Auf hoher See – in getrennten Booten

Warum ich mich als muslimische Frau doppelt verarscht fühle.

24.03.16 > Emine Aslan
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Emine Aslan
Emine studiert Soziologie an der Goethe Uni Frankfurt am Main und engagiert sich ehrenamtlich gegen Rassismus und Mehrfachdiskriminerung. Sie bloggt auf Diaspora Reflektionen, gründete letztes Jahr die PoC Hochschulgruppe Mainz mit und ist Vorstandsmitglied bei #SchauHin. Postkoloniale Perspektiven sind für sie sowohl für Feminismen als auch andere Bereiche unverzichtbar.

Von Emine Aslan

Wenn Sexismus und Rassismus gegeneinander ausgespielt werden, fühle ich mich unter Beschuss von weißen Frauen und meinen Brüdern. Vor einigen Monaten entbrannten wütende Diskussionen über muslimische Männer, die Frauen zur Begrüßung nicht die Hand geben wollten. Bald darauf immer wieder von neuem entfachende Debatten über „patriarchale männliche Geflüchtete“. Die jüngsten Schlagzeilen machten die sexuellen Übergriffe zur Silvesternacht in Köln. In all diesen Fällen wird das Verhalten von Individuen ethnisiert. Sowohl körperliche Selbstbestimmung, als auch sexistisches Verhalten wird zum „herkunfstbedingten“ Problem erklärt.

© Tine Fetz
„Die rassistische Gewalt, die wir Frauen* of Color erfahren, ist von patriarchalen Machtverhältnissen in dieser Gesellschaft nicht loszulösen.“ ©Tine Fetz

Als muslimische Frau fühle ich mich doppelt verarscht. Ich fühle mich doppelt verarscht, weil Sexismusdebatten dann besonders empören und anschlussfähig werden, wenn sie die gern gesehene Opfer-Täter Konstellation bedienen. In dieser Konstellation ist es die weiße deutsche Frau, die vom Schwarzen und/oder muslimischen Mann bedroht wird. Als muslimische Frau fühle ich mich doppelt verarscht, weil diese wannabe-feministischen Empörungen zum Einen geheuchelt sind und zum Anderen wieder im Nichts verschwinden werden, wenn sie denn nicht gerade dazu gebraucht werden können, Stimmung gegen Geflüchtete und/oder muslimische Männer zu machen.

Ich komme mir so verarscht vor, weil ich sowohl von Rassismus als auch Sexismus betroffen bin, aber das Eine erst dann Beachtung findet, wenn es das Andere bedient. Weil die eine Debatte angegriffen wird und die andere auch. Weil ich in beiden Fällen die Arschkarte ziehe.

Genervt bin ich aber auch von jenen Leuten, die die anti-rassistischen Reaktionen zum Kölner Vorfall feiern, aber sonst auch nichts von Sexismus hören wollen. Ja, es ist rassistischer Bullshit, dass in den Berichterstattungen von „nordafrikanischem Aussehen“ die Rede war und ist. Ja, ein unglaublich großer Teil der Empörungen sind rassistisch motiviert. Ja, selbst bei der gesellschaftlichen Anprangerung von Sexismus kommt der weiße Mann davon, während der Schwarze und/oder muslimische in einer „selbsterfüllenden Prophezeiung“ aufgeht.

Doch check your intentions please. Durch das gegenseitige Ausspielen von Rassismus und Sexismus kommen wir Frauen* of Color doppelt zu Schaden. Unsere Artikulationsräume werden eingeengt. Unsere Widerstände unterschlagen.

Eines Morgens lese ich den Artikel von Isabell Prophet, indem sie darüber schreibt, dass ihre Ängste als Frau ernstgenommen werden müssen. Absolut. Nur bekommt ihr Artikel einen merkwürdigen Beigeschmack, wenn sie ihre „Angst vor Fremden“, die sie ja gar nicht haben will, mit einer Angst vor sexistischen Übergriffen gleichsetzt. Als würde das Eine kausal mit dem Anderen zusammenhängen.

Gibt es gesellschaftsübergreifende Empörung über den Fall von Leyla, einer muslimischen Studentin, die öffentlich auf der Straße angegriffen und mit Alkohol übergossen wurde? Und später weder von der Polizei noch vor Gericht nach diesem Trauma ernstgenommen wurde, sondern sich auch noch Beschuldigungen anhören musste? Ain’t she a woman? Was ist mit der organisierten Gewalt des NSU-Komplexes? Er betrifft mich und meine Brüder und schwebt immer noch unaufgeklärt wie ein Schatten über unseren Köpfen.

Die rassistische Gewalt, die wir Frauen* of Color erfahren, ist von patriarchalen Machtverhältnissen in dieser Gesellschaft nicht loszulösen. Genauso wenig ist die rassistische Meinungsmache um „den muslimischen Mann“ von unserer Stigmatisierung als muslimische Frauen loszulösen.

Während eine weiße Feministin wie Emma Watson jedoch für ihren männerinklusiven Feminismus gelobt wird, sollten wir uns als „emanzipierte muslimische Frauen“ zunächst einmal von unseren Brüdern „befreien“. Don’t get me wrong: Zwischen meinen Brüdern und mir ist auch nicht alles Big Happy Family, aber der mahnende Finger der weißen Frau hat an ganz anderen Stellen anzusetzen.

Weiße feministische Debatten haben sich in die kollektive Erinnerung vieler muslimischer Communities als bevormundende und rassistische Diskurse eingebrannt. Zuletzt hat die Berichterstattung zu Köln daran wieder angeknüpft. Diskurse, in denen „der muslimische Mann“, – wundert mich, dass es noch keinen Wikipedia-Eintrag über „den muslimischen Mann“ gibt, since everybody is acting like this is a species of it’s own, – als „die Gefahr“ für (muslimische) Frauen schlechthin dargestellt wird. Die Rolle des weißen Mannes und der weißen Frau scheint dann zweitrangig.

Daher kann ich die weiße Frau lediglich belächeln, wenn sie einer Muslimin ganz eifrig erklären will, was denn Feminismus und Sexismus seien, und dass wir doch im selben Boot sitzen. Dass wir demselben Sturm ausgesetzt sind, bedeutet nicht, dass wir im selben Boot sitzen. Dein Boot, liebe weiße Frau, hat so viele Upgrades, dass du gar nicht merkst, wie viel Gewalt mein Boot von diesem Sturm abbekommt. Geschweige die Gewalt, die ich von deinem Boot abbekomme.

  • Mart

    Möglicherweise liegt das Problem generell in zu einfach gestrickten Weltbildern.
    Da sollte sich jeder Mensch hinterfragen, auch die Autorin!

    Oder wer ist diese weiße Frau?


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