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Team Film. Musik. Tanz. Körper: Wie ein Auto im Film die männliche Kastration verkörpern kann

share tweet  Quentin Tarantino, ein Meister der filmischen Referenzkunst, bedient sich nicht nur des popkulturellen Trashs, er zelebriert diesen Trash vielmehr als Kunst für sich. In seinen Filmen tauchen immer wieder Filmverweise auf, die zu längst vergessenen B-Movie-Klassikern gehören. QT (wie er auch im Rahmen seiner Film-Crew genannt wird) konfrontiert die Zuschauenden mit Stereotypen, die uns aus …

13.05.11 >

Quentin Tarantino, ein Meister der filmischen Referenzkunst, bedient sich nicht nur des popkulturellen Trashs, er zelebriert diesen Trash vielmehr als Kunst für sich. In seinen Filmen tauchen immer wieder Filmverweise auf, die zu längst vergessenen B-Movie-Klassikern gehören. QT (wie er auch im Rahmen seiner Film-Crew genannt wird) konfrontiert die Zuschauenden mit Stereotypen, die uns aus den unterschiedlichsten Film-Genres bekannt sind – dies können sowohl gängige Vorstellungen über den typischen Mafiosi (Pulp Fiction) sein als auch das Bild eines unscheinbaren, aber psychopathischen Sexualstraftäters (in From Dusk Till Dawn tritt Tarantino selber als Cameo auf; wenn er auch sehr schlecht, spielt er Richard Gecko, einen psychopathischen Sexualstraftäter).

Interessant wird es bei ihm zudem noch, wenn er seine DarstellerInnen sich selber zitieren lässt. Das heisst, wenn er beispielsweise John Travolta in Pulp Fiction zusammen mit Uma Thurman auf die Tanzfläche bittet, um sie den wilden Twist tanzen zu lassen. Das kann als eine Referenz an Travoltas eigene Karriere, die ja mit Saturday Night Fever begann, gelesen werden.  Was Tarantino in seinen Filmen jedoch immer unter Beweis stellt, ist sein Können, was die Figurenzeichnung betrifft.

Wie die einzelnen Figuren miteinander in Beziehung treten, was und wie sie Dinge sagen – dies alles (und noch viel mehr) zeichnet Tarantino-Dialoge aus: das minutenlange Sinnieren über Nichts und dennoch über alles. Wenn die jungen Frauen in Death Proof die Autofahrt damit zubringen, sich über Gott und die Welt, Musik und Film auf so poetische wie auch wahnsinnig witzige Weise auszutauschen, ist das für mich ein purer verbaler Genuss. Dennoch ist dies auf alle Fälle nicht jedermanns und jederfraus Sache. Tarantino ist eine Klasse für sich – so viel steht fest. Was ich aber besonders an ihm schätze, ist sein Umgang mit den weiblichen Figuren. Death Proof ist für mich ein durch und durch (post)feministisch zu lesender Film.

Der 2004 im Double Feature produzierte Film Death Proof soll zusammen mit Robert Rodriguez Planet Terror eine Hommage (besser noch ein Zitat) an das Grindhouse-Kino der 1970er Jahre sein. Es werden nicht nur die unterschiedlichen Genres und Sub-Genres dieser Kino-Zeit in den Film eingebaut, sogar das typisch zerschlissene und verbrauchte Bild, das früher durch ungenaue Schnittarbeit und dem weniger liebevollen Umgang mit dem Film-Material zu verdanken war, wurde in Death Proof nachträglich als wesentlicher Bestandteil der visuellen Umsetzung dieses Film-Projekts eingearbeitet. Dass es inmitten des Films also auch mal zu nicht übereinstimmenden Bild-Ton-Einstellungen kommt, ist im Sinne Tarantinos Teil des Konzepts. Doch Death Proof ist meiner Meinung nach mehr als nur ein visuelles (Re-)Erlebnis des 70er-Jahre-Kinos.

Vielmehr versucht Tarantino durch den Plot, den Protagonisten und besonders noch durch die Protagonistinnen aufzuzeigen, wie Macho-Protz-Killer Stuntman Mike die Bestätigung seiner Männlichkeit (und somit auch seiner Potenz) nur durch und in seinem Muscle Car Dodge Challenger erfahren kann und wie sich dieser Film aber letztendendes doch in einen Showdown der Geschlechterthematik verwandelt.

Doch zunächst einmal etwas zum Plot des Films: nach einer langen dialogischen Einführung durch Jungle Julia, eine Radio-Moderatorin, und ihren beiden Freundinnen, macht sich die Mädels-Truppe auf, um ein paar Drinks in einem Schuppen kippen zu gehen. Doch wo sich die attraktiven und selbstbewussten jungen Frauen aufhalten, können dumme, von sich selbst überzeugte Kerle, die den Frauen einige Drinks spendieren, nicht fehlen. Die jungen Frauen sind gut drauf, haben schon ordentlich einen intus, Drogen bringen sie auf einen Trip, sie schwingen die Hüften zu den Beats aus der Jukebox und interessieren sich mehr für sich als für die baggernden Kerle.

In derselben Bar, dessen Besitzer kein anderer als Tarantino selber ist (Tarantinos Cameo-Auftritt), befindet sich auch Stuntman Mike. Stuntman Mike gehört schon zu einer älteren Klasse. Er ist durch eine Narbe im Gesicht, die er sich laut eigener Aussage durch den Fall aus einer Zeitmaschine zugezogen hat, gekennzeichnet und erzählt einer Gruppe junger Frauen, dessen Vater er sein könnte, von seinen Stunt-Auftritten in Filmen, die diese gar nicht kennen. Rundum: Stuntman Mike kommt einfach nicht an. Nachdem er bei Arlene, alias Butterfly, seinen Lap Dance eingefordert hat, den Jungle Julia am Morgen in ihrer Show verlost hat, machen sich die Frauen auf den Weg zu einem Strandhaus, in dem sie ein paar Tage verbringen wollen.

