Entfesselt

Empowerndes Bondage: Wenn allgegenwärtige Körpernormen und Schönheitsideale nicht mehr be_hindern.

04.06.18 > Sex & Beziehung

Von Jekaterina Jagellovsk

Au, du tust mir weh! Ah, das ist gut“, sagt er und schaut mich dabei voller Respekt von unten an. „Das geht auch noch fester, ich kann dir noch mehr wehtun“, antworte ich schmunzelnd und selbst­sicher mit etwas erhobener Stirn. Er ist mir vollkommen ausgeliefert. Ich lockere die Seile etwas, denn er soll es so noch etwas länger aushalten .

Während er unter mir liegt und ich mein Werk bewundere, indem ich die Konstruktion meiner schwarzen Seile auf seinem dunkelblond behaarten Körper streichle, gleitet mein fester Dildo langsam in seinen schönen Anus. Er stöhnt zaghaft, aber leidenschaftlich. Ich empfinde Lust, unbändige, und auch Stärke: Ich habe einen 1,85 Meter großen, muskelbepackten Mann gefesselt und gefickt. Ich habe meinen behinderten Körper, der in dieser Gesellschaft als schwach und bemitleidenswert gilt, einsetzen und lieben gelernt. Ich bin so stark, dass ich diesen großen Menschen unter mir sogar aufhängen kann – Hängebondage. Und wenn ich merke, dass es ihn zu schmerzen beginnt, kann ich genüsslich-gönnerisch fragen: „Möchtest du, dass ich dich herunterlasse?“

© ZORZOR

Einmal, nach einer intensiven Fesselsession, hat mir dieser Partner erklärt, dass er mich

ausgesucht habe wegen meines Körpers, nicht trotz. Trotz – wie oft habe ich das in meinem Leben gehört! Trotz deiner Behinderung bist du hübsch. Trotz deiner Behinderung kannst du dies oder das ziemlich gut. Trotz deiner Behinderung dieses, trotz deiner Behinderung jenes.

Fesseln hat mich selbstermächtigt. Nämlich dazu, meinen „mangelhaften“ Körper als einen widerständigen zu begreifen. Mit meinem „hässlichen“ Körper andere zu verzaubern, sie in Ekstase zu versetzen. Und nicht zuletzt Macht zu demonstrieren – konsensuell wohlbemerkt –, auch mir selbst gegenüber.

Wenn ich mit den Seilen in der Hand bei einer Kink-Party stehe, glauben noch immer viele, dass ich diejenige bin, die jetzt gleich gefesselt wird. Doch spätestens wenn es losgeht, ist allen klar, wer „oben“ spielt. Das Staunen kann ich mittlerweile gut ertragen, die Bewunderung auch. Zumal der behinderte Körper – genau wie der dic…

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