Im Westen nichts Neues?

Der Look der ersten Postsowjetischen Generation macht sich tief in westlichen Ästhetitkvorstellungen breit.

17.03.18 > Mode & Beauty

Von Lena Grehl

Designermarken wie Vetements, Balenciaga und the Großmeister himself, Gosha Rubchinskiy, gehören auch im Jahr 2018 noch zu den coolsten Kids auf dem Schulhof, der sich Pariser Fashionweek nennt. Im Westen wirklich nichts Neues: Wir sehen Dinge, die wir nicht sofort verstehen, verleihen ihnen Exotikstatus und bereichern uns so lange daran, bis Discounter-Kleiderstangen oder unsere Mamushkas davon Wind bekommen. Um das Phänomen verdaulicher zu machen, geben wir dem Kind einen Namen: Post-Sowjet-Chic.

© Adidas

Doch wie genau kam es dazu, dass westliche Marken, Menschen und Medien sich auf einmal vor Begeisterung überschlagen, anstatt die Nase zu rümpfen in Anbetracht des „Ostblock-Chic“? Das Klischee, das beim Aufrufen typisch „russischer Looks“ durch die meisten Köpfe spukt, war bis dato meist das einer überfeminisierten, ostentativ prunkvollen Weiblichkeit: ausladende Pelzmäntel, schwindelerregend hohe High Heels, exzessiv viel Make-up. Weil, so die Rationalisierung, „die im Ostblock doch nichts hatten“ und Jahre des Mangels und der Abgeschiedenheit nun mit demonstrativem Bling-Bling kompensiert werden müssten. Doch die Looks, für die Rubchinskiy und Gvasalia aktuell so gefeiert werden, erzählen genau den anderen Teil der Geschichte. Roughe, maskuline Streetstyles, gern inszeniert vor zerbröckelnden Monumenten des Sozialistischen Brutalismus, verweisen ebenso stolz auf ihre Verankerung in proletarischen Anti-Looks wie auch auf die untergegangene Sowjetunion, der mit kyrillischen Schriftzeichen und Hammer-und-Sichel-Symbolen gedacht wird. Während man früher eher verschämt westliche und damit quasi unerreichbare Brands fakte, läuft dieser Prozess heute ganz offen in der Form von Koops mit internationalen Playern wie Adidas, Reebok oder Fila.

Der Hype erklärt sich zum Teil aus den mittlerweile altbekannten Retrozyklen in der Fashionwelt, in der seit einer Weile nun eben die 1990er „dran sind“. Direkt nach dem Fall des Eisernen Vorhangs gab es eine erste Welle der Begeisterung für kyrillische Buchstaben und vermeintlich sozialistische Looks wie Lenin-Mützen oder Hosenträger. Neu jedoch ist, dass es nun in der ehemaligen Sowjetunion geborene Kreative sind, die auf ihr eigenes Erinnerungsarchiv zurückgreifen, anstatt dass aus dem Westen zusammenhanglos als russisch-sozialistisch empfundene Versatzstücke collagiert werden.

Wer in diesem Zusammenhang Gosha Rubchinskiy oder Demna Gvasalia, Kreativdirektor von Vetements und Balenciaga, sagt, sollte aber auch Lotta Volkova sagen. Die aus Russland stammende ehemalige Designerin und heutige Stylistin wurde 2004 in London durch Rei Kawakubo, die Gründerin des Labels Comme des Garçons, entdeckt, traf 2007 in Paris auf die Fotografin Ellen von Unwerth und arbeitet seitdem außerordentlich eng und erfolgreich mit Gosha Rubchinskiy und Vetements zusammen. Sie sind die Aushängeschilder westlicher Medien für eine neue postsowjetische Generation. Rubchinskiy und sie – beide 1984 im heutigen Russland geboren – teilen kulturelle und zeitgeschichtliche Erfahrungen. Während viele Männer Anfang der 1990er-Jahre einer kollektiven Depression verfielen und nach einer neuen Männlichkeit suchten, wurden sowjetische Frauen erneut mit einer patriotischen Bringschuld und Doppelrolle als Arbeitskraft und Mutter beladen.

