Sprachlos

Wie es ist, als Jüdin aufgrund fehlender Sprache unsichtbar zu sein.

11.09.18 > Debora Antmann
Profilfoto Debora Antmann

Debora Antmann
1989 in Berlin geboren und die meiste Zeit dort aufgewachsen. Als weiße, lesbische, jüdische, analytische Queer_Feministin, Autorin und Körperkünstlerin, schreibt sie auf ihrem Blog »Don’t degrade Debs, Darling!« seit einigen Jahren zu Identitätspolitiken, vor allem zu jüdischer Identität, intersektionalem Feminismus, Heteronormativität/ Heterosexismus und Körpernormen. Jenseits des Blogs publiziert sie zu lesbisch-jüdischer Widerstandsgeschichte in der BRD, philosophiert privat über Magneto (XMen) als jüdische Widerstandsfigur und sammelt High Heels für ihr Superheld_innen-Dasein.

Von Debora Antmann

Als Feminist*innen wissen wir, dass Sprache ein wichtiges Handwerkszeug ist. Wichtig für Communitys, wichtig, um unserem Alltagserleben, Strukturen und Erfahrungen, die wir machen, Ausdruck zu verleihen. Worte, Begriffe, Vokabeln, Codes sind wichtiger Teil von Community-Bildung und für feministisches Handeln. Oft ist es notwendig, Dinge in Sprache zu verpacken, damit wir sie greifbar machen können – für uns und andere. Um gehört zu werden, wird von uns verlangt, Dinge zu formulieren. Um miteinander solidarisch sein zu können, braucht es häufig Sprache, Begrifflichkeiten, die uns vereinen und vielleicht sogar von anderen abgrenzen. Empowerment funktioniert häufig über Sprache. Widerstand funktioniert häufig über Sprache. Gesellschaftlichen Wandel fordern funktioniert häufig über Sprache. Und auch um heilen zu können, ist es oft wichtig, Sachen auszusprechen. Doch was, wenn es (noch) keine Sprache gibt?

Sprache kann sichtbar machen – und die fehlende Sprache demnach unsichtbar © Tine Fetz

Schauen wir in die 1970er-, 1980er- und 1990er-Jahre, waren die zentralsten Errungenschaften für Schwarze Aktivist*innen, Aktivist*innen of Color oder behinderte und queere Aktivist*innen Sprache, Worte, Begriffe. Sie machten es möglich, Realitäten ins Sprechbare zu holen, noch deutlicher gegen eine Individualisierung von Problemen zu kämpfen und Strukturen sichtbar zu machen und die eigene Identität, das eigene Erleben, die eigene Position in Worte zu packen. Sie schafften Realität und vernetzten, verbanden. Selbstbezeichnungen wurden zu wichtigen Tools und machten es einfacher, das eigene Erleben in seiner Echtheit und Wahrheit zu bestätigen. Ein Wortschatz, der sich in den Jahr(zehnt)en weiterentwickeln und vergrößern konnte. Sprache macht Realität noch unumstößlicher. Und das ist kraftvoll, machtvoll und wichtig, wenn wir aufbegehren, Widerstand leisten, gehört und gesehen werden wollen. Wenn wir kämpfen und unseren Schmerz miteinander teilen möchten.

Auch jüdische Aktivist*innen begehrten in den 1980er-Jahren auf. Forderten ihren Platz und ihre Sichtbarkeit in der Frauen- und Lesbenbewegung. Und wenn wir uns auf die Suche begeben, finden wir ihre Spuren in unseren heutigen Intersektionalitätsdebatten. Aber eine wirkliche Sichtbarkeit gab es nur wenige Jahre. Zu kurz und zu wenige von ihnen, um eine eigene politische Sprache (weiter) zu entwickeln. Viele sind gegangen oder haben sich zurückgezogen. Nicht, weil sie nicht marginalisiert genug waren, sondern weil es nicht anders ging. Und das macht es schwierig, als jüdische Aktivistin in den heutigen Debatten zu bestehen. Bei meinen Vorträgen komme ich ins Schwimmen. Ich bin häufig wortlos, wenn es darum geht, Strukturen und gesellschaftliche Instrumente zu beschreiben, die auf mich als Jüdin einwirken. Ich versuche, mich an die Sprachpools anderer Zusammenhänge und Community anzulehnen, um mich und meine Realität zu erklären, aber oft scheitere ich. Jüd*innen haben kaum politische Sprachcodes, um sich zu erkennen, um über Erfahrungen zu bonden oder sich zu empowern. Das macht Community-Bildung schwierig. Vieles bleibt unbennentbar, diffus, gleitet durch die Finger und verschwindet in einer sprachlosen Realität. Einer dadurch irgendwie weniger realen Realität. Es macht es schwieriger, sich sicher zu sein, dass mein Erleben und mein Schmerz echt sind, mein Aufbegehren eine Berechtigung hat. Es macht politische Bildungsarbeit schwer, weil Vermittlung nun mal vor allem über Sprache stattfindet. Es macht Abgrenzung schwer, politisches Handeln schwierig, laut sein schwierig, präzise und klar sein schwierig, was oft nötig ist, wenn es darum geht, Machtgefüge sichtbar zu machen. Vieles bleibt ein Gefühl, verheddert sich in Vergleichen und isoliert mich in der Wolke des Wortlosen, des Sprachlosen, des Unbennenbaren.

Ich will mich ausdrücken, mich mit Menschen austauschen, die meine Erfahrungen teilen. Und mit Menschen meine Erfahrungen teilen, die andere Realitäten haben. Aber ich stehe da und ringe nur nach Worten, die es (noch) nicht gibt.


Beitragsnavigation