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Popkontext fragt: Warum ist das Reden und Schreiben über Musik Männersache?

share tweet  Ich wurde als Gastbloggerin eingeladen, weil ich die einzige Frau sei, die die Redakteurin kenne, die regelmäßig und kompetent über Musik schreibt. Möglicherweise gibt es noch mehr von meiner Sorte da draußen – aber ehrlich gesagt kenne ich auch keine*. Wie kommt das? Die Frauen in meinem Freundeskreis sind durchaus musikinteressiert, besuchen regelmäßig Konzerte…

16.05.10 >

Ich wurde als Gastbloggerin eingeladen, weil ich die einzige Frau sei, die die Redakteurin kenne, die regelmäßig und kompetent über Musik schreibt. Möglicherweise gibt es noch mehr von meiner Sorte da draußen – aber ehrlich gesagt kenne ich auch keine*. Wie kommt das? Die Frauen in meinem Freundeskreis sind durchaus musikinteressiert, besuchen regelmäßig Konzerte und lesen Musikzeitschriften. Eine ist Tontechnikerin, sammelt und sortiert akribisch Liveaufnahmen und betreibt ein kleines Nerdlabel, Vinyl only! Eine andere ist ebenfalls eine leidenschaftliche und kenntnisreiche Plattensammlerin. Letztere ist die einzige, die im stolzen Alter von fast 40 gerade überlegt, selbst einen Blog zu schreiben, vermutlich auch angeregt durch meine derzeitigen Aktivitäten.

Auch auf Veranstaltungen, in denen es um Musikgeschichte und -theorie geht, um das Reden über Musik, finden sich nach meiner Erfahrung mindestens ein Drittel interessierte Frauen ein – nur am Rednerpult sitzen fast ausschließlich Männer. Frauen betreuen wenn dann die Journalisten und Gäste, organisieren und sorgen für einen reibungslosen Ablauf der Veranstaltung.

Odd One Out: Der Diskurs über Popmusik ist noch immer fast ausschließlich männlich bestimmt. / Illustration: Barbara Mürdter

Es gibt kaum einen gesellschaftlichen Bereich, in denen die Diskursmacht noch so sehr in männlicher Hand ist wie beim Reden über Musik. Auch wenn man spätestens seit den Riot Grrrls um ihre Existenz weiß, ist der Female Geek noch immer kein akzeptiertes Rollenvorbild für Mädchen und Frauen. Und Männer kommen zumeist gar nicht auf die Idee, dass man sich mit Frauen kompetent über Musik unterhalten kann.

Ich habe zehn Jahre durchaus anspruchsvolle Musiksendungen bei einem Bürgerfunk gemacht. Von Frauen wurde ich von Anfang an unterstützt, auch einige interessierte männliche Hörer lernten meine Sendungen schnell schätzen. Aber die Mehrzahl der fast ausschließlich männlichen Kollegen nahm mich erst im letzten Jahr überrascht inhaltlich wahr, als ich bereits besser war als die meisten von ihnen, und zumindest nicht schlechter. Schon als ich mehrere Jahre dabei war, drehten sich drei Kollegen, mit denen ich mich eben noch nett unterhalten hatte, plötzlich weg – sie hatten angefangen, über Musik zu reden. An die schiere Fassungslosigkeit in den Augen eines Mannes, oder sogar offen stehende Münder, nur weil ich mal eine Band oder einen Künstler kenne, habe ich mich längst gewöhnt. Und ich rede hier keineswegs von Leuten, denen ich Bösartigkeit unterstellen möchte – die gibt es allerdings auch.

Dass Männer über Musik reden und schreiben können ist keine Frage. / Illustration: Barbara Mürdter

