Die Rückkehr der Gilmore Girls

Morgen starten die neuen Folgen der Serie. Achtung: ein bisschen Spoiler.

24.11.16 > Film & Serien

Von Anna Mayrhauser

Als die TV-Serie „Gilmore Girls“ Anfang der 2000er-Jahre startete, war das, was in der Serie gezeigt wurde, keine Revolution, aber durchaus befreiend. In einem Essay von 2007 schrieb Missy-Mitherausgeberin Chris Köver darüber, wie man Mainstreamserien mit etwas gutem Willen feministisches Potenzial abgewinnt, und meinte über „Gilmore Girls“: „Lorelai und Rory sind witzig und nehmen kein Blatt vor dem Mund. Sie ernähren sich von Burgern, Süßigkeiten und Kaffee, hassen Sport und verweigern sich in jeder Hinsicht dem Schlankheitswahn. Das ist unrealistisch, kann man einwenden, weil beide trotzdem gertenschlank sind und spitzenmäßig aussehen. Es ist trotzdem erfrischend, dabei zuzusehen, wie sich zwei Frauen völlig schuldfrei mit Fett und Zucker vollstopfen. Rory ist klug, ehrgeizig und macht keinen Hehl daraus, in ihrer Freizeit liest sie Virginia Woolf und Sylvia Plath.“

© Netflix
Lalala. © Netflix

Es ging also um zwei Frauen, Mutter und Tochter, Lorelai und Rory, mit nur 16 Jahren Altersabstand, deren Unterhaltungen gespickt sind mit Anspielungen auf Popkultur, Filmklassiker und Literatur und denen ihre berufliche Selbstverwirklichung die meiste Zeit über wichtiger ist als ihr Liebesleben – das aber natürlich trotzdem turbulent und aufregend ist. Es ging um Liebe, Unabhängigkeit, Karriere und das Wissen darum, dass man seiner Herkunftsfamilie nie so richtig entkommt. Später in der Serie hingen in Rorys und Paris‘ erster gemeinsamer Wohnung Plakate von Noam Chomsky und Planned Parenthood, für ihren ersten Job als Journalistin begleitete Rory die Wahlkampftour von Barack Obama – das politische Umfeld der Gilmore Girls war klar umrissen. Es war immer einfach, die Gilmore Girls sympathisch zu finden.

Auch heute noch gibt es ein großes Bedürfnis unter Gilmore-Girls-Fangirls (wie mir), die Serie als feministisch zu labeln. Nicht nur Lorelai-Darstellerin Lauren Graham hat die Serie vor Kurzem als „heimlich feministisch“ bezeichnet, es finden sich auch zahlreiche Artikel im Internet, die die Gründe auflisten, warum die Show feministisch ist:

Weil mit Rory erstmals ein Nerd-Mädchen die Hauptrolle spielen durfte. Weil Tanzschulbesitzerin Miss Patty für Sexpositivität steht. Weil Melissa McCarthy, die Darstellerin von Lorelais bester Freundin Sookie, zu dieser Zeit eine der wenigen dicken Frauen in einer Serie war, deren Dicksein nicht thematisiert wurde (und ein glückliches Liebesleben wurde ihr auch noch zugestanden). Weil Lorelai als selbstbewusste Alleinerziehende gezeigt wird. Weil Frauenfreundschaften die Serie maßgeblich prägen. Weil die Gilmore Girls zwar immer in diversen Liebesverstrickungen stecken, ihre Unabhängigkeit aber immer wichtiger bleibt. Und weil es eine der wenigen Serien der 2000er war, in der das Happy End bedeutete, einen Heiratsantrag abzulehnen.

Vieles davon lässt sich relativieren – Rory wurden mit Rockerin Lane Kim und Overachieverin Paris Geller (übrigens die erste „Lieblingsstreberin“, die das Missy Magazine jemals kürte) zwei weitaus nerdigere Mädchen an die Seite gestellt (denen sie übrigens mehr als einmal eine schlechte Freundin ist). Miss Patty muss oft für mittelgute Witze herhalten, Lorelai kämpft sich zwar als Single-Mom durchs Leben, kommt aber aus einer derart privilegierten Familie, dass ihre Existenz niemals ernsthaft bedroht sein kann.

Dennoch: Wie selbstverständlich Serienschöpferin Amy Sherman-Palladino diese beiden Protagonistinnen und ihr Umfeld inszenierte, ihr Begehren und ihre Ambitionen in den Mittelpunkt stellte, war neu und erfrischend. Und in der Rezeption der „Gilmore Girls“ stellt sich bis heute selten die Frage, ob Rory oder Lorelai toller ist, dafür sehr viel öfter die, welcher von Rorys Boyfriends der beste ist: sozusagen drei Manic-Pixie-Dream-Boy-Varianten zum Auswählen.

