von „Frauen gehören in die Küche und nicht an oder in meine Xbox“ bis hin zu „Frauen und Fußball ist wie Playstation ohne Controller“ ist alles dabei.

Hierzu ein Zitat des Discover Football Clubs in Berlin-Kreuzberg, der sich für diskriminierungsfreien Fußball engagiert: „Fußball, der Nationalsport in Deutschland, ist ein Spiegel der Geschlechterhierarchie in einer männlich dominierten Gesellschaft. Lange wurde Fußball als reiner Männersport und mit ihm ein bestimmtes Männlichkeitsideal vehement gegen das Eindringen alles ,Weiblichen‘ verteidigt und es entstanden sexistische Stereotype, die noch heute sehr wirksam sind.“ So ist es.

Keine 11 Freundinnen dieses Jahr

Wie fies tief unter der Gürtellinie Kommentare in Online-Foren abgelassen werden, ist hinlänglich bekannt. Trotzdem war ich fassungslos, als ich kürzlich nachsehen wollte, ob das Magazin „11 Freunde“ zur kommenden WM wieder eine Beilage „11 Freundinnen“ bringen würde und dabei die Kommentare zu einem vergangenen Versuch durchsah. Ungehemmt holen User hier ihren Sexismus aus der untersten Schublade. Die Männer, Leser eines Magazins für Fußballkultur, fühlen sich offensichtlich auf den Schwanz getreten. Herrjemine.

Es war mir schon vorher aufgefallen, dass in der sonst eigentlich ansprechenden Zeitschrift Frauen nicht vorkommen (mit der Ausnahme sie beschäftigen sich mit Männerfußball). Nach dem Shitstorm zur „11 Freundinnen“-Ausgabe kann ich mir vorstellen, warum. Aber deswegen Frauen im Fußball zu verschweigen, ist falsch.

Dieses Jahr gibt es keine Neuauflage der „11 Freundinnen“. Warum das so ist, darauf habe ich keine Antwort bekommen. Auch nicht auf die Frage, warum die Bundesliga der Frauen keinen Platz mehr in der Sportschau hat. Auch auf Hartplatzhelden, einer Video-Platform für Amateurfußball, keine Heldinnen.

Die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF übertragen die Weltmeisterschaft zwar. Doch: Derart wenig wird im Vorfeld über diese Fußball-WM berichtet, dass ich immer wieder an ihrer Existenz zweifle. Aber lasst euch gesagt sein: Es gibt sie! Anpfiff ist am 6. Juni.

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Tipps

Frauen*-Fußball-Festival

BEYOND (B)ORDERS – Grenzen im und mit Frauen*-Fußball überwinden, organisiert von dem Verein Discover Football, gefördert von der Friedrich Ebert-Stiftung: 4. Juni 18-20 Uhr (Konferenz) in der Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin, sowie 30. Juni bis 5. Juli (Workshops, Ausstellungen, Diskussionen, Turnier) im Willy-Kressmann-Stadion in Berlin.

Filme

Eine andere Liga (Spielfilm, Buket Alakus, 2006)
FC Venus (Spielfilm, Ute Wieland, 2006)
Poldis Engel (Kurzfilm, Tina von Traben, 2006)
She’s the Man – Voll mein Typ! (Spielfilm, Andy Fickman, 2006)
Fußballgöttinnen (Dokumentarfilm, Nina Erfle, 2006)
Kick it like Sara (Spielfilm, Norm Hunter, 2007)
Die besten Frauen der Welt (Dokumentarfilm, Britta Becker, 2008)
11 Freundinnen (Dokumentarfilm, Sung-Hyung Cho, 2013)


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