Der Film „To The Bone“ thematisiert das Kotzen und Kalorienzählen

… und bekommt dafür reichlich Kritik. Berechtigterweise?

21.07.17 > Film & Serien

Von Tasnim Rödder

Die neue Netflix-Produktion „To the Bone“, die seit dem 14. Juli zu sehen ist, liefert reichlich Diskussionsstoff: Der Spielfilm handelt von der 20-jährigen Ellen (Lily Collins), die sich bereits, wie der Titel des Films ankündigt, „bis auf die Knochen“ runtergehungert hat und sich von Therapie zu Therapie hangelt – ohne sichtlich an ihre Genesung zu glauben. Ihre pessimistische Haltung und ihr leerer Blick ziehen sich durch die 105 Minuten Film. Übergeordnet geht es also um den Umgang mit Essstörungen, insbesondere Magersucht, im Fachvokabular Anorexia Nervosa genannt.

Lily Collins als Ellen. © Netflix

Ihre Patchworkfamilie ist Ellen wenig behilflich. Das jahrelange Zuschauen, wie sich Ellen  vor ihren Augen langsam umbringt, hat auch an ihren persönlichen Ressourcen gezehrt. Es ist eine gängige Symptomatik von Essstörungen, dass die Familienmitglieder maßgeblich Teil der Krankheit sind und ähnlich leiden wie die Betroffenen selbst. Der Vater stürzt sich in Arbeit und ist im ganzen Film nicht einmal zu sehen, die spirituelle Mutter hat sich mit ihrer Partnerin auf dem Land abgesetzt, weil sie von der jahrelangen Pflege ihrer Tochter ausgebrannt ist. Ihre Schwester kann nichts tun, außer zuzuschauen. Und ihre Stiefmutter?

Die versucht als Einzige aktiv, Ellen zu helfen. Auch wenn sie dabei oft sehr ungeschickt und übertrieben amerikanisch agiert – z. B. wenn sie Ellen einen Kuchen in Form eines Burgers backt, auf dem „Eat me, Ellen!“ steht. Aber sie bringt ihre Stieftochter trotzdem dazu, eine Therapie bei Dr. Beckham (Keanu Reeves) zu beginnen – dessen Methoden als alternativ und hart gelten. Die Betonung liegt auf gelten, denn im Film ist davon kaum etwas zu sehen. Außer vielleicht, dass er Ellen vorschlägt, sich einen neuen Namen zu geben.

Doch so einfach ist das nicht. Denn die Gründe für das Entstehen von Essstörungen sind meist viel komplexer, als sie mitunter dargestellt werden. Es sind nicht nur Diättrends und Models, von denen sich Betroffene zu viel abschauen. Die Probleme liegen oft tiefer, sind familiär, aber auch in der Gesellschaft verankert.

Ellen spricht in einer Szene über die Schwierigkeit, in einer Gesellschaft zur Frau zu werden, die von Sexismus geprägt ist. In einem Alltag, wo dir Leute in der Bahn an die „Titten grapschen“ und dir Blicke zuwerfen. Wie soll man da ein gesundes Körpergefühl entwickeln? Ellens Physis wird zum Opfer ihrer mentalen Labilität, ihren psychischen Hunger unterdrückt sie genauso wie ihren körperlichen. Zurück bleiben Knochen, Haut und blaue Flecken, die der Film ohne Scheu abbildet.

Für die Therapie zieht Ellen in ein Haus, in dem sie mit sechs anderen Personen mit Essstörungen zusammenlebt. Der Film zeigt hässliche Bilder aus dem Leben von jungen Menschen, deren Leben vom Kalorienzählen, Kotzen und Panadenabkratzen dominiert wird. Eine Mitbewohnerin kotzt ihr Essen in eine Tüte unter ihrem Bett, die andere kämpft um das Leben ihres Baby in einem mangelernährten Körper. Es sind Bilder, die niemanden dazu einladen sollten, einen solchen Weg einzuschlagen.

Trotzdem wurde den Produzent*innen des Films bereits vor der Veröffentlichung vorgeworfen, dass die Krankheit verherrlichend und banal dargestellt würde und „jahrelange Therapieergebnisse zunichtemachen“ könnte. Das schreibt die Britin Helen Barnes in einer Petition, die sie initiierte, um die Ausstrahlung des Films zu stoppen.

Zudem, so heißt es in der Petition, reproduziere  der Film vorherrschende Stigmata über Essstörungen. Magersucht sei nur ein Problem von weißen, dünnen Teenagermädchen aus der Mittelschicht. Die Krankheit könne Menschen jedes Geschlechts, jeder Hautfarbe, jedes Alters, jeder Klasse und – jedes Gewichts betreffen.

„To the Bone“ ist ein US-amerikanisches Filmdrama, das am 22. Januar 2017 auf dem Sundance Film Festival seine Premiere hatte. Seit dem 14. Juli 2017 ist der Film weltweit auf Netflix zu sehen.

So ist die einzige dicke Person im Haus eine Schwarze Frau, die zu jeder Mahlzeit ein Glas Erdnussbutter isst. Damit bedient der Film eine rassistische und klassistische Trope. Auch die Rolle des einzigen Mitbewohners Luke kommt typisch daher – in seiner Genesung am fortgeschrittensten hilft er Ellen, so gut er kann, aus ihrer Misere. Er tritt, wie auch der coole Dr. Beckham, in der typisch männlichen Heldenrolle auf. Die schwachen Rollen übernehmen die Frauen. Leider – dabei hätte der Film durchaus Potenzial gehabt, starke Frauen einzubringen. 

Fehlende Gender- und Stigmatasensibilität kann man den Produzent*innen also durchaus vorwerfen. Doch Befürchtungen, der Film könne zu einer Essstörung verführen, ergeben sich kaum. Das wäre wohl auch nicht im Sinne der Hauptdarstellerin Lily Collins und der Regisseurin Marti Noxon gewesen, die beide in der Vergangenheit von Essstörungen betroffen waren.

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