Sind böse Hexen die besseren Menschen?

„Die kleine Hexe“ auf der großen Kinoleinwand: Über das gesellschaftliche Störpotenzial cooler Frauenbünde.

02.02.18 > Film & Serien

Von Toby Ashraf

Die Schlüsselszene der ersten Realverfilmung von Otfried Preußlers Kinderbuchklassiker „Die kleine Hexe“ ist zum Schreien: Da will die „erst 127 Jahre alte“ kleine Hexe (Karoline Herfurth) auf dem Blocksberg Teil der Walpurgisnacht sein, fliegt aber als ungebetener Gast in der Gesellschaft der Althexen nach dem ersten Tanz auf. Der verbale Aufstand von Fastnachtshexe, Sumpfhexe, Nebelhexe und der Wetterhexe Rumpumpel lässt nicht lange auf sich warten: Zu dünn, zu jung, zu gut riechend sei die kleine Hexe. Währenddessen wird laut gefurzt und gelacht. Bei diesem Diss gegen die ziemlich lieblich anzusehende Identifikationsfigur des Films (prothetische Nase hin oder her) lacht das feministische Herz erst mal laut auf, und man kann die Augen weiden am Szenen-, Kostüm- und Maskenbild des Films (allesamt in Frauenhand) unter der Regie von Michael „Mike“ Schaerer.

© Studiocanal

Liebevoll altmodisch ist das anzusehen und auch sehr witzig zu bestaunen, mit wie viel Make-up, künstlichen Warzen und anderen Prothesen, dreckigen Rokokokleidern und Hütestapeln auf dem Kopf dieses geheime Hexenmatriarchat hier ihre Herrschaft zelebriert. Darunter: Schauspielerin und Ex-Showgirl Eveline Hall, die im Alter von 65 noch mal Model wurde. Man wünschte sich, der Film bliebe noch ein bisschen auf dem Blocksberg und weilte unter diesen wilden, alten Frauen, aber natürlich geht es hier um eine gute Hexe, denn Preußler schrieb das Buch 1957, um seiner Tochter die Angst vor Hexen zu nehmen.

Hier wird’s leider bereits langweilig. Schon in der Literaturvorlage waren nämlich die bösen Hexen böser als im Film: Von „ein bisschen ins Feuer werfen“ über „Gesicht zerkratzen“ bis „gehörig Schläge“ verpassen gingen die Drohungen gegen die kleine Hexe im Originaltext. Der Besen wird verbrannt und ein Jahr später darf die kleine Hexe Rache nehmen, sofern sie eine unbestimmte „Prüfung“ (Buch) bzw. das Auswendiglernen von 7892 Zaubersprüchen (Film) bestehen würde. Drei Tage nach Hause laufen muss sie, ein Jahr warten zudem.

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Von nun an sind wir mit der gutmütigen und strebsamen, wenn auch angenehm chaotischen kleinen Hexe konfrontiert, die so klein gar nicht ist. Die Relativität des Hexenalters rechtfertigt natürlich jede Casting-Entscheidung, aber die Besetzung einer Anfang 30-jährigen Schauspielerin statt eines Kindes als „kleine Hexe“ verwundert dann doch etwas, zumal Karoline Herfurth konstant und etwas zu verbissen versucht, ein naseweises Mädchen zu spielen, was irgendwie befremdlich wirkt. Oder nervig.

Ein zweiter Störfaktor ist die Prämisse der guten Hexe: Rote Haare, trying to be a bad girl, aber eigentlich ist sie (wie auch schon bei Preußler) grundgütig und damit als Werberin von Grundwerten cool, als Filmfigur aber so spannend wie Naturjoghurt. Genauer betrachtet gibt sie mit ihren neuen Hexenkräften Nachhilfestunden in weiblicher Solidarität, etwa wenn sie einer Blumenverkäuferin hilft oder holzsuchende Frauen von einem dummen, männlichen Gesetzeshüter befreit. Das ist zwar super und Gerechtigkeit ein toller Grundwert – female empowerment auch unter netten Hexen wichtig –, aber böse Hexen haben halt ein anderes gesellschaftliches Störpotenzial. Das sind Frauen, vor denen die Menschheit Angst hat. Die Superkräfte haben. Die Kinder hassen. Die einen geheimen, männerfreien Bund zelebrieren.

