Von Macht und Ohnmacht

Winnie M Lis Debütroman „Nein“ erzählt von einer Vergewaltigung und ihren Folgen.

Von Ava Weis

Der preisgekrönte Debütroman von Winnie M Li ist keine leichte Kost. In „Nein“ (Originaltitel: „Dark Chapter“) verarbeitet die taiwanesisch-amerikanische, heute in London lebende Autorin ihre eigene Vergewaltigung. Von den Ereignissen berichtet sie dabei nicht nur aus Sicht der Betroffenen, des Opfers, sondern lässt auch den Täter zu Wort kommen.

© Grace Gelder

Vivian ist Ende zwanzig, lebt in London und arbeitet ohne Pause. Sie sehnt sich nach einem freien Tag, um endlich abschalten zu können. Also plant sie bei einem geschäftlichen Trip nach Belfast eine Wanderung ein. In der nordirischen Hauptstadt lebt auch der minderjährige Johnny, der sich die Zeit damit vertreibt, Leuten nachzustellen, sie auszurauben – und Frauen zu vergewaltigen. Für ihn ist das „normal“, schließlich wollen es Frauen seiner Meinung nach so. Wie auch Vivian. Ihr „Nein“ nimmt Johnny gar nicht wahr.

Für Vivian ist nach der Vergewaltigung nichts mehr wie vorher: Sie fühlt nichts, hat panische Ängste, scheint wie betäubt. Der Gedanke, irgendwann wieder ein selbstbestimmtes Leben zu führen, ist für sie nicht greifbar. Bis der Tag der Verhandlung kommt. Sie weiß, dass nur durch ihre Aussage eine Verurteilung möglich ist. Und sie hat die Hoffnung, sich nicht mehr hilf- und machtlos zu fühlen, sondern wieder die Kontrolle über ihr Leben zurückzubekommen.

Winnie M Li „Nein“
Aus dem Englischen von Volker Oldenburg. Arche Atrium, 448 S., 22 Euro

Von Anfang an erlebt man beide Versionen der Geschichte. So sehr man sich diesem Gedanken verschließen will, wird man gezwungen, auch in Johnnys Welt eintauchen. Das ist weder schön noch angenehm, doch man erahnt die familiären und gesellschaftlichen Strukturen, die einen Jungen zum Vergewaltiger werden lassen können. Demgegenüber steht Vivians Ohnmacht, aber auch der Wille und der Kampf, sich aus dieser zu befreien.

Winnie M Li nimmt sich Zeit für ihre Figuren, lässt ihren Gedanken Raum und schildert auf einprägsame Weise, wie eine solche Tat das Leben aller Beteiligten verändert. „Nein“ maßt sich nicht an, allgemeingültige Antworten oder Lösungen zu liefern. Vielmehr ist der Roman eine Auseinandersetzung mit unserer Gesellschaft, in der ignoriert wird, wie Menschen zu Tätern werden und von sexualisierter Gewalt Betroffenen ihre Stimme  genommen wird.

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