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Ein eigenes Zimmer, ein Zimmer nur für mich

share tweet  Hallo und frohes Lesen bei meinem ersten Eintrag im Missy Magazine Gastblog. Die kommenden vier Wochen habe ich mir vorgenommen, jede Woche ein Thema aus verschiedenen Blickwinkeln oder unterschiedlichen Schwerpunkten zu beleuchten, euch meine Gedanken dazu zu präsentieren und wenn es euch gefällt, dann nehmt ihr ein paar der Gedanken auf und denkt sie…

14.06.11 >

Hallo und frohes Lesen bei meinem ersten Eintrag im Missy Magazine Gastblog. Die kommenden vier Wochen habe ich mir vorgenommen, jede Woche ein Thema aus verschiedenen Blickwinkeln oder unterschiedlichen Schwerpunkten zu beleuchten, euch meine Gedanken dazu zu präsentieren und wenn es euch gefällt, dann nehmt ihr ein paar der Gedanken auf und denkt sie weiter. Oder denkt mit. Oder denkt anders. Ich freu mich drauf :)

Diese Woche starte ich mit dem Thema „Räume“. Denn ein solcher wurde mir angeboten. Raum für sich zu haben, ist ja auch eins der älteren feministischen Themen. Denken wir an Virginia Woolfs Essay „A Room of One’s Own“ von 1929. Darin spricht Woolf von zwei Sachen die es braucht, damit auch Frauen große Literatur schaffen können: 500 Pfund im Jahr und ein eigenes Zimmer. Also eine existenzsichernde materielle Grundlage, klar. Doch was ist dieser Raum, dieses „eigene Zimmer“? Für was kann dieses Sprachbild stehen?

Das „eigene Zimmer“ ist in erster Linie wohl ein realer Raum in einer Wohnung oder im Haus. Ich kenne das von meiner Familie, dass ein eigenes Zimmer für jedes der Kinder einen hohen Stellenwert hatte. Ein Zimmer, das nicht mit einem Geschwisterteil zusammen bewohnt wird, das so ordentlich oder unordentlich sein kann, wie ich es will und nicht, wie mein Bruder es hinterließ. Ein Zimmer, zu dessen Tür nur ich den Schlüssel habe, das ich hinter mir zu und die Welt aussperren kann, wenn mir danach ist.
Das Recht auf ein eigenes (Kinder-)Zimmer wird in den wenigsten Familien hinterfragt – sofern ausreichend Platz vorhanden. Wie sieht das bei den Eltern aus? In meiner Familie war es seit ich denken kann so, dass auch mein Vater sein eigenes Zimmer hatte. Er nannte es Arbeitszimmer. Gearbeitet hat er dort auch aber es war genauso sein Rückzugsort, der Raum, den er mit Postern und Bildern und Modelleisenbahnen gefüllt und gestaltet hat. Er war dort, wenn er glücklich war, wenn er wütend war und eben beim Arbeiten. Solch ein Zimmer hatte meine Mutter nie. Ich habe nie herausgefunden, ob sie es vermisst hat, aber schon vor vielen Jahren fragte ich mich, wohin sie sich zurückzieht, wenn ihr mal alles zuviel wird. Welche Tür sie hinter sich verschließen kann. Und ob es ihr überhaupt gestattet wird. Es sind ja immer die Momente, in denen eine nicht gestört werden will, die, in denen alle etwas von ihr wollen. Theoretisch hatte sie das ganze Haus zur Verfügung, aber mal ehrlich – es ist nicht dasselbe.

Es ist eine Frage nach dem Recht auf Privatsphäre. Die mir erlaubt einen Ort außerhalb jeden Fremdeinflusses zu haben. Einen Ort, an dem ich nicht für andere „verfügbar“ sein muss. Der mir eine gewisse Unabhängigkeit von anderen erlaubt. Einen Raum in dem ich so sein kann, wie ich will. Das können Tagebücher sein, bei denen ich sicher sein will, dass sie niemand anderes liest. Das können Telefonate sein, von denen ich nicht will, dass sie irgendjemand mithört. Das können sogenannte „geschützte Räume“ sein, in denen ich sicher sein will, nicht wegen einem Teil meiner Identität und meines Selbst kritisiert und angefeindet zu werden. Neben der materiellen Sicherung und materiellen Unabhängigkeit braucht es auch einen Raum für unabhängiges Denken, um Schaffen zu können. Unabhängig von Bewertung und Vorgaben. Unabhängig von Verboten. Unabhängig von der Zuneigung anderer.

