Zwei Seiten einer Münze

Diesen Monat schreibt Casino, eine Schwarze trans Sexarbeiterin, die Kolumne von Christian Schmacht.

Profilfoto Christian Schmacht

Christian Schmacht
Christian Schmacht, geboren 1989, ist queerer Autor und Sexarbeiter. Im Herbst 2017 erscheint seine erste Novelle „Fleisch mit weißer Soße" bei der Edition Assemblage. Er mag Geld und Sex, aber am liebsten beides zusammen. Er mag es außerdem sehr, das hart verdiente Geld für Luxusartikel auszugeben. Auf Twitter schreibt er unter @fleischmws.

Von Casino

Bei meinen ersten Erfahrungen mit Sexarbeit hatte ich noch männlich performt. Genau gesagt: „Männlicher, Schwarzer Top mit hartem Schwanz, der geile Löcher zur Besamung sucht“, wie es in meinem Profil stand. Das hatte ich geschrieben, um aufzufallen, aber auch, um Geld zu verdienen. Ein Stereotyp über Schwarze Männer lautet, dass sie große Schwänze und einen Heißhunger auf Sex haben. Auch wenn ich diese Ansicht höchst problematisch finde, benutzte ich sie zu meinem Vorteil. Wenn so was in deinem Profil steht, dann heißt das, du meinst es ernst mit einer harten Ficksession.

Natürlich spielt Gender eine Rolle in der Sexarbeit – wie in jedem anderen Beruf auch © Tine Fetz

Ich habe viele Männer getoppt, deren Fantasie das war. „Oh ja, fick mich mit deinem Schwarzen Schwanz“, sagten sie. Einmal nannte mich einer seinen „Schokoladen-Fuckboy“. Ich weiß… Es fühlt sich jedoch meistens gut und seltsam an, wenn man bedenkt, dass ich in 90 Prozent der Fälle kleiner und viel jünger bin als die Männer, die ich dominiere. Ich bin 1,65 m groß, wenn man großzügig misst, und die meisten meiner Kunden sind größere, weiße, ältere Männer.

Diese schwule Sexarbeit hat am Anfang Spaß gemacht, als ich verehrt wurde und dafür bezahlt wurde, verehrt zu werden. Aber die Arbeit hat mich nicht erfüllt und ich hab sie weniger und weniger gemocht. Diese Männer versuchen ständig, meine Grenzen zu überschreiten, um zu sehen, wie weit sie bei mir gehen können. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass ich keine Lust mehr hatte, missachtet zu werden. Nicht von ihnen missachtet, sondern von mir.

In den letzten Jahren habe ich meine Femininität entdeckt. Ich trage Kleider und High Heels. Ein bisschen Eyeliner und Mascara und vielleicht ein bisschen Highlighter, wenn ich mich cheeky fühle. Ich musste feststellen, dass ein femininer Ausdruck es mir unmöglich machte, dem Male Gaze zu entkommen.

Seit ich mein Fem-Ich entdeckt habe, versuche ich, Sexarbeit als trans Frau zu machen. Dabei fühle ich mich wohler in meiner Haut! Für meine Schönheit anerkannt zu werden und die Aufmerksamkeit, die den Details meines Aussehens zukommt, war auf komische Art und Weise wertschätzend für mich und gleichzeitig widersprüchlich. Wisst ihr, sobald das Make-up abgewaschen und das Korsett geöffnet ist, verkörpere ich immer noch den Schwarzen Twinky Top.

Ich habe festgestellt, dass die Arbeit mich mehr fordert, aber lukrativer ist. Ich meine, ich hatte Sessions als trans Frau, in der die Männer einfach nur in Gegenwart einer Frau sein wollten. Ich musste nicht mal meine Klamotten ausziehen für leicht verdiente 200 Euro! Meistens hat diese Arbeit einen kinky Unterton, indem die Männer, die für diesen Service bezahlen, sich selbst unterdrücken, weil dieser Kink ein Tabu überschreitet. Wieder bin ich das schmutzige Geheimnis, für das sie sich schämen, sollte es jemals entdeckt werden. Ganz ehrlich, was ist der Unterschied? Ich werde immer noch exotifiziert, immer noch geheim gehalten; nur diesmal mit mehr Respekt und höherem Honorar.

Ein dominanter Mann zu sein ist für mich Schnee von gestern und eine trans Frau zu sein ist die Zukunft. Geschlecht ist irrelevant, aber bis es wirklich abgeschafft ist, werde ich mir seine Vorteile zunutze machen.


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