Cloud Rap, was da los?!

Apolitisch, weiß, privilegiert: Das immer populärer werdende Genre hat mit subversivem Hiphop wenig zu tun.

05.12.17 > Leyla Yenirce
Profilfoto Leyla Yenirce

Leyla Yenirce

Leyla Yenirce (*1992) lebt und arbeitet als Autorin, Filmschaffende und Künstlerin in Hamburg. In Niedersachsen aufgewachsen, folgten dort ein Studium der Kultur der Metropole plus Einschreibung an die Kunsthochschule. Sie ist Gründerin des intersektionalen Musikkollektivs OneMother und arbeitet derzeit an einem Film über die yezidische Diaspora in Deutschland.

Von Leyla Yenirce

Eigentlich ist es ja ziemlich nice, wenn junge Menschen mit einem DIY-Anspruch Musik machen und sie selbst im Internet veröffentlichen, statt es bei großen Labels zu versuchen. Diese Praxis machte lange Zeit auch den Cloud Rap aus, ein Genre, das schon seit mehreren Jahren Kunststudierende begeistert und mittlerweile auch den Mainstream erreicht hat. Typisch für Cloud Rap ist, dass Elemente aus Rapmusik aufgegriffen, überzogen dargestellt und parodiert werden. Das einzige Problem: Die deutsche Cloud-Rap-Szene wird – wie so oft – von weißen, privilegierten cis Männern dominiert, bei einer Musikrichtung, die – wie so oft – aus Schwarzer HipHopkultur entstanden ist.
Money Boy hängt benebelt im Cloud-Rap-Himmel rum. © Tine Fetz
Einer von diesen weißen Rappern ist z.B. der Wiener Musiker Money Boy, der schon vor dem Cloud-Rap-Hype durch seinen Song „Dreh den Swag auf“ aufgefallen ist und in seinen Interviews eigentlich ziemlich sympathisch wirkt. Dachte ich zu mindestens, bis ich das Video zu seiner aktuellen Single „Monte Carlo“ gesehen habe. Darin spricht er, wie für seine Texte üblich, über einen neoliberalen Lifestyle und darüber, wie geil er ist. Nichts Neues, aber dieses Mal ist er nicht von anderen Rap-Homies umgeben, sondern von einem mageren Mädchen, das auf dem Boden liegt und einen Golfball für seinen Abschlag in ihrem Mund bereithält, während ihm ein Schwarzer Bediensteter den Sekt serviert. Klingt genau so daneben, wie es aussieht. 
Unter einem nihilistischen Deckmantel und einer Wir-meinen-ja-eh-nichts-ernst-Attitüde werden sexistische und rassistische Klischees reproduziert. Der Rapper aus Österreich hat sein Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien mit Auszeichnung abgeschlossen. Er weiß es trotzdem nicht besser oder vielleicht weiß er es, aber macht es trotzdem. 
Die wenigen Frauen, die sich in der Szene als Rapperinnen behaupten, machen es aber leider auch nicht wirklich anders, wie beispielsweise die Sängerin Haiyti. Auch wenn sie mit ihrer rotzigen Stimme und selbstbewussten Texten deutschen Cloud Rap aufmischt, macht sie dasselbe wie die Typen – nur als Frau. Ihrer Meinung nach sind es auch nicht sexistische Strukuren in der Musikwelt, die die Stimme von Frauen klein halten, sondern die Schuld der Mädels, die „nicht aus dem Arsch kommen“, wie sie es in einem „Vice“-Interview äußerte. Es ist nicht die Aufgabe einer einzigen Person, eine feministische Stimme im Rap zu repräsentieren, dennoch ist Haiytis Aussage genauso frauenfeindlich wie das Video von Money Boy.  
Ich feier die Mucke von Haiyti genauso wie den „Monte Carlo“-Track von Money Boy. Die Hook geht direkt ins Ohr, der Beat ist auch gut. Aber während die weißen privilegierten (Kunst-)Hochschulabsolvent*innen ihr apolitisches Ding durchziehen, ist es für viele kein Spaß, wenn das Girl für den Typen auf dem Boden liegt oder die einzige Schwarze Person im Video nur dafür da ist, einem Otto seinen Sekt zu servieren, während er „Eine Bitch muss für mich bügeln und so oder ich verprügelt die Hoe“ mit einem Magister Philosophiae in seiner Vita rappt. 
Gib mal lieber was von deinem Money an den Schwarzen Bediensteten in deinem Video ab, Money Boy, oder servier du ihm das nächste Mal einen Sekt, denn ohne Schwarze Kultur hättest du nichts, worauf du deine Musik beziehen könntest, du sexistischer Hochschulabsolvent. Egal, ob du es ernst meinst oder nicht, whack ist es trotzdem.
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