Girl on Girl: Warum Frauen mehr Fotos machen sollten

In ihrem Bildband „Girl on Girl“ untersucht die Journalistin Charlotte Jansen, was den Female Gaze ausmacht.

Von Yuki Schubert

Wer „Girl on Girl“ auf Google eingibt, landet schnell in der lesbischen Pornorubrik. Dabei spielt Charlotte Jansen mit ihrem Titel nach eigener Aussage auf die Power von Frauen an, über die Bilder, die von ihnen gemacht werden, selbst zu bestimmen. Das ist eine besondere Kraft, schließlich kann sie mehr Diversität zur Folge haben, wie beispielsweise bei der immer noch vornehmlich sexistischen Werbung.

© Izumi Miyazaki, Sandwich, 2013, Courtesy of the artist

1975 hat die feministische Filmtheoretikerin Laura Mulvey aufgezeigt, wie im Medium Film neben dem männlichen Zuschauer auch die Regisseure, Produzenten und andere Figuren die Frau als Objekt für männliches Vergnügen inszenieren. Die Frau verbleibt in einer passiven Rolle, während der Mann Gefallen durch den Blick auf sie hat. Paradebeispiel sind die Film-noir-Streifen: Cooler Detektiv im Halbdunkel blickt auf sexy Femme fatale. Mulvey prägte mit ihrer Theorie den Begriff des „Male Gaze“.

Mittlerweile hat es sich etabliert, auch vom „Female Gaze“ zu sprechen, wenn Frauen im Regiestuhl sitzen oder den Auslöser betätigen. Doch was steckt genau dahinter? Bedeutet der Begriff, es muss um Weiblichkeit gehen oder Feminismus? Nicht zwingend, schließlich zeigen schon so Action-Knaller-Spezialistinnen wie Kathryn Bigelow das Gegenteil. Zu sehen gibt es in ihren Filmen harte Typen im Krieg oder Undercover-Polizisten. Eine zufriedenstellende Definition gibt es nicht, allerdings wird eines klar: Der weibliche Blick ist immer mehr Teil des öffentlichen Diskurses. Ob nun erst kürzlich die Kamerafrau Reed Morano für ihre Arbeit in der Serie „The Handmaid’s Tale“ mit einem Emmy ausgezeichnet wurde oder Kim Kardashian mit ihrem Instagram-Account Millionen an ihrer Selbstdarstellung teilhaben lässt – das sind alles Beispiele für den „Rise of the Female Gaze“.

© Maisie Cousins, Molly, 2016, Courtesy of the artist

Die Kulturjournalistin Jansen greift genau diese Entwicklung in ihrem 2017 erschienenen Bildband auf und spricht deshalb auch von der Selbstbestimmtheit über das eigene Abbild. Laut Jansen haben sich in den letzten Jahren die Fotografien, produziert von Frauen, drastisch vermehrt. „Der Fakt, dass Frauen nun mehr Fotografien von Frauen machen – ob nun von sich selbst oder von anderen – denn je zuvor, hat es verdient, beachtet zu werden“, sagt Jansen im Vorwort ihres Bildbands.

Darin stellt sie die Fotos von 40 Fotografinnen und Netzkünstlerinnen aus 17 Ländern aus. Sie interviewt die Fotografinnen zu ihrem Ansporn, Motiven und persönlicher Geschichte. Dabei hat sie keine Definition des „Female Gaze“ im Sinn, sie will vielmehr darlegen, dass Frauen mit ihren Werken auf die Wahrnehmung in Medien, Geschichte, Politik, Rechte und Ästhetik wirken können und damit letztendlich mehr Verständnis in der Gesellschaft für Frauen evozieren.

© Isabelle Wenzel, Field 1, 2015, Courtesy of the artist

Ihre Beine und den Auto-Timer ihrer Kamera: Das benötigt Isabelle Wenzel für ihre surrealen Bildnisse, die dynamische Körperstudien beinhalten. Innerhalb weniger Sekunden bringt sich die gelernte Akrobatin in schräge Positionen, die die Kamera festhält. Ihr Gesicht und meist ihr Kopf werden nicht gezeigt, sodass ihr Körper noch mehr wie eine Skulptur wirkt. „Meine Bilder behandeln nicht eine bestimmte Person oder Individualität. Ich nutze meinen Körper als eine Form, um etwas Allgemeingültiges über das physische Dasein auszusagen.“ Dabei sind es gerade das fehlende Gesicht, die unmöglich verrenkten Körper und die strahlenden Farben ihrer Kleidung oder Umgebung, die eine neue Perspektive auf Körperlichkeit zulassen.

