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Selbstbestimmt und unbetreut

Freizeit für alle! In der „Bedürfniszentrale“ frönen Menschen mit und ohne Behinderung dem süßen Nichtstun.

08.09.17 > Arbeit, Kunst

Von Katharina Payk

Dolce far niente: Beim Wiener Stadtfestival Wienwoche dreht sich dieses Jahr alles um das süße Nichtstun – wobei das Aufbegehren „gegen die Zustände gegenwärtiger Arbeitsverhältnisse“ sehr wohl dazugehört. Mehr als ein Dutzend soziale und künstlerische Projekte beschäftigen sich hierbei mit den Möglichkeiten eines Lebens jenseits kapitalistischer Produktion.

© Pro21/Anna Breit

Besonders kreative Intervention kommt von der Wiener Gruppe PRO21, die sich aktivistisch gegen bevormundende Konzepte, wie sie sich oft hinter Labels wie „Inklusion“ und „Lebenshilfe“ verstecken, einsetzen und stattdessen für „Kampfassistenz“, wie sie es selbst nennen, stehen: radikale Forderungen be_Hinderter Menschen. Bei der Wienwoche errichtet PRO21 im vierten Wiener Gemeindebezirk die „Bedürfniszentrale“, wo Entspannungsmassagen, Cocktails und DJ-Line-ups genossen werden können.

Für viele be_Hinderte Menschen sind die Realitäten in der Arbeitswelt ein doppeltes Ärgernis. Nicht nur haben Menschen mit Be_Hinderungen keinen oder erschwerten Zugang zu regulären Jobs, oft arbeiten sie zudem in sogenannten Tagesstrukturen oder Werkstätten. Aber chillig ist da gar nichts: Für ihre Arbeit erhalten sie dort keinen Lohn, sondern Taschengeld in Höhe von durchschnittlich 65 Euro im Monat bei acht Stunden täglich, fünf Tage die Woche. Das sind durchschnittlich 3,65 Euro pro Tag – ohne Pensions- und Krankenversicherung, klärt die Gruppe PRO21 auf. Wie finanziert man damit Freizeit und süßes Nichtstun?

Mit dem Begriff „Taschengeld“ geht die Infantilisierung und damit auch Nicht-Anerkennung der Werktätigen als ebenbürtige Arbeitnehmer*innen einher. Menschen mit Be_Hinderungen werden also in eine statusniedrige Position gewiesen und bleiben aufgrund des geringen „Gehalts“ gesellschaftlich nur eingeschränkt handlungsfähig. Josefine Thom, Aktivistin bei PRO21, weist darauf hin, dass in sogenannten Tagesstrukturen und Werkstätten zudem oft schwere körperliche Arbeiten verrichtet werden. „Auch Menschen, die geistig behindert werden, haben sogenannte Folgeerscheinungen von Arbeit wie Burn-out und physische Beschwerden. Diese finden aber oft keine Berücksichtigung“, berichtet sie. Daher lädt die Bedürfniszentrale zum „After-Tagesstruktur-Sundowner“ und zu kostenlosen Massagen ein.

 Grundsätzlich bestehe kein Unterschied zwischen den Freizeitbedürfnissen von Menschen mit und ohne Behinderung, so Thom. Neben den eigens für sie geschaffenen und fremdbestimmten Veranstaltungen wollen beispielsweise kognitiv be_Hinderte Menschen auch Aktivitäten außerhalb des geschützten und meist vorgegebenen Rahmens – also ohne ihre Eltern oder ohne institutionelle Betreuung – unternehmen. Die Bedürfniszentrale ist daher elternfrei und unbetreut.

Für Menschen, die Persönliche Assistenz benötigen, aber keine kriegen (Menschen, die eine*n Sachverwalter*in haben, haben in Österreich keinen Anspruch auf Persönliche Assistenz), gibt es in der Bedürfniszentrale die Möglichkeit, sich eine*n „Kulturbrudi“ zu buchen, um das Angebot selbstgewählt und autonom besuchen zu können. Dazu wird in Zusammenarbeit mit den Wiener Lokalbahnen eine temporäre Busstation für barrierefreie Fahrten vor der Bedürfniszentrale errichtet.

22.–29.09., Die Bedürfniszentrale von PRO21
Infos & Details zu den Veranstaltungen und zum Wienwoche-Festival unter pro21.postism.org sowie wienwoche.org

Eine Diskussionsveranstaltung im Rahmen der Ausstellung „How To Live Together“ der Kunsthalle Wien zu experimenteller Kunst- und Kulturvermittlung geht der Frage nach, wie wir – etwa soziale oder kommunikative – Barrieren, abbauen können – das beginnt schon bei der Einladungspolitik: „Wie werden z. B. Menschen, die geistig behindert werden, erreicht? Andere Textformate wie Leichte Sprache könnten eine Option sein, mehr Menschen aktiv einzuladen“, erklärt Josefine Thom. Darüber hinaus hat PRO21 unterschiedliche Künstler*innen eingeladen, an der Raumgestaltung teilzuhaben, inklusive „aufgepimpter“ Rollis, Videos und Freizeit-Pulli-Kollektion von peng!, einem Wiener Vintage Store. Explosion statt Inklusion!

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