Müssen wir glücklich sein wollen?

Die britische Theoretikerin Sara Ahmed fragt, ob die Suche nach Glück nur ein Mittel der Unterdrückung ist.

Von Sara Ahmed
Übersetzung Jennifer Sophia Theodor

Glück/lichsein wird immer wieder als Objekt menschlichen Begehrens beschrieben – als das, wonach wir streben, als das, was dem menschlichen Leben Sinn und Bedeutung verleiht. Wie Bruno S. Frey und Alois Stutzer argumentieren: „Alle möchten glücklich sein. Es gibt wahrscheinlich kein anderes Ziel im Leben, das ein so hohes Maß an Einigkeit gebietet“ (2002, Happiness and Economics, vii). Vielleicht beschreiben sie hier den Konsens, dass Glücklichsein der Konsens ist. Stimmen wir dem Glück/lichsein zu? Und in was willigen wir eigentlich ein, wenn wir dem Glück/-lichsein zustimmen?

Sogar ein Philosoph wie Immanuel Kant, der das eigene Glück des Individuums außerhalb des Bereichs der Ethik verortet, behauptet: „Glücklich zu sein, ist notwendig das Verlangen jedes vernünftigen, aber endlichen Wesens und also ein unvermeidlicher Bestimmungsgrund seines Begehrungsvermögens.“ ([1788] 1929, Kritik der praktischen Vernunft, 28). Und doch legt Kant selbst bedauernd nahe, dass „der Begriff der Glückseligkeit ein so unbestimmter Begriff ist, daß, obgleich jeder Mensch zu dieser zu gelangen wünscht, er doch niemals bestimmt und mit sich selbst einstimmig sagen kann, was er eigentlich wünsche und wolle.“ ([1785] Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, AA 4, 418).

Wenn es das Glück/lichsein ist, was wir uns wünschen, bedeutet das nicht, dass wir wissen, was wir uns wünschen, wenn wir uns das Glück/lichsein wünschen. Vielleicht beschwört das Glück/lichsein sogar seinen eigenen Wunsch herauf. Oder es behält seinen Platz als Wunsch dadurch, dass es nicht gegeben ist. […]

Glück/lichsein formt, was eine Welt bildet. Wenn ich es als eine Art des Welt-Machens beschreibe, berufe ich mich dankbar auf Arbeiten von feministischen, Schwarzen und queeren Autor*innen, die auf unterschiedliche Weise gezeigt haben, wie Glück/lichsein benutzt wird, um Unterdrückung zu rechtfertigen.

Feministische Kritiken der Figur der „glücklichen Hausfrau“, ­Schwarze Kritiken des Mythos des „glücklichen Sklaven“ und queere Kritiken der Sentimentalisierung von Heterosexualität als „häuslichem Glück“ haben mich am meisten über das Glück/lichsein und die Bedingungen seiner Anziehung gelehrt.

Diese spezifischen Kritiken sind Teil von langen Geschichten der akade…

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