Berlinale: Von verehrungswürdigen Antiheldinnen, Schlachthäusern und Tennisspielerinnen

Welche Filme lohnen sich dieses Jahr auf der Berlinale? Unsere Autorin gibt Einblick.

13.02.17 > Film & Serien

Von Sophie Charlotte Rieger

Schon im Vorhinein war klar: Diese Berlinale könnte eine ganz besondere werden. Gleich fünf Regisseurinnen sind im Wettbewerb vertreten, vier konkurrieren um den Goldenen Bären, eine läuft außer Konkurrenz. Das ist natürlich weit entfernt von einer paritätischen Besetzung, kann aber im Kontext internationaler A-Festivals tatsächlich als kleiner Erfolg gewertet werden. Zum Festivalauftakt beschränkt sich die weibliche Präsenz dann aber leider doch auf das dekorative Element. Der Eröffnungsfilm „Django“, ein handwerklich überzeugendes, wenn auch insgesamt nicht überragendes Spielfilmdebüt, kann leider nicht mit interessanten Frauenfiguren aufwarten. Außer „Mutter von …“, „Gattin von …“ und „Geliebte von …“ hat diese Geschichte leider keine Frauenrollen zu vergeben.

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Der Realität entfliehen in Ildikó Enyedis Wettbewerbsbeitrag „Testről és lélekről“ © Ildikó Enyedi / Inforg – M&M Film KFT

Mehr Aufmerksamkeit verdient dafür die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi für ihren Wettbewerbsbeitrag „On Body and Soul“, eine ungewöhnliche Liebesgeschichte in noch ungewöhnlicherem Setting: einem Schlachthof. Dort begegnen sich der Betriebsleiter Endre und die Qualitätsprüferin Maria, beide auf individuelle Weise in sich selbst gefangen und unfähig, ihrem Begehren Ausdruck zu verleihen. Und so flüchten sie von der Enge des Arbeitsplatzes in die Weiten ihrer Traumwelt, in der sie sich auf magische Weise als Hirsche in einem verschneiten Wald begegnen. Aber wie die Freiheit des Traums in die Zwänge des Alltags überführen?

Mit dem Wechsel zwischen klaustrophobischen Innenaufnahmen und beeindruckenden Naturbildern macht Ildikó Enyedi die Befangenheit ihrer Figuren spürbar. Zugleich inszeniert sie auf der Bühne des Schlachthauses sexistische Strukturen des Arbeitsalltags, die jedoch nicht mahnend in den Vordergrund treten, sondern nur einen Teil der bedrückenden Realität bilden, der die Protagonist*innen zu entfliehen suchen. Enyedi bedient sich souverän der Möglichkeiten des Mediums Film, um ihre Geschichte auf vielen verschiedenen Ebenen zu erzählen, und schafft damit ein frühes Highlight des diesjährigen Wettbewerbs.

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Mütter und Töchter in „Barrage“ © Red Lion

Weniger atemberaubend gestaltet sich Laura Schroeders Mutter-Tochter-Drama „Barrage“, das in der Sektion Forum zu sehen ist. Hier treffen drei Generationen von Frauen aufeinander: Nach langer Abwesenheit kehrt Catherine zu ihrer Mutter Elisabeth zurück, die ihre Enkeltochter Alba zu ebenjener Tennisspielerin erzieht, die Catherine hätte werden sollen, bevor sie auf die schiefe Bahn geriet. Die plötzliche Ankunft der biologischen Mutter bringt das bestehende System ins Wanken: Catherine möchte eine Rolle in Albas Leben spielen. Aber welche könnte das sein?

Langsam und unaufgeregt zeigt Schroeder die Begegnung und Annäherung von Mutter und Tochter. Die Atmosphäre des Films ist gleichbleibend melancholisch, es fehlen Momente echter Freude ebenso wie große Dramen. Das mag die eine faszinieren, die andere langweilen. Völlig unabhängig von den filmischen Qualitäten aber schockiert mich „Barrage“ durch seine Alternativlosigkeit zu problematischer Mutterschaft. Damit schlägt der Film in eine schon ausreichend etablierte Kerbe, in der sich abwesende, abusive und überforderte Mutterfiguren im zeitgenössischen Film tummeln. Es ist grundsätzlich lobenswert, Mutterschaft vom Perfektionsanspruch zu befreien. Ein versöhnlicher und optimistischer Tonfall steht dazu aber nicht im Widerspruch.

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Mucken auf: die Tiger Girls. © 2017 Constantin Film Verleih GmbH / Fogma

Weitaus energetischer, im Grunde gar nicht zu vergleichen, ist Jakob Lass’ nahezu feministischer Befreiungsschlag „Tiger Girl“, der eine Heldin inszeniert, wie wir sie selten, vielleicht gar noch nie zu sehen bekommen haben. Beflügelt von der Begegnung mit einer aufmüpfigen Krawallnudel namens Tiger schießt hier die Heldin Vanilla weit über das Ziel hinaus, riskiert mit ihrer Gewaltbereitschaft nicht nur die Freundschaft zu Tiger, sondern auch die Sympathie des Kinopublikums. Und erobert gerade damit alle Herzen!

Jakob Lass gelingt es, eine Geschichte von Gewalt und Eskalation vollkommen ohne Opferfiguren zu erzählen. Die Menschen auf der Leinwand prügeln und betrügen sich, missbrauchen Macht und zeigen sich zuweilen sadistisch – und das vollkommen unabhängig von ihrem Geschlecht. Wenn die Frauen dieses Films in einem Konflikt unterliegen, dann sind sie keine Opfer, sondern Verliererinnen. Und wer verliert, die hat gekämpft! Und darauf kommt es an! Ohne den Versuch einer Psychologisierung ihrer Gewaltbereitschaft fordert Vanilla niemals Mitleid ein, sondern stellt sich dem knallharten Urteil der Zuschauer*innen. Wir dürfen sie scheiße finden, wenn wir wollen. Vielleicht sollen wir das sogar. Und das ist einfach großartig!

Sophie Charlotte Rieger arbeitet als freie Filmkritikerin und Journalistin. Auf ihrem Blog „Filmlöwin“ widmet sie sich ganz dem feministischen Blick auf Film. Dieses Jahr ist sie für uns auf der Berlinale unterwegs und führt ein Festivaltagebuch.

Vollends beflügelt von der Energie des „Tiger Girl“ schaue ich ungewohnt optimistisch und vorfreudig auf die nächsten Tage. Aber keine Sorge: Ich werde das Festival nicht im Zuge eines missverstandenen Empowerments durch Schlägereien aufmischen. Wohl aber habe ich das Gefühl, dass der Wind sich dreht: Ich glaube, dieser Berlinale-Jahrgang wird ein richtig guter!

 

 


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