Volkova sprach in einem Interview mit der Internetplattform „Business of Fashion“ davon, sich wegen der propagierten Bilder der starken, sow­jetischen Frau, unter denen sie und ihre Mutter jeweils aufwuchsen, nie als das schwächere Geschlecht gefühlt zu haben. Im Gegenteil, Stalin kultivierte das Image heroischer Revoluzzerinnen und glorifizierte die Arbeitskraft sowjetischer Frauen. Die Oktoberrevolution und die darauf folgende „Diktatur des Proletariats“ bildeten zwar die erste Basis zur Befreiung der Frau, jedoch wurden durch die fortschreitende Industrialisierung und Bürokratisierung durch Stalin Alternativen zu traditionellen Familienbildern stark eingeschränkt. Millionen Frauen wurden zur Lohnarbeit gezwungen und öffentliche Hilfseinrichtungen wie Kindergärten und Volksküchen ließ er absichtlich verkommen.

Es waren jedoch schon zu Beginn der Sowjetunion vor allem Frauen, die eine minimalistisch-pragmatische Vorstellung von Kleidung prägten, die bis heute in internationalem Design nachwirkt. Künstlerinnen wie Ljubow Popowa und Warwara Stepanowa waren Teil einer Bewegung, die versuchte, „die Kunst in das Leben zu überführen“, also Alltagsgegenständen Lenin‘schen Utilitarismus und Kunst an sich klassenunabhängige Zugänglichkeit einzuhauchen. Neben Textilgrafiken, Bühnenbildern und Malereien entwickelten sie auch Kleidungsmodelle, die mit ihrer Betonung von Bewegungsfreiheit einerseits und Serialität andererseits den Weg nicht nur für westliche Prêt-à-porter-Massenproduktionen, sondern eben auch für Sportswear ebneten. Die von Stepanowa 1923 entwickelten Unisex-Sportuniformen mit ihren aus den Prinzipien des Konstruktivismus abgeleiteten geometrischen Formen und Farbblöcken gelten heute als direktes Vorbild minimalistischer Looks.

Wie jedoch bildete sich Mode später in einem Regime heraus, in dem zuallererst die Grundbedürfnisse von Millionen gedeckt werden mussten? Die Kulturwissenschaftlerinnen Julia Hargaßner und Elena Huber untersuchten hierzu die sowjetischen Modediskurse in der Tauwetterzeit und fanden heraus, dass Kleidung im Sozialismus vor allem als ideologischer Imperativ fungierte und – vordergründig – selten etwas anderes als Zweckdienlichkeit und hygienische Aspekte für sich beanspruchte: minimalistisch, kein ausladender Schmuck, kein Schnickschnack. Mode hatte aber noch eine weitere Funktion: Sie war fähig, Dissident*innen und Klassenfeind*innen, wie beispielsweise die Anhänger*in­nenschaft der „Stiljagi“-Bewegung von den späten 1940er- bis in die frühen 1960er-Jahre, zu markieren. Anhänger*innen dieser Bewegung ließen sich als sowjetische Dandys beschreiben, die Jazz hörten, sich auffällig, aber ordentlich und nach westlichem Vorbild kleideten. Diese oder jene Alternativen zu verstaatlichten Kleidungsvorschriften gingen mit illegalen Paketen aus dem Westen oder sehr passioniertem Hang zu Do-it-Yourself einher.

Die Regierung nahm das laute Nachfragen nach Westwaren scheinbar ernster und versprach erschwingliche Konsumgüter für eine neu konstruierte Mittelschicht. Es gab sowjetische Jeansmarken und staatliche Nähworkshops – jedoch nur, sofern die politische Loyalität von Konsument*innenseite stabil blieb und solange der Vorrat reichte. Was aus dieser Ära in der internationalen Mode bis heute bleibt, ist der bedachte Minimalismus sowjetischer Designs – den findet man so ähnlich heute auch bei Jil Sander oder Stella McCartney.

