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Körperzirkus

share tweet  Die Brigitte-ohne-Models-Geschichte ist so ziemlich durch. Die Kampagne, die zu ihrer Bekanntgabe einige feministische Bloggerinnen aufhorchen ließ, hier und dort überstürzter Jubel und rundherum mit medialer Aufmerksamkeit überschüttet, ist mittlerweile zwischen den neuen alten Diätratschlägen abgetaucht, alles nur PR, die Vermutungen über revolutionäre Avancen schnell verflüchtigt, und die großen Modemagazine haben sich für die…

07.01.10 >

Die Brigitte-ohne-Models-Geschichte ist so ziemlich durch. Die Kampagne, die zu ihrer Bekanntgabe einige feministische Bloggerinnen aufhorchen ließ, hier und dort überstürzter Jubel und rundherum mit medialer Aufmerksamkeit überschüttet, ist mittlerweile zwischen den neuen alten Diätratschlägen abgetaucht, alles nur PR, die Vermutungen über revolutionäre Avancen schnell verflüchtigt, und die großen Modemagazine haben sich für die neuen „echten Frauen“ sowieso nicht interessiert.

Während ich zwischendurch online die neue Brigitte ohne Models, dafür mit Kalorientabelle für die Handtasche durchblättere, erledigt sich das Thema annehmbare Frauenzeitschrift hier mit jeder Seite noch ein kleines bisschen mehr als sie ohnehin schon nicht auf meinem Printmedienstapel neben der Couch landen könnten – erledigt ist die Debatte um richtige oder echte Maße durch den laschen Versuch einer Zeitschrift für die fitte Lady mittleren Alters deswegen aber noch lange nicht. Die Kurven bleiben als Mittel im Kampf um die Auflage an der öffentlichen Oberfläche wie bei blica aktuell zu sehen ist: Angefangen bei der fülligen Powerdame Beth Ditto, ihres Zeichens Frontfrau der Band Gossip, über aussagekräftigen Hüftspeck im V Magazine, fotografiert von Solve Sundsbo, bis hin zur Dove-Real-Beauty-Kampagne, einer der werbewirksamsten ihrer Zeit. Sofern es bis dato irgendwelche Schlussfolgerungen aus dem Körperzirkus zu ziehen gibt, liegen sie irgendwo zwischen anhaltendem Magerwahn und ein paar verkaufsfördernden Rundungen, die für sich genommen wenig Anlass bieten, die Ära der Hungerhaken an den Nagel hängen zu können. Denn was wir noch immer nicht zu sehen bekommen sind Menschen, in denen wir uns wiederfinden, zwischen überbordendem Speck mit einer Prise Sexappeal und gestählten Knochenkörpern bleibt eine Lücke, die weder die Modeindustrie noch die Vertreiber von Pflegeprodukten in nächster Zeit stopfen werden. Das Ziel, das alles erlaubt wäre, dass individuelle Ausstrahlung gängige Schönheitsideale vom Tisch fegte, geht zwischen Marketingstrategien verloren.

Im Brigitte-Hype der vergangenen Monate unter anderem vorherrschend war das Contra-Argument, man wolle sich die von androgynen Magermodels zur Schau gestellte Fantasiewelt gar nicht nehmen lassen. Fantasie hin oder her, Diäten bleiben für die Durchschnittskonsumentin des Zeitschriftenschemas an der Tagesordnung wie das Diktat eines skurrilen Optimums. Dabei bleibt abzuwarten, ob der Run auf die Print-Ausgaben nicht ebenso schnell wieder an Dynamik verliert, denn was die Brigitte wie auch andere Zeitschriften des Genres so wenig lesenswert macht sind nicht fanatisch schlanke Körper sondern die Abwesenheit von Inhalten.

Der Kater nach einer Nacht zwischen den Jahren weicht mit erhöhtem Kaffeekonsum beständig dem Alltag, dem Wecker und einer länger werdenden To-Do-Liste. In der Zeit, in der ich hart daran arbeite, jeden Tag ein paar Minuten früher weiche Federn mit der Plattform eines hölzernen Schreibtischbretts zu substituieren, rückt der Ausnahmezustand für Berliner Front-Row-Abonnent_innen und wannabees immer näher. Mercedes-Benz-Fashionweek, 20. – 23. Januar 2010. Da sich die High Fashion auf den Laufstegen wie mein kaugummiartiger Katermodus auch in diesem Jahr nicht an vielfältigere Körpermaße kleiden lässt, werde ich mir die stoffgewordene Kunst von Kilian Kerner, Allude, Lena Hoschek und anderen Vertreter_innen auch diese Runde in elfenhaft bis surreal nicht entgehen lassen.

Ein bisschen um Mode und vor allem um girliehaften Zickenterror geht es dafür ab dem 14. Januar auf Prosieben mit Heidi’s Exlieblingsagenturfuzzi Peyman Amin und seiner Model-WG (danke an den Trash-TV-Guide auf sexdrugsblognroll.com). Vom Catwalken via Internet zurück vor die Glotze postwendend die Schönheit, Innovation und jegliches Stilempfinden über Bord werfen und Heidis B-Schicksen beim Breittreten sämtlicher Tussiklischees beobachten klingt nach wunderbar trashigem Alternativprogramm, wenn die Denke mal vor lauter sinnvollem Input Überlastungserscheinungen zeigt. Für ein perfektes Ambiente auf der Couch kann ich nur wärmstens den Tipp aus der blogosphärischen Trashfabrik meines Vertrauens empfehlen: „Den heimischen Kühlschrank mit kalorienreichen Mehr-Fett-Produkten füllen. Weil man es kann. Ha!“ Und wer keine Lust auf Zickenbashing hat, der oder dem sei folgende Lektüre ans Herz gelegt: das Welt-Interview mit dem Ausnahmemodel Lily Cole, auch wenn selbst sie nicht ganz ohne Klischees auskommt.

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[Bild: Adam Foster]