Supereklig und abgefreakt

Laura Lackmanns Roman versucht, an Kuttners und Roches Witz und Provokatio anzuknüpfen – erfolglos.

Annette Walter

Es war zu erwarten, dass Charlotte Roches Trilogie „Feuchtgebiete“, „Schoßgebete“ und „Mädchen für alles“ sowie später Sarah Kuttners „Mängelexemplar“ weitere Epigonen auf den Plan rufen würden. Das Genre: Psychisch labile Heldin hangelt sich durch eine chaotische Existenz und kommentiert das Geschehen in lässigem Fäkalzotensprech. Als streife man sich den Mantel der Depression über, um einen kecken Roman zu schreiben. Nun hat sich Laura Lackmann, die übrigens auch „Mängelexemplar“ verfilmt hat, daran versucht. Keine weise Entscheidung.

Autorin und Filmemacherin Laura Lackmann © Beda Mulzer

Die Geschichte von Lackmanns Heldin Luzy ist vor allem durch schräge Typen, verkorkste Liebschaften und misslungenen Sex charakterisiert: Apollo, Peter, Jonas – alle Loser. Recht viel mehr Input hat Luzy aber nicht in ihrem Leben. Die Beziehung zu den Eltern ist dysfunktional, was sich in einer latent destruktiven Ader äußert: „Die Chance, dass ich auf mich gestellt, ohne schrecklichen Freund durchs Leben komme, ist gleich null.“

Lackmanns Buch wandelt in seiner Selbstentblößung und derben Sprache auf den Spuren von Roche, ohne allerdings deren Witz zu erreichen. Dieser Text giert verzweifelt nach Situationskomik, ist aber leider komplett unlustig. Noch schlimmer: Luzys Geschichte lässt einen als Leserin völlig kalt. Nach 318 Seiten bleibt allein das schale Gefühl, dass uns das Schicksal dieser Frau keinen Deut interessiert, so blass und banal bleibt die Figurenzeichnung. Die Existenzkrise als humorfreie Lachnummer.

csm_9783471351208_cover_de071f1b64Laura Lackmann: „Die Punkte nach dem Schlussstrich“
Ullstein Verlag
320 Seiten
bereits erschienen

Noch dazu nervt der überdrehte Hipstersprech. Lackmanns Vokabular ist das eines Teenagers, den sich ARD-Redakteur*innen für einen Degeto-Fernsehfilm mit Wolke Hegenbarth in der Hauptrolle ausgedacht haben. Alles ist „supereklig“, „flirty“ oder „abgefreakt“.

Leider entwickelt sich auch kein stimmiger Erzählfluss. Skurrile Episode für Episode wird aneinandergereiht, scheinbar, um einen Knaller nach dem anderen zu zünden. Mal fabuliert die Ich-Erzählerin von einem Kondom, das in ihr Gehirn gewandert sein und dort eine wichtige Stelle beschädigt haben könnte (was erklären würde, warum sie uns die ganze Zeit derartigen Humbug erzählt). Dann stehen da tatsächlich Sätze wie: „Ich wünschte mir, dass Jonas’ Spermien kleine Mäuler hätten, die alles auffraßen, was da noch so von Peter in mir rumschwamm. Wie Godzilla würden sie alles zunichtemachen, was sich ihnen in den Weg stellte, bis sie aus der Muschi den Seiteneingang meiner Seele gefunden hätten …“ „Gala“- und „Glamour“-Leser*innen werden es lieben. Ein emanzipatorischer Akt ist nicht zu erkennen.


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