Relikte der über viele Jahrzehnte abgeschotteten UdSSR sind auch deutlich in Rubchinskiys Arbeiten zu spüren. Er benutzt sein Herkunftsland als Ausgangsmaterial der Inspiration und verleiht seinen Kollektionen weltweit marktfähige Wirkungsmacht.
Als erste vom eisernen Vorhang befreite Generation, die ihre (trans-)nationale Vergangenheit ohne Dämonisierung oder Nostalgie analysieren kann, können und müssen sie neue Visionen erarbeiten. In seinen Kreationen fröhnt er auch mal dem Look der „Nazbols“, einer jungen radikalen Gruppierung um die nationalen Bolschewiken (wobei hier zu hoffen bleibt, dass der Zugriff auf den Querfront-Nazi-Look unter ähnlich dissidenten Vorzeichen funktioniert wie die westliche Appropriation der Skinhead-Bomberjacke). Er lässt sich von britischer Hooligankultur und russischer Rave-Culture inspirieren. Die Laufstegmodelle (hier: russische – äußerst junge – Männer mit Instagram-Profil), die er zusammen mit Lotta Volkova castet, folgen einer groben Ästhetik: eingefallene Wangen, drahtige Körper – die Perfektion des Rave-Nerd-Looks mit makellos kahl geschorenen Köpfen oder akzentuiert geschnittenen Vokuhilas. Das Ineinandergreifen verschiedener Gesellschafts- und Kultursysteme und die Nachwirkungen, die die Restriktionen in einem gescheiterten sozialistischen Staat auf die Entfaltung des Individuums haben, scheinen in bis zum Unwohlsein hochgezogenen, acidwashed Jeans zu resultieren. Dazu werden Pullover mit riesigen Markenemblemen aus hyperironischen Kollaborationen mit klassenfeindlichen Marken kombiniert. Aus planwirtschaftlicher Warenknappheit wird so künstliche Verknappung.

Die postsowjetische Realität hält heute aber auch die extreme Kaufkraft der Oligarchen bereit. Sie lassen den Blick auf den Westen nach innen, also ostwärts schweifen – und viele französische und italienische High-End-Marken tun es ihnen gleich. Das Raubtier Kapitalismus, das seit dem Fall der Sowjetunion und der gescheiterten gerechten Umverteilung von Staatskapital seinen Streifzug durch das ehemalige Zentrum Russland führt, zieht dabei aber noch an ewig vielen Lenin-Denkmälern vorbei. Turbokapitalismus, der sich in diesem Umfang nur auf Rassismen, Sexismen und andere Diskriminierungsformen stützen kann, trifft auf eine Sowjetnostalgie, die in ihren revolutionären Anfängen genau diese -Ismen aushebeln wollte.

Doch der Enthusiasmus für den „Arm, aber sexy“-Look, der den Blick verklärt auf eine Zeit richtet, in der die globalen Grenzziehungen scheinbar eindeutiger waren, stößt auch auf Kritik. Aleks Eror, Autor der Streetstyle-Site „High Snobiety“ und selbst in Ex­jugoslawien geboren, sieht den Postsowjettrend in erster Linie als „Slumming“-Praxis westlicher Mittelschicht-Kids, die ob der Realness der kleinkriminellen Abgefucktheit der Styles völlig außer Rand und Band geraten. Er zieht Parallelen zur (ironischen) Aneigung von französischen Banlieue-, britischen Chav- oder amerikanischen White-Trash-Looks und warnt vor einem modischen „Klassentourismus“. Denn die Hipster der westlichen Hemisphäre – wie auch die wenigen Designer, die es von außen in deren Fashionhochburgen geschafft haben – haben das Privileg, beim nächsten Trend die Armutsklamotte samt ihrer negativen Stereotype wieder abzulegen. Für die Leute, die tatsächlich aus Geldmangel schlecht sitzende Tracksuits und ausgeleierte Sweater tragen, gilt das jedoch nicht.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 01/18.

Du kannst nicht genug bekommen? Unser Print-Abo versorgt Dich mit dem Neuesten in Sachen Politik, Pop, Debatten und Veranstaltungen! 6 Hefte für 30 Euro direkt zu Dir nach Hause. Hier geht´s zum Missy-Abo.

Beitragsnavigation