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Lee Miller: Die Fotografin, die in Hitlers Badewanne landete

Die Fotografin entwickelte sich vom Supermodel zu eine der wenigen Korrespondentinnen im zweiten Weltkrieg.

27.04.16 > Kunst

Von Yuki Schubert

Ihr Blick ist verträumt als sie sich in der Badewanne mit einem Waschtuch den Hals säubert. Auf einer Kommode neben ihr steht eine Frauen-Statue, die beinahe in der gleichen Pose inne hält. Vor ihr liegt ein mit Schlamm verdreckter Badvorleger sowie schwer wirkende Armeestiefel.

© Lee Miller Archives David E. Sherman, Lee Miller in Hitlers Bade-wanne, München, Deutschland, 1945 David E. Sherman, Lee Miller in Hitler’s bathtub, München / Munich, Germany, 1945
© Lee Miller Archives David E. Sherman, Lee Miller in Hitlers Bade-wanne, München, Deutschland, 1945 David E. Sherman, Lee Miller in Hitler’s bathtub, München / Munich, Germany, 1945

Dieses Bild von Lee Miller ist weltberühmt. Es wurde am 30.4.1945 vom Fotografen David E. Sherman aufgenommen als sie beide mit der US-amerikanischen Armee in Adolf Hitlers Wohnung in München gelangten. Nur wenige Stunden zuvor waren sie bei der Befreiung des KZ Dachau dabei gewesen und an diesem Tag nahm sich Hitler das Leben. Mit diesen Informationen wirkt das zunächst unschuldige Bild als klare Botschaft der Machtumkehrung. Dies führt sich fort, denn Lee Miller liegt im nächsten Bild voll bekleidet in Eva Brauns Bett. Damenhaft hält sie ihre Zigarette in die Höhe, was wie eine Siegerpose aussieht.

Lee Miller (1907-1977) ist mit diesen Bildern eine wichtige Dokumentarin der Zeitgeschichte. Auf den Wänden des Gropiusbaus ist zu lesen, sie sei eine der faszinierendsten Fotografinnen des 20. Jahrhunderts gewesen. Dieses Kriterium erfüllt Miller, denn sie schafft es überdies zwei konträre Welten wie Mode und Krieg miteinander zu verknüpfen.

© Lee Miller Archives Lee Miller, Fashion for factories, Vogue Studio, London, England, 1941
© Lee Miller Archives Lee Miller, Fashion for factories, Vogue Studio, London, England, 1941

Wie die Besucher erfahren, wird Miller mit 20 in New York als Model entdeckt. Nur zwei Jahre später steht sie vor der Linse von Man Ray und arbeitet schließlich ab 1940 für die Modezeitschrift „Vogue“ in London. Miller nutzt ihre Erfahrung und lässt trotz Gefahr und Rauheit zwei Frauen mit Brandschutzmasken (1941) so aussehen, als ob sie sich gerade für einen hippen Masken-Ball fertig machen.

Dieser spielerische Umgang mit Kriegsrealität wirkt neu und frech. Er verschwindet allerdings als sie als eine der wenigen weiblichen Kriegskorrespondenten 1945 nach Deutschland kommt. Besonders ist hier, wie nah Miller an die leblosen Körper, die wie Holz geschichtet in den KZs von Buchenwald und Dachau liegen, herangeht. Mimik und Gestik können genau erkannt werden. Sie fängt aber auch die Schwäche der Täter bei der Befreiung ein. Zu sehen sind die SS-Wachmänner mit ihren zerschlagenen Gesichtern und leblosen Augen.

Der Ausstellung im Martin-Gropius-Bau fehlt ein bisschen Kontext. © Yuki Schubert
Der Ausstellung im Martin-Gropius-Bau fehlt ein bisschen Kontext. © Yuki Schubert

Damals wollte die „Vogue“ einige von Millers Bildern den Leser*innen nicht zumuten. Auch ihre Aufnahmen von der Schlacht um die Bretagne fielen der Zensur zum Opfer, da sie die damals noch geheim gehaltene Waffe Napalm zeigen.

Dieser letzte Teil der Ausstellung ist der beste. Millers kreative Entwicklung ist ohne weitere Vorkenntnisse jedoch schwer zu verstehen. Schließlich geht es von visuell verfremdeten Bildern, wie einer explodierenden Hand und Reisefotografien hin zu Kriegsdokumentationen und letztlich zu einem Dasein als Hausfrau. Eine Besucherin sagt nach dem Ende ihres Rundgangs: „Wer war nun Lee Miller?“

© Lee Miller Archives Lee Miller, Akt, Paris, Frankreich, 1930
© Lee Miller Archives Lee Miller, Akt, Paris, Frankreich, 1930

Genau hier liegt eine Schwäche der Ausstellung. Zu Beginn wird zwar erklärt, dass Miller 1929 nach Paris zu Man Ray ging, um das Fotografieren zu lernen. Ihre Motivationen würden aber klarer, wenn ihre Kindheit nicht völlig im Rundgang ausgespart werden würde. So mitunter die Information, dass ihr Vater Hobbyfotograf war oder sie mit sieben Jahren missbraucht wurde.

mgb16_plakat_lee_miller_litebox„Lee Miller – Fotografien“
Ausstellung
bis 12. Juni 2016 im
Martin-Gropius-Bau, Berlin

Während der drei Jahre Liebes- und Arbeitsbeziehung mit dem Surrealisten Man Ray (ab 1929) sind einige Werke entstanden, bei denen es wegen der engen Zusammenarbeit schwierig ist darzulegen, wo sein Werk aufhört und ihres beginnt. Das wird zwar angemerkt, aber außergewöhnliche Arbeiten von ihr, wie das menschliche Herz, dass sie wie ein Gericht auf einen Teller nebst Messer und Gabel zeigt, werden nicht in Kontext gesetzt. Wo liegt ihre Leistung? Wie hat sie sich dadurch von den vor allem männlichen Surrealisten des 19. Jahrhunderts abgegrenzt oder eingereiht?

Genauso bleibt Miller größtenteils stumm, obwohl Zitate wie: „Mit dem Ende des Krieges scheine ich meinen Biss oder Enthusiasmus verloren zu haben“ (Zitat aus einem Brief an ihren Mann Roland Penrose), ihre Entscheidung sich als Künstlerin zurückzuziehen greifbarer machen.

Trotzdem ist die Ausstellung sehenswert, denn sie schafft es, Millers Werk mit seinen vielen Facetten darzustellen. Mit dieser Retrospektive wird unterstrichen, Miller war nicht „nur“ die Frau in Hitlers Badewanne, sie war auch nicht „nur“ Muse von Man Ray oder „nur“ die Kriegsfotografin – sie war alles zusammen.


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