Stuntman Mike folgt ihnen ‚unauffällig‘ (sofern man das mit einem lauten, protzigen Muscle Car machen kann). Während die Frauen im Auto vor sich hin chillen und zu der Musik aus dem Radio grooven, prescht Stuntman Mike mit ausgeschalteten Scheinwerfern direkt auf das Auto der Frauen zu – kurz bevor die beiden Autos aufeinanderprallen, schaltet er seine Scheinwerfer ein. Alles, was uns das Bild bietet, sind Überreste menschlicher Körper. Jungle Julia und Co. hatten ihren letzten Trip.

Teil 2: wieder eine Gruppe Frauen, die mit ihrem Auto unterwegs sind. Auch hier erkennen wir nach wenigen Minuten ein auffälliges Auto wieder und identifizieren Stuntman Mike darin. Die Frauen kommen aus dem Filmgeschäft und wollen einen Abstecher zu einem Auto-Händler machen, der einen Dodge Challenger, Baujahr 1970, zum Verkauf stehen hat. Allen voran sind es Zoe Bell (spielt sich nicht nur selber, sondern zitiert sich auch, da sie das Stunt-Double von Uma Thurman in Kill Bill 1 und 2 war) und Kim , beides Stuntfrauen, die sich das potente Stück nicht nur anschauen wollen, sondern vor allem auch ordentlich ausfahren möchten.  Als sie durch die weiten und leeren Strassen preschen, spielen die Frauen Schiffsmast. Zoe liegt bei voller Geschwindigkeit auf der Motorhaube und hält sich nur an zwei Gürteln fest, die an den Seitenspiegeln befestigt sind.

Aus dem Nichts taucht Stuntman Mike auf. Von allen Seiten beginnt er das Auto zu rammen, es von der Strasse abbringen zu wollen – er hat sich in den Kopf gesetzt, auch diese Truppe von Frauen auf den todsicheren Weg zu bringen. Von dieser Idee scheint er so lange überzeugt zu sein, bis beide Wagen zum Stehen kommen und Kim dann ihre Waffe zückt und auf ihn schiesst. Dies ist der Beginn einer ‚revenge‘ – eines Rachefeldzuges -, vielleicht nicht nur für die Frauen des vorigen Teils, sondern allgemein. Tarantino lässt seine Frauen in action- und gewaltgeladenen Szenen Autos zu Schrott fahren, Verkehrsregeln unbeachtet lassen und Brutalität aufleben – kurzum: Stuntman Mike bekommt nicht nur ordentlich Dresche, er bekommt sozusagen seine letzte Lektion, die mit einem erbarmungslosen Tritt ins Gesicht endet.

Was mich genau an diesem Film fasziniert, ist nicht nur die Tatsache, dass er eine Hommage/Zitat an das Kino selbst ist, und wilde, selbstbewusste Frauen in schnellen und scharfen Schlitten an Adrenalingrenzen stossen lässt. Das für mich wirklich tolle und spannende an Death Proof ist die Struktur des Films, die in der Story den Film selbwt schon wieder reflektiert und zitiert – allerdings eine entscheidende geschlechter-subversive Umschreibung vornimmt: in dem die erste Geschichte in der zweiten noch einmal aufgenommen wird. Tarantino nimmt folgende Umschreibung vor: lässt er die Frauen im ersten Teil noch als Opfer Stuntman Mikes ums Leben kommen, sind es im zweiten Teil Frauen, die selber Stunt-Frauen sind, die dem (symbolisch) kastrierten Mike seine letzte Fahrt  erweisen.

Die Ironie dieser Geschichte ist also, dass Stuntman Mikes Verständnis von Lust und Spass in letzter Konsequenz umgekehrt wird und für ihn ‚death proof‘ (todsicher) wurde. Dass Sadismus hier als Instrument funktioniert, Geschlechterrollen auszuhandeln, kann natürlich auch als problematisch betrachtet werden. Dennoch scheint es mir wichtiger herauszukehren, dass Tarantino durch die vielfältige Umschreibe-Technik darauf hinweist, wie sich Männlichkeit (auch) artikulieren kann und wie die Kastrationsthematik filmisch umgesetzt werden kann. Schliesslich kann Stuntman Mike durchaus als kastriert gelesen werden: wie sonst kann er sich denn profilieren, wenn nicht durch sein potentes Muscle Car, dessen Kühlerfigur daran erinnert, dass Stuntman Mike nur durch die Kühlerfigur auf der Motorhaube eine Erektion erleben kann?

Ich bin auf Tarantinos nächsten Film gespannt, der laut neuester Informationen den Titel Django Unchained trägt. Tarantino hat meiner Meinung nach in all seinen Filmen immer Figuren komponiert, die absurd, humorvoll, aalglatt, intellektuell angehaucht und psychotisch zugleich sind. Doch vor allem hat er seinen weiblichen Figuren immer das gewisse Extra gegeben, das sie nicht nur zu schwerttanzenden Kämpferinnen machte, sondern eben auch zu Motorhauben-duellierenden Stuntfrauen. In diesem Sinne: der cineastische Spannungsbogen tut sich auf und freut sich auf eine neue Portion Tarantino-Figuren.

Samanta


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