Das Ganze beginnt aus meiner Erfahrung schon im Teenageralter. Bei Jungs wird es irgendwann cool, auf dem Schulhof über Musik zu reden. Sie verhandeln auf die Art, wer die Meinungsführerschaft übernimmt und bestimmt, was im Diskurs als wichtig gilt, welche Band cool ist und welche nicht. Wenn ein Mädchen dann mal interessiert ist und auch Ahnung hat, beeindruckt das vielleicht kurz (so lange es nicht Angst macht), aber sie kann sich mit ihrer Kenntnis in der Hierarchie nicht sonderlich profilieren. Ihren Ansichten spielen keine eine Rolle, weil es eine Jungshierarchie ist, an der sie sich orientieren muss und in der es keinen Platz für sie ist. Hier beginnt der Prozess, in den sie einerseits enttäuscht ist, mit ihrem Wissen nicht weiterzukommen und die Einsicht, sich viel bequemer Anerkennung bei den musikinteressierten Jungs verschaffen zu können, wenn man sexy aussieht oder / und fürsorglich ist. Wenn sie richtig hartnäckig ist, und am besten die Freundin oder Schwester von einem der tonangebenden Jungs, darf sie vielleicht mitmachen, wenn die Clique ein Fanzine macht. Wenn Frauen dabei sind, ist das ja auch „charmanter“ (O-Ton eines Redakteurs, den ich später als explizit frauenfeindlich erlebte).

Das gleiche setzt sich in den Redaktionen von Musikzeitschriften und Musikredaktionen von Radiostationen fort. Hier kommt noch dazu, dass die Jobs sehr begehrt sind und in der Dynamik der Hierarchie, des taktischen Sich-Andienens und des systematischen Aufstiegs gibt es einfach keinen Platz für Frauen – auch hier handeln Männer untereinander aus, wer führt und wer sich unterzuordnen hat. Im Hauen und Stechen um den Platz an der Sonne werden Frauen, die deutlich machen, dass sie auch was können, höchstens als lästige Konkurrenz betrachtet, soweit sie überhaupt inhaltlich für voll genommen werden. Zudem neigen Männer – bewusst oder unbewusst – besonders in so einem Kontext auch dazu, Qualifikation an der Körbchengröße festzumachen. Mit einer sexuell attraktiven, aber unbedrohlich wirkenden Frau beeindruckt man seine konkurrierenden Geschlechtsgenossen mehr als mit einer allzu klugen und sowohl im Auftreten als auch inhaltlich souveränen – und fühlt sich im Zweifelsfall auch noch bestätigt, dass Frauen doch eben nicht so viel Ahnung von Musik haben. Nur einzelne Redakteure, die sich nicht in einer (Männer-)Gruppe behaupten müssen, bei einem Medium arbeiten, das auf den Frauenanteil achtet und die im Zweifelsfall auch fest im Sattel sitzen, geben auch mal gezielt einer in erster Linie inhaltlich guten Frau eine Chance, weil sie selbst von der Männerwirtschaft angewidert sind.

Frauen sind im Musikdiskurs nicht einmal Deko. Bis auf ganz wenige Ausnahmen, die sich über harte Arbeit, glückliche Umstände und geschicktes Auftreten einen Namen machen konnten, sind sie nicht präsent. / Illustration: Barbara Mürdter

Vereinzelt schaffte es in den letzten Jahren mal eine Praktikantin, sich hochzuarbeiten, zumeist bei Blättern, die sich nicht ausschließlich mit Musik beschäftigen, wie z.B. Tageszeitungen. Das hat auch damit zu tun, dass jüngere Frauen, die noch lernen, im allgemein weniger als Bedrohung angesehen werden. Es ist praktisch essentiell, von einem Mann protegiert zu werden, um sich durchzusetzen, da der „normale“ Mechanismus, dass man jetzt der Rangfolge nach dran wäre, nicht funktioniert. Ganz wenige schaffen auch den harten, steinigen Weg nach oben. Vor einiger Zeit erregte es Aufsehen, dass mit Krissi Murison zum ersten mal eine Frau die Chefredaktion des einflussreichen britischen Musikmagazins NME seit dessen Gründung 1952 übernommen hat – eine Frau, die nicht nur hart ist und systematisch an ihrer Karriere gearbeitet hat, sondern auch supersexy aussieht (was man über viele ihrer Kollegen eher nicht sagen kann), und für die das Thema Feminismus / Gender absolut tabu ist. Das einzige mir bekannte deutsche Musikmagazin, dass eine Chefredakteurin hat, ist das Umsonst-Rockmagazin Uncle Sally’s. Ansonsten sind auch die Redakteure fast ausschließlich männlich und die wenigen Autorinnen zumeist eine handvoll Freie.

