Gemeinsam leben, gemeinsam bauen

Käthe Kruse erzählt in „Lob des Imperfekts“ von der Hausbesetzer*innenszene Berlins der 1980er.

Von Christina Mohr

In letzter Zeit erschienen so einige Erinnerungsbücher und -filme über die wilden Punkzeiten im West-Berlin der 1980er-Jahre – vermissen konnte man einzig die weibliche Sicht der Dinge. Nun erscheint beim E-Book-Verlag mikrotext ein Band von Käthe Kruse, eine bildende Künstlerin und ehemaliges Mitglied der Avantgardeband Die Tödliche Doris.

© Enrico Böttcher

„Lob des Imperfekts“ ist jedoch kein neu verfasstes Werk, sondern besteht aus bereits publizierten bzw. vorgetragenen Texten und Interviews. Dabei sind die Passagen, in denen die 1958 in Bünde geborene Künstlerin Anekdoten aus legendären Berliner Läden wie dem Risiko, Kumpelnest 3000, SO36 oder vom „Festival der Genialen Dilletanten“ erzählt, nicht mal die interessantesten – Ähnliches konnte man beispielsweise schon bei ihrem Tödliche-Doris-Kollegen Wolfgang Müller lesen.

Echten Mehrwert bekommt Kruses (leider sehr schmales) Buch durch ihre Ausführungen zum Leben in der Hausbesetzer*innenszene Kreuzbergs: Käthe Kruse gehörte über dreißig Jahre lang einem Kollektiv an, das zwei leer stehende Häuser „instandbesetzte“: gemeinsames Leben und (Bau-)Arbeiten in der Großgruppe, was Kleinfamiliengründung indes nicht ausschloss.

Käthe Kruse „Lob des Imperfekts. Kunst, Musik und Wohnen im West-Berlin der 1980er“
mikrotext, Ebook, ca. 130 Seiten auf dem Smartphone,
3,99 Euro

Kruse berichtet über halblegale Materialbeschaffung, Blockheizkraftwerke im Keller, Plenumsdiskussionen und gleichzeitige Kunstproduktion. 2014 verließ sie mit Mann und Tochter schließlich das Langzeitprojekt, das heute immer noch besteht. Durch die Parallelität von Kunst und der Vision von einem anderen Leben schiebt „Das Lob des Imperfekts“ den Fokus von der reinen Punkhistorisierung weg – und macht Lust darauf, sich mit Käthe Kruses Kunstwerken zu befassen.

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