Eine weitere Dimension des „eigenen Zimmers“ ist dieses „eigen“, das „ich“. Es braucht ein Gefühl für die eigene Person, für eigene Interessen und Vorlieben oder Abneigungen. Es braucht ein Gefühl für eigene Grenzen. Und diese Sicherheit, dass ich auch eine vollwertige und liebenswerte Person bin, wenn sich Teilbereiche meines Lebens, meiner Interessen, meiner persönlichen individuellen Schwerpunkte verlagern. Ihr schmunzelt sicher aber das ist nicht selbstverständlich. Ich habe zu viele Menschen erlebt, denen zu viel egal war. Die nicht wussten, was sie mögen. Weil sie sich nie ausprobiert haben. Weil ihnen bei vielem, für das sie Interesse zeigten, gesagt wurde, das können sie sowieso nicht. Weil sie es nicht mal probieren durften. Weil es immer einfacher ist, das zu tun und zu wollen, das andere vorgeben. Damit eckt niemand an. Damit geht niemand etwas ein – weder das Risiko zu scheitern aber eben auch nicht die Chance (etwas) zu gewinnen.

Die vierte und meiner Meinung nach wichtigste Dimension, die das „eigene Zimmer“ anspricht, ist nach Woolf der Platz in der Geschichte. Die Möglichkeit mit den eigenen Gedanken irgendwo anzusetzen, einen Diskurs zu starten oder an ihm mitzuwirken. Einen kollektiven Gedanken mitzugestalten. Beachtet zu werden, nicht vergessen. Das ist auch der Raum, den ich für diesen Monat geboten bekomme und der mir einen Platz in der Geschichte der Missy-Gastblogs einräumt.

Dies sind eine Art Grundbedingungen, die Schaffen und Gestalten ermöglichen. Nicht nur im Bereich der Literatur, sondern in allen Bereichen. Auch und gerade online in den Blogs. Um zu bloggen brauch es materielle Sicherheit, einen Raum, Zeit, Ruhe, Bewusstsein für das eigene Selbst, Selbstvertrauen.
Und es braucht ein wenig Mut. Mut die eigene Meinung als relevant zu erachten, sie zu formulieren und der Internetöffentlichkeit Preis zu geben. Sie zur Diskussion zu stellen. Denn meiner Meinung nach geschieht Aneignung von Räumen, die Gestaltung und in Anspruchnahme des „eigenen Zimmers“ vor allem durch TUN, durch Auseinandersetzung. Auch der virtuelle Raum kann ein eigener sein, kann ein diskursiver sein und zu einem gemacht werden. In meiner frühen Jugend waren das glitzernde, blinkende Beepworld-Homepages mit furchtbar hässlichen und lauten Midi-Dateien. Heute sind das Blogs, die sich relativ einfach auch individuellen Wünschen anpassen lassen.

Doch der Zugang zu diesen Grundlagen ist nicht für alle gleich. Woolf sprach in ihrem Essay an, dass Frauen durch Zugangsbeschränkungen (zu Wissen, zu Orten wie Bibliotheken, zu Seminarräumen) in geringerer Weise die Möglichkeit hatten, in Kontakt mit Literatur und Literaturschaffen zu kommen, als Männer. Dass sie fester in häusliche Strukturen eingebunden waren, und doch selbst in diesen ihnen selten ein eigener Raum zugestanden wurde. Vom weiblichen Zugang zum öffentlichen Gemeinwesen ganz zu schweigen. Das sieht heute doch schon ganz anders aus – oder?

Meiner Meinung nach sind die Zugänge zu Räumlichkeiten, reellen wie virtuellen, nach wie vor überaus ungleich. Nicht nur in geschlechtlicher Hinsicht. Auch mit dem Blick auf die Verteilung von materiellen Ressourcen, die Frage von Gesundheit und körperlicher/geistiger Einschränkung, dem Alter oder Ethnizität.

Und so halte ich ihn auch heute noch für äußerst aktuell und wichtig: Den Ruf nach einem „eigenen Zimmer“, einem Zimmer nur für sich.


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