Bei der Arbeit der Afroamerikanerin Nakeya Brown dreht sich alles um das Thema Haare. Sie beschäftigt sich in ihrer Fotografie damit, wie sich westliche Schönheitsideale in der Haarkultur afroamerikanischer Frauen manifestieren. So wird in europäischen Ländern insbesondere glattes, glänzendes Haar mit schönem Haar verbunden und dieses Ideal findet sich durch Perücken und synthetische Haarteile bei Schwarzen Frauen wieder. Eine besonders eindringliche Fotografie von Brown zeigt Messer und Gabel auf einer Essenstafel. Die Gabel ist dabei mit Kunsthaar umwickelt und die Zacken sind kaum noch zu erkennen. Wie am Tisch auch eine gewisse Etikette herrscht, so gibt es diese Etikette auch in Bezug auf glattes Haar. Brown will also deutlich machen, dass das gesellschaftliche Verständnis für angemessenes Aussehen und für Schönheit sehr eng definiert ist und es dort kaum Spielraum gibt, eben genauso wie bei Benimmregeln. Solche Botschaften richten sich an alle Frauen, auch wenn Browns Fotografien sich vor allem mit der Haarkultur Schwarzer Frauen beschäftigt. Für sie sind Haare perfekt, um Widerstand zu zeigen. „Ob du dir nun Haare unter den Achseln und an den Beinen wachsen lässt, um gegen patriarchalische Standards aufzubegehren, oder dir Dreadlooks machen lässt, um europäische Ideale abzulehnen, da gibt es eine Kraft, die unseren Protest mit unserem Körper verschmelzen lässt.“

© Juno Calypso, Reconstituted Meat Slices, 2013, Courtesy of the artist

Petrina Hicks nutzt ihre Fotografie, um Sehgewohnheiten, die schon Hunderte von Jahren vorherrschen, zu enttäuschen. Beim Motiv der Venus oder des Stilllebens bringt sie etwas ins Spiel, womit man nicht rechnet. So verdeckt sie die Vulva der Venus mit Kristallen, statt herabfallendes langes Haar zu zeigen, und retuschiert auch keine blauen Flecke weg. Dazu – und das ist wohl die größte Enttäuschung – wird das ästhetische Gesicht der Venus einfach weggeschnitten, da der Körper nur vom Bauchnabel abwärts dargestellt wird. Die Australierin fragt sich, warum Frauen auch von Frauen objektiviert werden und wie man in dem Zuge das Auge umschulen kann, das sich daran gewohnt hat, Bildnisse von Frauen als leicht lesbar und konsumierbar zu sehen. Dafür greift sie mit ihren hoch ästhetischen Arbeiten in die Geschichte zurück, um einen Ursprung des weiblichen Mythos zu finden und daran eine Veränderung im Blick hervorzurufen. Wenn man so will: eine künstlerische „Zurück in die Zukunft“-Version, die versucht, an der Glattheit zu rütteln.

© Leah Schrager, Infinity Selfies, 2016, Courtesy of the artist

Bei Liu Susirajas Selfies geht es sehr viel um Selbstermächtigung. „Die Kamera ist direkter als der Spiegel. Sie vergibt nichts, was aber keine schlechte Sache ist. Ich gebe zu, ich mag diese Ehrlichkeit und Offenheit“, sagt die finnische Fotokünstlerin. Genau mit dieser Ehrlichkeit scheint sie die Zuschauer*innen zu konfrontieren. Susirajas Körper sehen wir kaum in der Fotografie präsentiert und gerade das paart sie mit Komik, die aber nicht zwanghaft zum Lachen führt, sondern innehalten lässt. So klemmt sie sich einen Besenstil unter die Oberweite und stemmt mit ihren Oberarmen Hamburger und lässt sich so ablichten. Ihr Gesicht verbleibt dabei ohne Regung und gerade das steigert die Radikalität, wie sie ihren Körper als Leinwand für Alltagsgegenstände inszeniert.

„Girl On Girl. Art and Photography in the Age of the Female Gaze“
Charlotte Jansen
Thames & Hudson
192 Seiten; Englisch

Pixy Liao sagt von sich selbst, dass sie nicht sonderlich am weiblichen Körper interessiert ist. In ihrer Kunst spielt die Beziehung zwischen Mann und Frau eine große Rolle und dafür lässt sie sich mit ihrem jüngeren Freund fotografieren. Auf den Bildern thront sie über ihm oder lässt sich von ihm massieren, was sie dominanter wirken lässt. Sie nutzt ihren Freund sogar wie eine Requisite, was ihr viel Kritik aus ihrem Umfeld eingebracht hat. Sie hinterfragt mit ihren Bildern, was die Norm von heterosexuellen Beziehungen ist und was passiert, wenn sich Machtrollen verschieben. Da ihr Freund aus Japan kommt, nutzt sie ihre Bilder auch als Abbild einer Love-Hate-Beziehung zwischen den Ländern. Für Liao ist es keine feministische Arbeit, da sie die Gleichheit von Frau und Mann nicht befürwortet. Aber sie stellt doch in ihren Fotos fest, dass die Kultur ebenso Bedürfnisse, Wünsche und Interaktionen bestimmt wie der Körper.

© Monkia Mogi, Taka and Sayaka, Harajuku, 2014, copyright and courtesy of the artist

Warum Frauen andere Frauen oder sich selbst fotografieren, lässt sich nicht auf eine Sache herunterbrechen. Es geht um Körper, um Ästhetik, um Identität, um Kultur, um Sexualität und noch viel mehr. Charlotte Jansen führt die unterschiedlichen Herangehensweisen und Motive zusammen, sogar wenn sie nicht feministisch sind. Dadurch entsteht eine riesige Ansammlung von weiblichen Blicken, die die Betrachter*innen immer wieder fordert: Gucke und lerne!

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