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Okay, jetzt könnte man historisch fundiert auch mit der Geschichts- und Misogyniekeule einmal kräftig gegen die positive (Neu-)Besetzung der Frau als Hexe hauen und damit alles (wie die kleine Hexe am Schluss) in Schutt und vor allem Asche legen. Die Hexe als kinderlose Frau, deshalb total verbittert und böse, fällt aus ihrer gesellschaftlichen Rolle als Gebärmaschine, versucht Hänsel und Gretel zu töten, landet auf dem Scheiterhaufen des Patriarchats und so weiter und so fort.

Doch wer jetzt noch mal Nicolas Roegs „Hexen hexen“ von 1990 nach dem Roman von Roald Dahl guckt und sagt, dass Angelica Houston nicht die allercoolste, most evil motherfuckerin der filmischen Hexengeschichte war, die*r lügt doch. Houston nimmt die Frauenmaske ab und zeigt ihre schleimigen Narben, zaubert Kinder in Gemälde oder macht sie zu Mäusen und tritt auf sie drauf. Ist allergisch gegen Hygiene und regiert die Welt im Untergrund. Take that, Heimchen am Herd! Oder die „Hexen von Eastwick“: Women’s Liberation als Vodoo-Aufstand. Am Ende muss der Teufel dran glauben, und Cher, Michelle Pfeiffer und Susan Surandon sind zwar dann Mütter, aber Überekel Jack Nicholson ist besiegt. Sind das nicht die Hexen, die die Welt braucht? Mit Tilda Swinton als White Witch in „Die Chroniken von Narnia“ fangen wir jetzt gar nicht erst an.

Die Geschichte lässt sich jedoch gerade bei „Die kleine Hexe“ nicht umschreiben. Die Tatsache, dass die erste Realverfilmung erst jetzt erfolgt (nach „Das kleine Gespenst“, „Räuber Hotzenplotz“ und „Krabat“), liegt daran, dass Otfried Preußler (der 2013 verstarb) selbst Verfilmungen seiner Werke im Allgemeinen und der kleinen Hexe im Besonderen gegenüber kritisch eingestellt war. Susanne Preußler-Bitsch, Tochter und Verwalterin des literarischen Nachlasses ihres Vaters, hat während der Filmvorbereitungen darauf geachtet, dass Geist und Charakter von Buch und Figur im Drehbuch erhalten geblieben sind.

©Studiocanal

Das tut dem toten Urvater der kleinen Hexe sicherlich einiges recht, und eine Neuinterpretation von Gut und Böse wäre sicherlich gegenüber der Frau, für die das Buch damals geschrieben wurde, irrsinnig. Außerdem ist die kleine Hexe ja auch eine tolle Figur, die ohne Mann, nur mit (männlich gegendertem) Raben und viel Freude am Hexenleben allein in einer kleinen Hütte im Wald wohnt und dort Kindern – statt sie zu essen – Bäder aus Milch und Honig herbeizaubert.

„Die kleine Hexe“ DE/CH 2018
Regie: Michael Schaerer. Mit: Karoline Herfurth, Suzanne von Borsody, Axel Prahl u. a., bereits im Kino

Dennoch bleibt der wehmütige Wunsch, dass man einen literarischen Stoff, der noch vor der Zweiten Frauenbewegung entstanden ist, aus heutiger Sicht noch einmal neu denkt und es vielleicht wagt, damit auch seine Vorlage ein bisschen mutiger hinter sich zu lassen. Dass da am Ende die große Bücherverbrennung stattfindet, ist die eine Sache. Die andere Sache ist dann eben auch, dass ein saucooler, böser Frauenbund am Ende von einer, die nicht dazugehören durfte, ausgelöscht wird. Harter Spoiler, aber wer kennt das Buch nicht? Was bleibt, ist eine liebe, leicht fehlbesetzte kleine Hexe, deren Nettigkeit ihr zum Verhängnis wird. Ob das noch in die Zeit passt und ob böse Hexen die besseren Menschen sind, hat letztlich jede*r selbst zu entscheiden. Hexe sein ist auf jeden Fall nie falsch. Reicht ja auch als Message.

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