„Texte haben kein Geschlecht,“ sagte mir, allen soziologischen Erkenntnissen widersprechend, vor kurzem der Chefredakteur einer renommierten Musikzeitschrift. „Und die wenigen Frauen, die sich bei uns bewerben, schreiben einfach grottig.“ Das muss dann wohl auch auf mich zutreffen, denn ich wurde auch abgelehnt, mit der Begründung, man habe genug Autoren. Aber immer und überall wird behauptet, es gäbe eben keine guten Frauen – ansonsten würde man sie ja mit „Kusshand“ nehmen. Der Herr, der letzteres sagte, hat mich nach fünf Sendungen ohne konkrete Begründung aus seinem Projekt geworfen, weil es ihn offenbar hysterisch gemacht hat, dass ich genauso viel Ahnung von Musik hatte wie er selbst.

Dass es mit der richtigen Einstellung auch anders geht zeigt z. B. der Berliner Radiosender Radio Eins. Auch hier sind die „Musikfrauen“ in der Minderheit, aber dass es zumindest einige – und auch wirklich kompetente – gibt, fällt schon auf. Als ich ihn darauf ansprach, sagte Musikchef Peter Radszuhn: „Zuerst geht es uns um die Qualität.“ Aber er erzählte, dass schon zu SFB-Zeiten auf gute Frauen geachtet wurde, denen man gezielt eine Chance gab. Bei mehr Aufmerksamkeit in anderen Redaktionen, und auch der Akzeptanz der Tatsache, dass Frauen aufgrund ihrer gesellschaftlichen Erfahrung und Prägung eine etwas andere Art haben mögen, Musik zu verhandeln, würden es sicher noch mehr Frauen in den männlich geprägten Musikdiskurs schaffen. Auch für den Nachwuchs wäre gesorgt, wenn junge Mädchen Frauen kompetent über Musik reden sähen und es als normal empfinden würden – ebenso wie Jungen / Männer, die dann schneller in der Lage wären, Frauen inhaltlich zu respektieren.

Diskurs auf Augenhöhe ist bei Popmusik kaum möglich, da Frauen immer noch die Fremdkörper sind. / Illustration: Barbara Mürdter

Welche Möglichkeit gibt es also für musikinteressierte Frauen, sich durchzusetzen? Sie können sich auf andere Gebiete konzentrieren, sich den erwarteten Verhaltensmustern anpassen, sich Männer suchen, die bereit sind, sie zu fördern. Wer sich dann doch auf Inhalte konzentrieren möchte, kann ehrenamtlich Blogs und Radiosendungen machen (letzteres ist auch schon wieder nicht so einfach, weil es selbst bei winzigen Internetsendern die Strukturen oft Frauen kaum zulassen). So kann man zumindest einen eigenen Diskurs starten. Aber auch da kommt es neben Inhalten drauf an, von den richtigen Leuten zitiert und verlinkt zu werden, um Relevanz zu erlangen – da funktionieren selbst im Internet die Männerbünde zumindest innerhalb der Kreise, in denen es um Wichtigkeit und gegebenenfalls sogar bezahlte Jobs geht. So ist es auch hier unglaublich wichtig, dass sich Frauen untereinander vernetzen, die anderen zitieren, verlinken und weiter empfehlen.

Oft fehlt Frauen auch das nötige Sendungsbewusstsein und die Lust, sich dem zu erwartenden scharfen Gegenwind zu stellen und mühsam um Wahrnehmung zu ringen. Solange es keine Rollenvorbilder, keine wirkliche inhaltliche Anerkennung ihrer Arbeit durch Akzeptanz „weiblicher“ Betrachtungen im Musikdiskurs und kaum eine Chance auf einen Platz an den Fleischtöpfen für sie gibt, werden sie sich im Zweifelsfall auf vielversprechendere Gebiete konzentrieren.

Das ist die Kurzfassung meiner persönlichen Erfahrungen gepaart mit einigen empirisch nachgewiesenen Fakten und soziologischen Erkenntnissen zum Thema Gender. Wenn ihr Anmerkungen dazu habt, freue ich mich über eine Diskussion.

Beim nächsten Mal wieder mehr zu Musik selbst.

Eure Barbara / Popkontext

 


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