Lieblingsstreberin: Vada Sultenfuss

Vada Sultenfuss ist ihrem Alter voraus und geht unbeirrt ihren Weg.

26.09.18 > Film & Serien

Von Anna Mayrhauser

Es war der Film des Sommers 1992: Ich war neun Jahre alt, saß neben meiner Mutter im kühl klimatisierten Kinosaal und fragte mich, warum um alles in der Welt Vada auf ihren Lehrer, diesen uralten Mann von mindestens dreißig Jahren, steht, wenn sie auch Thomas J (Macaulay Culkin, in seiner bis heute überzeugendsten Rolle) haben könnte.

© Patu

Aber von Anfang an. Eine US-amerikanische Kleinstadt im Sommer 1971: Vada Sultenfuss ist elf Jahre alt. Vergänglichkeit spielt in ihrem Leben eine zentrale Rolle. Sie wächst mit ihrem Vater, einem Bestatter, dessen Betrieb im Familienhaus ansässig ist, und ihrer an Alzheimer erkrankten Großmutter auf. Vadas Mutter starb bei ihrer Geburt. Vada ist altklug, leidet an jeder Menge selbst erfundener Krankheiten und himmelt ihren Grundschullehrer an. Deswegen entschließt sie sich, in den Sommerferien einen „Schriftstellerkurs“ für Erwachsene zu besuchen, den dieser leitet. Dort lernt das selbstwusste Mädchen („Ich bin von Natur aus skeptisch“) nach und nach, sich vor ihrer eigenen Gefühlswelt nicht mehr zu verstecken. Am liebsten hängt sie aber mit ihrem besten Freund Thomas J herum, einem nicht minder altklugen Gleichaltrigen. Gemeinsam fahren sie mit dem Fahrrad herum und vertreiben sich am Fluss bei einer Trauerweide gemeinsam die Zeit. Dort klären sie die großen Fragen des Lebens: Wohin kommt man nach dem Tod? Muss man heiraten? Wie soll mein Leben aussehen?

Thomas vergöttert Vada hingebungsvoll, Vada ist das eher peinlich. Für eine männliche Filmfigur in einer Romantic Comedy der 1990er-Jahre bekommt Thomas geradezu erschütternd wenig eigene Handlung und Persönlichkeit zugesprochen. Thomas’ Anhänglichkeit wird jedoch hart bestraft: Der Film lässt ihn – Vadas nächsten Entwicklungsschritten zuliebe – an einem Bienenangriff sterben. „My Girl“ gehört zu einer Reihe von Neunzigerjahre-Filmen, die die 1970er hemmungslos verklärten – mit dem kleinen Unterschied, dass er mit Vada einen weiblichen Charakter entstehen ließ, der unbeirrt seinen Weg ging.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 04/18.

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