Doch wenn man sich heute die ersten sieben Staffeln der „Gilmore Girls“ wieder ansieht – was diesen Sommer und Herbst laut meiner Twitter-Timeline viele getan haben (wohl auch im Hinblick auf die nun startende Fortsetzung) –, stellt sich neben der altbekannten Wohligkeit (Der ewige Herbst! Die Kürbisse! Der Schnee! Der verlotterte Landhauslook!) bald ein anderes, unangenehmeres Gefühl ein. Ein Treffen mit den „Gilmore Girls“ nach fast zehnjähriger Pause, schrieb etwa eine Journalistin auf dem Portal „screenertv.com“, sei zwar immer noch eine der besten Arten, wie man seine Zeit auf Netflix verbringen kann, fühle sich aber manchmal an wie ein Abendessen „with your super problematic grandparents„.

Dass das Essverhalten der Gilmore Girls nicht in die Zero-Waste-Philosophie des Jahres 2016 passt – geschenkt. Dass manche Handlungsstränge heute nicht mehr ganz so logisch wirken (wieso hat Rorys Großmutter Emily noch mal ein Problem mit ihrer sachlich betrachtet enorm erfolgreichen Tochter Lorelai?), verzeiht man schnell. Doch in vielen Punkten ist die Serie schnell gealtert. Das Männerbild ist eigentlich grauenhaft, die Lukes,  Jesses und Deans schweigen und knurren grundsätzlich vor sich hin und verprügeln sich etwa alle fünf Minuten gegenseitig wegen einer Frau. Queere Charaktere sind bestenfalls freundliche Nebenfiguren, auf deren Kosten man jede Menge und nicht besonders lustige Witzchen reißen darf. Kurz: Beim Wiedersehen 2016 wirkt die Serie weißer, heteronormativer und reicher denn je.

ACHTUNG: Ab hier wird gespoilert.

Wie geht nun die neue, sehnsüchtig erwartete achte Staffel damit um? So: Auf einer der legendären Stadtversammlungen, die natürlich immer noch stattfinden, möchte Bürgermeister Taylor endlich mal eine „Gay Pride“-Parade in Stars Hollow veranstalten – allerdings droht das Vorhaben daran zu scheitern, dass zu wenige LGBTI-Personen im Städtchen leben. Das ist kein selbstironischer Umgang damit, dass die Show in Sachen Diversity seit jeher ein großes Defizit hatte, vielmehr ein äußerst müdes Witzchen und eine verpasste Chance.

Und ansonsten? Hat Rory zumindest vorerst einen Freund, der weder Jess, Dean noch Logan heißt, diskutiert Luke in seinem Diner jetzt über Wlan statt Handys, feiern die Bürger*innen von Stars Hollow weiterhin mit großer Besessenheit ihre Feste und dekorieren ihre Stadt, läuft – wie auch schon im Trailer – ein kleines Schweinchen etwas zu oft durchs Bild, um zu zeigen, dass die Kleinstadt immer noch voller verschrobener, liebenswerter Charaktere steckt, streiten sich Lorelai und Emily wie gewohnt in großartiger Screwball-Manier (bloß jetzt vor den Augen ihrer gemeinsamen Therapeutin) und struggelt Rory ein bisschen hilflos durch New York. Und auch hier wirkt die Serie seltsam alt, haben doch zahlreiche Frauencharaktere aus jüngeren TV-Serien genau das eindrücklicher demonstriert. Ein wenig bedenklich ist, wie sehr sich die Gilmore Girls in die kuschelige Instagram-Ästhetik von 2016 einfügen lassen: Die Wohnungen sind schön, die Unsicherheiten werden nie bedrohlich.

© Netflix „Gilmore Girls: A Year in the Life“ USA 2016
Die vier Folgen der 8. Staffel laufen ab 25.11 auf Netflix.

Warum es sich trotzdem lohnt, sich die neuen Folgen anzuschauen? Am stärksten ist die Serie „Gilmore Girls“ auch in den neuen Folgen in ihrer alten Kernkompetenz: In der Darstellung von Familienkonflikten und Mutter-Tochter-Beziehungen, etwa wenn die Serie leise davon erzählt, was passiert, wenn ein übermächtiger Vater, der den Lebensentwurf der Tochter nie richtig anerkannt hat, stirbt und auf dessen „Ich bin stolz auf dich“ sie ein Leben lang gewartet hat. Oder in der längst überfälligen Würdigung einer immer viel zu kurz gekommenen Nebenfigur wie Michel und damit einer jahrelangen Freundschaft und Geschäftspartnerschaft. Oder wenn die Serie davon erzählt, wie es ist, wenn man mit 32 Jahren vorübergehend wieder bei seiner Mutter einzieht und unsicherer im Leben dasteht als jemals zuvor. Oder davon, seit Jahren mit seiner Band in der Provinz unverdrossen Rock’n’Roll zu machen („I tell him he looks like Leonard Cohen, but he looks like his dad“, sagt Lane über ihren beanzugten Ehemann). Dass die Serie dabei manchmal überholt wirkt, ist hinsichtlich dessen, was sich in der Darstellung von Frauenfiguren in Fernsehserien in den letzten Jahren getan hat, jedenfalls eine gute Nachricht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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