„Kooperation und Demokratie sind in Europa nicht gängige Praxis“

“Sneak Preview” zu DARE THE IM_POSSIBLE: Debbie Valencia über die Auswirkungen der europäischen Krise in Griechenland.

29.09.15 > Uncategorized

Für mich persönlich bedeutet die Krise vor allem Unsicherheit. Ich weiß nicht, was als Nächstes passieren wird. Mein Sohn, der viele Jahre unabhängig war, ist aus seiner WG ausgezogen und wohnt jetzt wieder bei uns. Es ist sehr schwierig für ihn, einen Job zu finden. Für junge Menschen ist es besonders problematisch, weil sie nicht an Schwierigkeiten gewöhnt sind. Wir Älteren wissen eher, was das bedeutet. Mein Mann und ich sind aus politischen Gründen nach Griechenland gekommen. Wir waren aktiv in der demokratischen Bewegung auf den Philippinen während der Diktatur von Marcos. Wir mussten fliehen und sind nach Europa gekommen, um hier eine Solidaritätsbewegung aufzubauen.

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Debbie Valencia ist 65 und Leiterin der Kindertagesstätte Munting Nayon, Athen

Auch heute ist der Alltag auf den Philippinen sehr beschwerlich. Eine gute Anstellung zu finden ist auch für studierte Menschen fast unmöglich. Also wandern sie aus. Viele Philippino_as in Griechenland sind Frauen: ausgebildete Lehrerinnen und Krankenschwestern, die hier jedoch als Haushaltshilfen arbeiten. Ihre Gehälter sind in den letzten Jahren massiv gesunken. Das führt dazu, dass sie weniger oder gar kein Geld nach Hause schicken können.

Wir haben hier viele politische und soziale Netzwerke von Philippino_as und anderen MigrantInnen und Flüchtlingen oder unsere Frauenkooperative DIWATA. Die Kooperative haben wir vor vielen Jahren gegründet, aber speziell in den vergangenen Jahren hat sie uns sehr geholfen. Wir konnten Mikrokredite vergeben, mit denen Frauen ihre Familien zu Hause unterstützen. Anfang Juli hat unser Frauennetzwerk MELISSA seine Räume eröffnet. Wir möchten MigrantInnen und Flüchtlinge stärken, unsere Fähigkeiten an sie weitergeben. Wir würden auch gerne aktiver werden und kooperative Wirtschaftsformen gründen.

In den letzten Jahren haben sich in anderen europäischen Ländern sehr viele Solidaritätsbewegungen entwickelt zur Unterstützung von Griechenland. Das gab es vorher nicht. Doch Kooperation und Demokratie sind in Europa leider nicht gängige Praxis. Ich wünsche mir ein Europa, in dem Macht, Reichtum und Ressourcen gerecht verteilt sind. Wir sollten nicht nur auf den eigenen Vorteil bedacht sein.“
Protokoll und Fotos: Carolin Philipp

Im Rahmen von Dare the im_possible wird Debbie Valencia gemeinsam mit Nelli Kampourien und in Berlin sein. Das Panel moderiert Margarita Tsomou.

Freitag, 16.10.2015 von 20.00 – 22.00 Uhr
Um Anmeldung wird gebeten.

Deborah Carlos Valencia gründete 1985 KASAPI, die erste philippinisch-migrantische Organisation in Griechenland, deren Mitglieder zu 80% aus Frauen bestehen. Unerschütterlich in ihrem feministischem Engagement gründete sie 1991 das DIWATA Frauennetzwerk in Griechenland. Sie ist Mitglied des Women’s Committe of the EU Migrants Forum in Brüssel und vertrat das EU Migrants Forum auf dem 4. Weltfrauentag, 1995, in Peking, China. Aktuell ist sie Vorsitzende der Munting NAYON Cultural School. Sie ist auch Gründungsmitglied von MELISSA – einem Netzwerk migrantischer Frauen in Griechenland.