Team Märchentanten: Hänsel und Gretel und die Hexenjäger

Wenn wir also heute an Märchen denken, fallen uns wahrscheinlich zuallererst die klassischen Märchen wie Dornröschen, Aschenputtel oder Rapunzel ein

28.05.13 > Uncategorized

Erst kürzlich war ich im Kino und habe mir den Film „Hänsel und Gretel – Hexenjäger“ angeschaut. Ohne mir vorher Informationen darüber zu holen, dachte ich mir, es wäre doch mal wieder interessant, ein Märchen anzuschauen und ein wenig Kind zu sein. Natürlich wusste ich, dass es eine Neuverfilmung des Märchens sein sollte, aber was da auf eine zukommt, weiß man ja vorher dann doch nie so genau.

Wenn wir also heute an Märchen denken, fallen uns wahrscheinlich zuallererst die klassischen Märchen wie Dornröschen, Aschenputtel oder Rapunzel ein. Sie alle wurden uns in unserer Kindheit erzählt, sind in der westlichen Gesellschaft quasi zur Tradition geworden und erfreuen sich allgemeiner Beliebtheit unter Kindern, werden aber auch von vielen Erwachsenen noch gerne gelesen. Es erscheint uns großes Vergnügen zu bereiten, in Geschichten über Gut und Böse einzutauchen und zu wissen, dass ersteres am Ende doch immer siegen wird. Auch das Muster, nach dem die meisten Märchen aufgebaut sind, ist oft das Gleiche: Ein starker Mann (ein Prinz oder mutiger armer Bauernjunge) hat sich unsterblich in eine auf Hilfe angewiesene Frau (Prinzessin oder arme Magd) verliebt und versucht diese aus den Fängen einer bösen Stiefmutter, Hexe oder eines gefährlichen Drachen zu befreien – und dies auf möglichst heldenhafte Weise.

Was hier also deutlich wird, ist, dass es eine klare Rollenteilung der Geschlechter gibt: Der Mann wird als der aktive, starke und mutige Part dargestellt, wohingegen die Frau als passiver, hilfloser und verletzlicher Part darauf wartet, gerettet zu werden und ihren Helden anzuhimmeln.

Es stellt sich nun also die Frage, warum wir in unserer vermeintlich emanzipierten und aufgeklärten Gesellschaft noch immer ein solches Interesse an Geschichten haben, in denen die Geschlechterrollen so klassisch verteilt sind. Und diese Frage haben sich wohl auch die großen Filmemacher Hollywoods gestellt. Wie man in den letzten Monaten am Kinoprogramm ablesen konnte, geht der Trend der Märchenverfilmung (zumindest teilweise) in Richtung moderner Rollenverteilung.

Wer den Film gesehen hat weiß, dass in der neuen Version die Gretel nicht mehr von einer schwachen, zierlichen Frau gespielt wird, sondern in Form von Gemma Arterton als eine starke, selbstbewusste Kämpferin dargestellt wird. Sie ist nicht auf männliche Hilfe angewiesen und weiß sich sehr gut selbst mit Waffen zu verteidigen und aktiv auf Hexenjagd zu gehen. Jeremy Renner alias Hänsel wird zwar nicht (wie man nun vielleicht vermuten würde) als schwächlicher Held dargestellt, jedoch ist er im Laufe des Films darauf angewiesen, dass Gretel ihm das Leben rettet, was so ziemlich das totale Gegenteil von dem ist, was wir aus den klassischen Märchenerzählungen kennen.

Einzig die Rolle der Hexen wird noch immer den Frauen zuteil. Wie in allen Märchen werden sie auch hier als hässliche, meist alte Frauen gezeigt, die Böses im Sinn haben (obgleich es auch gute Hexen gibt, welche dann jedoch nicht mehr hässlich sind, sondern wiederum dem Bild der schönen, starken Frau entsprechen). Auch dies ist nicht ungewöhnlich, denn in Märchen sind es häufig die Frauen, die als böse, alte Hexe dargestellt werden, selten ist ein alter, unschöner Mann der Bösewicht in einem Märchen.

Warum das heute immer noch so ist, ist eine Frage die es wohl noch zu klären gilt, jedoch scheint sie nicht allzu sehr hinterfragt zu werden, denn in dieser Hinsicht ändert sich in keiner der modernen Märchenneuverfilmungen etwas. Was sich an ihnen allerdings wunderbar sehen lässt, ist, dass ein Märchen sehr wohl auch dann funktioniert, wenn man einmal nicht die klassische Rollenverteilung des Zwei-Geschlechter-Modells mit seinen Rollenverteilungen mit einbezieht. Ein Märchen verliert auch dann nicht an Spannung oder Dramatik, wenn eine starke Frau mit Waffen umgehen kann und mit einem Mann zusammen kämpft, ohne dass sie andauernd auf seine Hilfe angewiesen ist. Meiner Meinung nach könnte man dieses Prinzip auch auf die Rolle der Bösewichte in Märchen übertragen und vielleicht auch einmal einen männlichen Zauberer als Ursprung allen Übels besetzten, was jedoch vorerst wohl eine Utopie bleiben wird.

Ob sich also in Zukunft ein gutes Beispiel an den Neuverfilmungen der alten Märchen genommen wird, oder ob sie ein „Ausrutscher“ oder Test sind, mit denen man herausfinden will, ob sich solche Filme verkaufen lassen (was in Hollywood nun mal an erster Stelle zählt), bleibt abzuwarten. Wünschenswert wäre jedoch, wenn man so den Blick der Gesellschaft auf das noch immer – oder gerade besonders – aktuelle Thema der Rollenverteilung der Geschlechter lenkt und so den Blick auf diesen Diskurs beginnt ein wenig zu verändern und die Augen der Leute zu öffnen.

In dem Sinne: Haltet eure Augen offen nach gelungenen Umsetzungen von modernen Geschlechterrollen und freut euch, dass wir so vielleicht einen weiteren Schritt in Richtung Gleichberechtigung geschafft haben!

Bis demnächst,

euer Rübezahl